„Das von Jugend auf anerzogene blinde Vertrauen auf Gottes Führung und Fügung, auf das »Gute« in seinem Volk, versperrte ihm den Weg zur verantwortungsvollen Tat“ – Rita Thalmann über Jochen Klepper

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Stolperstein für Jochen Klepper (Teutonenstraße 23, Berlin-Nikolassee)

Ein sensibles Lebensporträt Jochen Kleppers, das Ambivalenzen und Kritisches benennt, hatte Rita Thalmann (1926-2013) für die Reihe „Gestalten der Kirchengeschichte“ verfasst. Sie selbst war der Schoah durch Flucht aus Frankreich in die Schweiz entkommen, während ihr Vater, der Nürnberger Textilgroßhändler Nathan Thalmann, 1943 in Auschwitz ermordert wurde. Über Kleppers junge Jahre schreibt sie Folgendes:

Jochens Belastung einer schweren Drüsenoperation und ständige Asthmaanfälle, die ihn vom dritten bis zum vierzehnten Lebensjahr von den Schul- und Straßenerlebnissen anderer Kinder fernhalten, äußert sich in seinen jugendlichen Vorstellungen des Unglücks: krank sein, ope­riert werden, mit den Seinen in Unfrieden leben; Halluzinationen, Trennungs- und Todesäng­ste empfindet er während des Ersten Weltkrieges. Diese führen, wie er selbst angibt, zu »wir­ren, fantastischen Zuständen«, d. h. einer über zehn Jahre währenden Pubertätskrise. Eine Novelle, »Die Nacht in der Schachtel« (Leipziger Volkszeitung, 5. 9.1932), schildert die er­sten Gemütsverwirrungen des Knaben, der ihnen durch den Tod entgehen will. »Nun sterbe ich, dachte Zozo voller Bewunderung, nun bin ich selig und tot.«

Als Schüler in dem evangelischen staatlichen Gymnasium der zwanzig Kilometer vom elter­lichen Heim gelegenen Garnisonsstadt Glogau erfährt er zwischen Oktober 1917 und März 1922 die Zwiespältigkeit seines Wesens in einer gleich­zeitigen Zuneigung zu dem strammen dreißigjährigen Pastorensohn und Franzö­sischlehrer Erich Fromm, dessen Obhut er anvertraut ist, und der zwanzigjähri­gen Arztfrau Brigitte Hacker, der er seine noch geheimen lyrischen Versuche widmet. Zum ersten Mal begegnet ihm auch das für sein Schicksal später so schwerwiegende Problem des Judentums. Während des Kapp-Putsches 1920 kommt der Haß gegen »die Republik der Roten und der Juden« in den rechtsste­henden Kreisen der Stadt, denen auch Oberlehrer Fromm angehört, hemmungs­los zum Ausbruch. Die Haltung des jun­gen Gymnasiasten anläßlich der gegen Fromm eingeleiteten Ermittlung und der darauffol­gen­den Strafversetzung ist nicht bekannt. Festzustellen ist lediglich, daß sein Fortgang von Glo­gau, im März 1922, nach absolvierter Oberprima, zum völligen Bruch mit dem verehrten Mentor führt, dem er die Entdeckung klassischer Kultur, wohl auch das erste Erlebnis einer männlichen Freundschaft verdankt. Bezeichnend ist ferner, daß sich im Nachlaß des Schrift­stellers Zeitungsausschnitte und Aufzeichnungen zur Atmosphäre der Jahre 1919-1921 befin­den, die er für einen schlesischen Heimat­roman mit dem Titel »Hoffnungslosigkeit« gesam­melt hatte.

Wohl dem Wunsch des Vaters entsprach seine darauffolgende Wahl des Theolo­giestudiums. Erstaunlicher ist, daß sich Klepper im Mai 1922 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, einer Hochburg lutherischer Orthodoxie, immatrikuliert. Der bewußte Gegensatz zum Vater, der ausschließlich von pietistischen und liberalen Theologen ausgebildet worden war, offenbart sich, wie er 1938 in seinem Tagebuch notiert, als »ein Unglück nach der na­menlos schweren letzten Schülerzeit« in Glogau. Sein einziger Verkehr dort ist seine Logier­wirtin, eine sechsundvierzigjährige geschiedene Arztfrau und exaltierte Schriftstellerin, Olga Maria (Olly) Budjuhn, die er rückblickend als »eine Art seelischer Vampyr« betrachtete. Die Erlanger Theologieprofessoren dieser Zeit scheinen keinen besonderen Eindruck bei ihm hin­terlassen zu haben.

