„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. So zu den Dingen und Menschen zu sprechen, ist die Dichtung“ – Jochen Klepper in seinem Tagebuch

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen
Photo by Nicole Honeywill on Unsplash (cut-out)

In seinem Tagebucheintrag vom 18. April 1933 schreibt Jochen Klepper über die Bedeutung von Namen und deren Taufe Folgendes:

Eine unausgesetzte Taufe ist das Schreiben. Namen geben, Namen geben allen Dingen, die schon ihren Namen tragen und immer von neuem getauft sein wollen, bis sie ihren ewigen Namen tragen.
Namen geben den Eltern und Kindern, Namen geben der Land­schaft, den Sternen, Namen geben den Leiden und Kämpfen, Namen den Lastern, Namen der Güte –
Nicht Pläne entwerfen!
Nicht Ideen haben!
Nicht Gestalten schaffen!
Taufen – das ist es. Das ist die ganze Dichtung!
Und in dem allen die eigene Taufe begreifen!
Das: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. So zu den Dingen und Menschen zu sprechen, ist die Dichtung.
So Gott zu einem selbst sprechen zu hören, ist der Glaube. Wo Gott mich nicht kennt, kann ich das Leben und seine Träger nicht nennen.
Wenn Gott mich nicht anredet, kann ich vom Leben nichts aus­sprechen.
Dort allein liegen die Geheimnisse der Produktivität. Es heißt nicht: Was soll ich jetzt schreiben?

Es heißt:

Herr, wann wirst du wieder reden?
Herr, wann wird der Garten Eden
wieder erste Früchte bringen,
die kein Säender ersann?
Herr, wann wirst du wieder reden,
daß ich Menschen, daß ich Dingen
erste Namen geben kann?

Erzählung ist Taufe.
So einfach sind die Weisheiten, aus denen man lebt.

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