„Dieser Spruch von der Erbsünde ist einer der herrlichen Sprüche, die die Vernunft nicht versteht“ – Martin Luther über die Erbsünde

Der Sündenfall. Stich von 1504
Albrecht Dürer, Der Sündenfall (Kupferstich 1504 – Ausschnitt)

In seine Vorlesung über Psalm 51 von 1532 skizziert Martin Luther bei der Auslegung von Vers 7 die evangelische Lehre von der Erbsünde und provoziert damit unsere Vernunft:

Die Wahrheit der Erbsünde. Auslegung zu Psalm 51,7

Von Martin Luther

«Siehe, ich bin in Sünden empfangen und in Sünden hat mich meine Mutter empfangen» (V.7). Der Prophet geht bei der Lehre von der Buße in wunderschöner Ordnung vor: erstlich bittet er um Barmherzigkeit und gibt Grund und Ursach dazu an: ich bin ein Sünder und er­kenne meine Sünde, auf daß du gerecht seist und wir alle zuschanden werden. Darnach fügt er den Ursprung solcher Erkenntnis hinzu, nämlich die Worte Gottes; denn durchs Wort wird die Sünde offenbart. Was aber nun folgt, das hängt mit dem Vorangehenden so zusammen, daß es dasselbe näher beleuchtet. Es zeigt die Ursache der Sünde an und deckt gleichsam den Grund des ganzen Handels auf, warum er so seine Sünde bekennt und um Barmherzigkeit fleht, nämlich: ich bin in Sünden empfangen. Klarer und deutlicher könnte mans nicht sagen. Denn er spricht nicht: ich habe Uria getötet, auch nicht; ich habe Ehebruch begangen, son­dern er faßt die ganze menschliche Natur gleichsam in ein Bündel zusammen und spricht: ich bin in Sünden empfangen. Er redet nicht von einzelnen Werken, sondern von der Materie der Sünde selbst und spricht: der menschliche Samen, aus dem ich gebildet bin, ist bereits von Laster und Sünde verdorben. Die Materie (oder der Grundstoff) selber ist schon fehlerhaft, gleichsam schon der Ton, aus dem dies Gefäß gebildet werden soll, ist verdammenswert. Aber was willst du? so bin ich und so sind alle Menschen. Schon die Empfängnis, schon das Wach­stum des Samens im Mutterleib ist Sünde, längst eh wir geboren werden und Menschen sind. […]

Dieser Spruch von der Erbsünde ist einer der herrlichen Sprüche, die die Vernunft nicht ver­steht. Man lernt ihn aber, gleichwie andre Stücke, aus dem Gesetz und den Verheißungen Got­tes. Von den Aposteln ist es aber allein Paulus, der diesen Spruch ausdrücklich und aus­führ­lich mit großem Ernst behandelt hat. […] Und diese Lehre ist in der Kirche Gottes auch höchst nötig. Weder Papst noch Türke glauben sie. Ich kann das selbst bezeugen: als ich schon viele Jahre Doktor der Theologie war, habe ich diese Lehre noch nicht verstanden. Man disputierte zwar von der Erbsünde, aber man sagte, durch die Taufe sei sie nu hinwegge­nommen und neben der Taufe sei in unsrer Natur auch noch ein Licht übrig; wenn wir dem folgten, werde uns unfehlbar die Gnade gegeben. Ja, man lehrte sogar, selbst bei den Teufeln sei die Natur rein, sie hätten nur die Gnade verloren. Wer aber sieht das nicht, daß es sich aufs härteste widerspricht, zu sagen, die Natur sei rein, und gleichzeitig zu sagen, die Natur sei durch die Sünde verdorben? Gewiß ist der Wille ein natürlich Ding, aber sie reden nicht einfach vom Willen (an sich), sondern vom Wollen des Guten; und dies nennen sie natürlich· Hier aber liegt der Irrtum. Freilich bleibt der Wille auch im Teufel, auch in den Ketzern, inso­fern geb ich zu, er sei natürlich. Aber dieser Wille ist nicht gut und der Verstand ist auch nicht richtig und erleuchtet. Wenn wir darum recht von den natürlichen Gaben sprechen wollen in der Weise dieses Psalms und des heiligen Geistes, dann müssen wir das natürlich nennen, daß wir in Sünden und im Tode sind, daß wir das Böse und Verdorbene wollen verstehen und dar­nach trachten. Nur dies stimmt mit diesem Psalm zusammen und kann aus ihm bewiesen werden.

Quelle: D Martin Luthers Psalmen-Auslegung, hrsg. v. Erwin Mühlhaupt, Bd. 2: Psalmen 26-90, Göttingen: Vandenhoeck & Rurpecht 1692, S. 212-214 (vgl. WA 40 II, 379-384).

Hier der Text als pdf.

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