Entscheidend hingegen beeinflußten ihn die sechs Semester, die er anschließend an der Bres­lauer Fakultät und im Sedlnitzkyschen Johanneum verbrachte. Dort findet er neben Kommili­tonen wie Harald Poelchau, Ilse Jonas und Käthe Staritz, deren Freundschaft sich in diesen schweren Krisenjahren, wie auch später in der Leidenszeit des Dritten Reichs, bewährte, Leh­rer, die ihm wegwei­send zur Seite stehen. Von den zahlreichen Theologen beachtet Klepper zuerst nur die prominentesten, insbesondere den damals linksliberalen Goetheaner, Karl Born­hausen, dem er 1924 das Gedicht »Der Erlöser« widmet, und Erich Seeberg, unter dessen mehr nomineller als faktischer Leitung er seine Lizentiatenarbeit über Gottfried Arnold und August Hermann Francke vorbereitet. Wie weit Leopold Zscharnacks Seminare über Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts sein späteres Interesse an kirchengeschichtlichen Themen ge­weckt haben, bleibt fraglich. Auch bei Ernst Lohmeyer, dessen Vorlesungen über Geschichte des jüdischen Volkes und über synoptische Evangelien er hört, scheint ihn weniger der Kir­chenhistoriker und Neutestamentler anzuziehen als der Verkehr im Hause eines wesens­ver­wandten, kunstliebenden Pastorensohns. Wiederum kennzeichnend für seine Zwiespältig­keit ist die Vater-Sohn Beziehung, die sich zu gleicher Zeit mit dem nüchternen, wortkargen Konviktinspektor und Syste­matiker Rudolf Hermann fürs Leben anbahnt. Der mehr dem Glanz als der Tiefe nachgehende Theologiestudent empfindet Hermanns eindringliche Ausle­gung Luthers als Gegenpol zu seinem leicht dem Schwärmertum verfallenden Geist. Während sein Bruder Erhard, mit dem er des öfteren in der Breslauer Boheme verkehrt, den Entschluß gefaßt hat, den Schranken der bürgerlichen Ordnung durch das Leben in Berliner Künstler­kreisen zu entkommen, scheut er den Sprung ins Ungewisse solcher Existenz. Er will die Sicherheit der konservativen Weltordnung, die ihm Hermanns Interpretation von Luthers Römerbriefkommentar bietet, und die Genüsse der Künstlerwelt vereinbaren.

Die mit Harald Poelchau 1926/27 geführte Korrespondenz und das 1926 dem Freund gewid­mete Theaterstück »Der eigentliche Mensch« bringen Kleppers Schwanken zwischen einer künstlerischen Existenz mit all ihren gewagten Experimenten und einer Gott ergebenen theo­logischen Laufbahn zum Aus­druck. Hier taucht auch zum ersten Mal die Frage des Selbstmor­des auf, mit der er sich immer wieder auseinandergesetzt hat, mit der Schlußfolgerung, daß dieser von der Kirche als »Sünde wider den heiligen Geist« ausgelegte Schritt für den zutiefst geängstigten Menschen entschuldbar sei. Sein psychischer Zustand hat in der Zwischenzeit den Arzt veranlaßt, ihm jegliche geistige Berufstätigkeit abzu­raten. Schon im Juni 1926 bekennt Klepper in seiner Korrespondenz mit dem Studienfreund, daß er nur seiner Familie zuliebe die theologische Lizentiatenarbeit nicht völlig aufgibt. Da er »Ruhm wie das tägliche Brot braucht«, will er wenigstens den Ruf eines angesehenen Schriftstellers erreichen. Dank der Unter­stützung des Stummfilmstars Asta Nielsen, des Kunsthistorikers Franz Lands­berger sowie der unermüdlichen Schritte bei Zeitungsredaktionen, Verlegern und Bibliotheken ge­lingt es ihm, wenigstens den drückenden Geldsorgen seiner durch die Inflation verarmten Familie zu entgehen. Im April 1927 kann er Rudolf Hermann die Veröffentlichung seiner ersten Manuskripte und seine Anstellung im Evangelischen Preßverband Schlesiens mitteilen.

