„Friday for Future“ heißt für die Kirche den Karfreitag als „Good Friday“ zu verkündigen

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Richard Oelze – Die Erwartung 1935/36

Im jüngsten Report „The Third Degree“ des australischen Breakthrough National Centre for Climate Resto­ration, verfasst von David Spratt und Ian Dunklop, wird an Hand neuester Klimadaten sowie soziologisch-politischen Überlegungen für Mitte des 21. Jahrhunderts, also in 30 Jahren eine Klimakatastrophe prognostiziert, die weltweit eine irreversible Zerstörung der gegenwär­tigen menschlichen Kultur bedingt. Diese Prognose lässt fragen, ob durch kollektives politisches Handeln diese Katastrophe noch abgewendet werden kann, indem die Treibhausgasemissio­nen sowie das weltweite Bevölkerungswachstum drastisch reduziert werden.

Eine solche kollektive Umkehr – wie sie ja biblisch im Buch des Jona im dritten Kapitel für die Stadt Ninive nach der prophetischen Untergangsankündigung auf Befehl des Königs vollzogen worden ist – ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Es setzt voraus, dass sich weltweit ein gemeinwohlausgerichteter Gemeinwille (volonté général im Sinne Rousseaus) manifestiert, der über staatliches Handeln zu drastischen, durch Sanktionen erzwingbare Verhaltensänderungen in der jeweiligen Bevölkerung wider individuelle Wahlfreiheiten führt. Dies erfordert zum einen eine starke Staatlichkeit (wie zum Beispiel diktatorisch in der Volks­republik China mit deren erzwungenen Ein-Kind-Politik von 1979 bis 2015), zum anderen aber eine hohe kollektive Bereitschaft zu je eigenem Verzicht. Beides ist für Entwicklungs- wie auch Schwellenländer nicht vorstellbar. Umgekehrt wird ein kollektives Verzichthandeln in einzelnen Ländern, wo sich solche Bereitschaft möglicherweise ergeben und politisch umgesetzt werden könnte, keine nachhaltige Verbesserung der weltweiten Klimadaten erbringen. Staat­lich verordnete Selbsteinschränkungen werden dort angesichts offensichtlicher Wirkungs­losigkeit nicht dauerhaft zu halten oder weiter zu forcieren sein.

Viel eher ist zukünftig eine weltgesellschaftliche Entsolidarisierung zu erwarten, wo angesichts der Erfolglosigkeit eigenen „klimatischen“ Handelns jeder sich selbst der Nächste sein wird und wo in der verbleibenden „Restzeit“ eigene Lebensmöglich­keiten ausgekauft werden. So ist dies beim Propheten Jesaja angesichts eines bevorstehenden Untergangsszenario für Jerusalem beschrieben worden:

Zu der Zeit rief der Herr, der HERR Zebaoth, dass man weine und klage und sich das Haar abschere und den Sack anlege. Aber siehe da, lauter Freude und Wonne, Rinder­töten und Schafeschlachten, Fleischessen und Weintrinken: »Lasst uns essen und trin­ken, denn morgen sind wir tot!«“ (Jesaja 22,12f)

Evidenzbasierte Verfalls- und Untergangsgeschichten (Dystopien) werden mit politischen Appellen zur kollektiven Umkehr verbunden, als könne man doch noch durch eigenes Han­deln bzw. durch eine Aggregation individueller Verhaltensänderungen bevorstehendes Unheil abwenden. Für die Kirche sind solche Umkehrrufe als Botschaft unzureichend, richten diese doch Menschen nicht auf göttliches Handeln aus. Vielmehr werden Hoffnung und Heil im Erfolg eines erfolglos werdenden menschlichen Handelns gesucht.

Im Angesicht einer bevor­stehenden menschenmöglichen Katastrophe muss kirchlicherseits das Evangelium Jesu Christi in seiner apo­kalyptischen Dimension gepredigt werden, bevor eigene Handlungs­möglichkeiten ange­spro­chen und Verhaltensänderungen eingefordert werden. Wo das Paschamysterium Christi – sein Kreuzes­tod von Golgota und seine Auferstehung aus dem Felsengrab – die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde eröffnet (vgl. Jesaja 65,17; 2Petrus 3,13; Offenbarung 21,1), haben weltlichen Untergangsszenarien nicht das letzte Wort. Mit dieser christusbegrün­deten Hoffnung werden Umkehr und Erneuerung nicht vergeblich sein. Wird hingegen in der Kirche an Stelle des Evangeliums eine klimapolitische Selbstrettung proklamiert, endet solch eine Botschaft im Fatalismus, wo menschliches Leben zukünftig als verlo­rengehend abgeschrieben wird.

„Friday for Future“ heißt für die Kirche den Karfreitag als Good Friday zu verkündigen: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Römer 14,8f). Dann mag es im schlimmsten Fall mit den Worten Jesu heißen:

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu gesche­hen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,25-28)

Hier mein Text als pdf.

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