„Steure allen Aergernissen der Rohheit und Hartherzigkeit, und laß Mitleid und Erbarmen wohnen unter uns, daß deiner Güte sich freuen beide, Menschen und Thiere“ – ein Gebet gegen die Tierquälerei von 1850

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Image by Efes Kitap from Pixabay

Das Kirchenbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, 1850 in der zweiten Auflage im Verlag der Chr. Belser’schen Buchhandlung erschienen, enthält eine Sammlung sorgfältig gestalteter Gebete, die auch in anderen Landeskirchen Eingang fanden. Ein Gebet daraus verdient besondere Beachtung, nämlich das Gebet gegen die Tierquälerei, verweist es doch darauf, dass die Anfänge des Tierschutzes in Deutschland im württembergischen Pietismus liegen, namentlich beim Stuttgarter Stadtpfarrer an der Leonhardskirche, Christian Adam Dann (1758-1837), sowie bei dem Stuttgarter Pfarrer und Dichter Alfred Knapp (1898-1864), der 1837 den erste Tierschutzverein in Deutschland gründete:

Gegen Thierquälerei

Liebreicher Gott,
Schöpfer Himmels und der Erde,
du hast uns Menschen erschaffen nach deinem Ebenbilde,
daß wir in deinem Namen herrschen sollen über Alles, was auf Erden lebt.

Nun aber, da wir von dir abgefallen sind,
und der Menschen Herz in Selbstsucht, Härte und Bosheit sich verkehret hat,
ist auch die Creatur unterworfen der Eitelkeit,
und sehnet sich ängstlich mit uns nach der Erlösung zu der seligen Freiheit,
die du deinen Kindern bereitet hast.

Du aber erbarmest dich aller deiner Werke, und schonest aller;
denn sie sind dein, o Herr, du Liebhaber des Lebens.
Du thust deine milde Hand auf, und erfüllest Alles, was lebt, mit Wohlgefallen;
du hilfst beiden, Menschen und Vieh;
du giebst dem Vieh sein Futter,
und bereitest dem Raben die Speise, wann seine Jungen zu dir rufen.

O so vergieb uns, was wir an deinen Geschöpfen gethan haben
nicht nach deinem heiligen Willen
und nicht nach dem Bilde deiner Barmherzigkeit,
und erneuere uns wieder in das Bild deiner Freundlichkeit und Güte,
daß wir allenthalben dich vor Augen und im Herzen haben,
und in allen Dingen handeln, wie es dir gefällt.

Laß uns dich erkennen in deinen Werken,
daß wir mit frommem Sinn unsere Lust daran haben,
Schonung und Milde üben an allen deinen Geschöpfen,
und die Noth der seufzenden Creatur uns zu Herzen gehen lassen.

Heiliger Herr und Gott,
du wirst auch darüber Rechenschaft von uns fordern an jenem Tage.
Laß uns nie vergessen,
daß ein unbarmherziges Gericht ergehen wird über den,
der nicht Barmherzigkeit gethan hat.
Steure allen Aergernissen der Rohheit und Hartherzigkeit,
und laß Mitleid und Erbarmen wohnen unter uns,
daß deiner Güte sich freuen beide, Menschen und Thiere,
bis auf den großen Tag,
da du auch die Creatur frei machen wirst von dem Dienste
des vergänglichen Wesens,
und deine Geschöpfe erlösen von allem Uebel.
Amen.
(S. 349-351)

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