„Das Segenswort gibt, was es sagt. Es ist kein leeres Wort“ – Peter Brunner über den gottesdienstlichen Segen

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Image by Heiko Behn from Pixabay

Was Peter Brunner 1964 auf einer Pfarrkonferenz in Freiburg i.Br. in Sachen gottesdienstlicher Segen gesagt hat, ist in seiner Prägnanz immer noch gültig. Hier seine Schlussthesen:

I.

1. Gott, der eine, wahre, dreieinige Gott, ist in seinem Volke handelnd, rettend, schaffend, schenkend gegenwärtig. Diese seine tätige Gegenwart ist sein Segen. Gott allein gibt Segen.

2. Gottes segnende Gegenwart ist in seinem Volke gebunden an das Lautwerden seines Gna­denwortes in Menschenmund. Wort und Geist dürfen nicht voneinander gelöst werden.

3. Das Wort, durch das Gott zwischen Christi Erhöhung und Wiederkunft seine Heilsgaben schenkt, hat einen Inhalt, das Evangelium, aber mehrere Gestalten. Das Evangelium ist in allen seinen Gestalten ein schaffendes, schenkendes, macht­volles Wort, das Gottes Heil und Gottes Leben mit sich bringt, darum aber auch in die Krisis stellt.

4. Keine der Darbietungen des Heilswortes wirkt mit einer magischen Automatik. Das gilt auch für die Verkündigung in der Predigt. Zwar ist uns zugesagt, daß Gott die Darbietung seines Heilswortes mit der Darbietung der Heilsgabe je und je erfüllen will. Weil aber die Erfüllung des Heilsmittels mit der Heilsgabe allein von Gott kommt, darum ist das Volk Gottes in allen seinen Gliedern und mit allen seinen Amtsträgern bei der Darbietung des göttlichen Heilswortes auf Gebet und Fürbitte angewiesen. Die gottesdienstliche Predigt, die Absolution bei der Beichte, die Taufe und das Abendmahl sind daher von Gebet umgeben. Der Vollzug der Predigt, der Absolution, der Spendung der Taufe und des Abend-[350]mahles schließt eine innere betende Hinwendung zu Gott ein, gerade auch auf Seiten dessen, der ver­kündigt und spendet.

5. Der Segen ist eine bestimmte Gestalt der Darbietung des Heilswortes. Er hat darum teil an der von Gott verheißenen endzeitlichen Heilsmächtigkeit des Evange­liums. Das Segenswort gibt, was es sagt. Es ist kein leeres Wort. Gottes Treue und Macht bewirken die Präsenz der im Segenswort intendierten Heilsgabe. Zurück­weisung der durch das Segenswort in die Prä­senz gerückten Heilsgabe durch den Menschen ist möglich. Solche Zurückweisung ist die Sünde des Unglaubens.

6. Für die Gestalt, die das Heilswort im Segen annimmt, ist folgendes kennzeichnend:

a.) Das Segenswort redet nicht wie Gebet und Fürbitte Gott direkt an, sondern ist unmit­telbar dem Menschen als Zuspruch zugewandt.

b.) Das Segenswort ist aber nicht wie die Absolution ein direkter indikativischer Zu­spruch, sondern hat eine innere optativische Struktur, die eine bittende Hinwendung des Segnenden zu Gott ausdrückt und auch im Sprachlichen sichtbar wird.
Die Synthese von exhibitivem Zuspruch der Heilsgabe und fürbittendem Aufblick zu Gott als dem Geber aller Gaben formt die Sprachgestalt des Segenswortes und macht seine innere geistliche Eigentümlichkeit aus, durch die es von anderen Gestalten der Darbietung des Heilswortes unterschieden ist.

7. Das Segenswort kann selbst verschiedene Formen annehmen:

a.) Der Segensgruß (Der Herr sei mit euch; der Friede des Herrn sei mit euch; die Gnade des Herrn Jesu Christi sei mit euch.)

b.) Die ausdrückliche Segensform, die den Segen Gottes als solchen der Gemeinde oder einem einzelnen ausdrücklich zuwendet. (Der Herr segne euch …; es segne und behüte euch …)

c.) Der durch Handauflegung unterstrichene Segen.

8. Nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes hat die Geste der Handauflegung auch im Volke Gottes des neuen Bundes Heimatrecht. Sie ist nach neutestamentlichem Zeugnis in den instru­mental-exhibitiven Charakter des Segenswortes einbe­zogen. Einer isolierten Handauflegung als solcher wohnt keine Segensmacht inne. Aber Gott will sie in Verbindung mit dem Segens­wort als Mittel seiner Segensspen­dung gebrauchen. Außerdem unterstreicht sie in sinnlicher Weise das Moment der konkreten Zuwendung der Segensgabe an konkrete Personen. Wir sol­len darüber hinaus keine „Theologie der Handauflegung“ entwickeln, aber die Würde und das Geheimnis dieser Geste respektieren.

II.

1. Der Segen ist nicht auf den liturgischen Gebrauch beschränkt. Ein Hausvater oder eine Hausmutter kann dem Sohn oder der Tochter bei besonderen Anlässen, etwa beim Verlassen der elterlichen Hausgemeinschaft für längere Zeit oder für endgültig, Gottes Segen auch in der ausdrücklichen Gestalt und unter Umständen auch mit Handauflegung zusprechen. In dieser Weise werden auch Sterbende den Hinterbliebenen ihren Segen hinterlassen.

2. Der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde soll das Heilswort in der Gestalt des Segens nicht vorenthalten werden. Es ist eine große Wohltat für den Glaubenden, durch einen mit Worten ausgesprochenen Segen gesegnet zu werden.

3. Die in der Agende vorgesehenen Segensformen sollen daher regelmäßig zur Anwendung kommen. Auch soll das Moment des Zuspruches, das in dem „euch“ liegt, nicht durch Um­wandlung in ein „uns“ verdeckt werden.

4. Da das Priestertum des alten Bundes im neuen Bunde aufgehoben ist, bestehen keine Bedenken gegen den Gebrauch des sogenannten aaronitischen Segens, obwohl er in den Gemeinden der apostolischen Zeit wahrscheinlich nicht in Brauch war. Im Unterschied zum Missale Romanum ist der aaronitische Segen nach dem Vorbilde Luthers gerade für reforma­torische Gottesdienstordnungen kennzeichnend.

5. Die Umwandlung des alttestamentlichen „dich“ des aaronitischen Segens (= das Gottesvolk in seiner Gesamtheit) in „euch“ entspricht der apostolischen Weise zu segnen und ist durchaus angemessen, zumal die Einzahl heute nicht mehr auf die eine Gemeinde, deren Glied ich bin, bezogen wird, sondern auf den einzelnen, der durch die Einzahl sich als solcher angesprochen fühlt. Dieses individualisierende Mißverständnis sollte durch den Gebrauch des „euch“ ver­mieden werden.

6. Die Aufhebung der Hände beim Schlußsegen ist nicht zu fordern, sie ist aber angemessen als Unterstreichung des Zuwendungscharakters. Das Aufheben der Hände beim ausdrückli­chen Segen hat an dem scheidenden auferstandenen Herrn (Lk 24,50) sein Urbild.

Hier der vollständige Vortrag als pdf.

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