Die zwischen Volksmission, Volksbildung und modernen Medien angesiedelte Tätigkeit wirkt fordernd und bereichernd auf den jungen Presseredakteur, der seit Mai 1927 ein kleines Büro in Breslau mit Rudolf Mirbt, dem Sohn des Göttinger Kirchenhistorikers, und dem Theologie­studenten Kurt Ihlenfeld teilt. Trotz seines schwarz umrandeten Monokels, das manchen Landpfarrer in Schrecken versetzt, paßt sich der neue Funkkritiker und Mitarbeiter an den von Pfarrer Schwarz herausgegebenen »volksaufklärenden« Flugblättern dem einfäl­tig-konser­vativen Frömmigkeitsstil der damaligen kirchlichen Kreise an. Der Autor des »Eigentlichen Menschen«, der diejenigen bewunderte, »die Paris und Lesbie kennen«, »Morphium nehmen und sich schminken«, nicht Börries von Münchhausen, sondern »Hamlet« für Kunst halten, predigt nun den Leidtragen­den die Ergebenheit in ein von Gott gewolltes Schicksal. Auf diesem Wege kommt Klepper zur »unpolitischen« Kunst, die er als Mitarbeiter des von August Hinderer 1924 neu belebten »Eckart« vertritt. Die dem Evangelischen Preßverband nahestehende Zeitschrift, die alles weniger als avantgardistisch wirkt, setzt es sich immerhin zum Ziel, einerseits dem protestantischen Bildungsbürgertum Zugänge zur Gegenwartslitera­tur zu vermitteln, andererseits gesellschaftlich und weltanschaulich nahestehenden Schrift­stellern ein Forum anzubieten. Im Mittel­feld findet sich allmählich ein Kreis kultivierter Theologen, dichtender Pfarrer, mehr oder weniger dem protestantischen Milieu verhafteter Publizisten und Schriftsteller. Zu ihnen zählen u. a. das sächsische Pfarrerehepaar von Kirch­bach, der schlesische Pfarrersohn Gerhard Menzel, Theologen und Philosophen wie Paul Tillich, Albert Schweitzer, Martin Buber, Max Picard und Rudolf Kaßner, die Schriftsteller August Winnig, Hermann Claudius, Ina Seidel, Ernst Wiechert. Bei solchem Bemühen, mög­lichst verschiedenen Geistern Aufnahme zu gewähren, bleibt allerdings deren kritische Sich­tung auf der Strecke. Die Linie vom »unverweslichen Erbe« und vom »inneren Reich«, wie sie Robert Minder in seinem »Bild des deutschen Pfarrhauses in der deutschen Literatur von Jean Paul bis Gottfried Benn« (1962, 60) bezeichnet hat, führt bei Klepper, der noch kurz zuvor den Charme der Dekadenz rühmte, dazu, das Lob der »idealen Sittlich­keit« und »gläu­bigen Übersinnlichkeit« des völkischen Schriftstellers Hanns Johst anzustimmen. Ebenso widerspruchsvoll wirkt sein damaliger Eintritt in die Bewegung der Religiösen Sozialisten, der automatisch die Zugehörigkeit zur SPD bedingt. Der Wunsch, nach all den Jahren der Unsicherheit als angesehener Schriftsteller über ein sicheres Einkommen zu verfügen, treibt den »unpoliti­schen« Klepper zu den politischen Kräften, die um 1928 Einfluß in seinem Bereich, d. h. in Funk, Presse und Verlagswesen besitzen. Fünf Jahre später betrachtet er es als Irrtum, die bürgerliche Einordnung auf dem Weg der Politik gesucht zu haben. Er läßt nur noch sein »Bedürfnis nach Klarheit«, seine »Ablehnung aller Extravaganz und Isolierung« (Tagebuch), die ihn dazu beweg­ten, gelten.

Hier der vollständige Text als pdf.

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