„Christus starb nicht für irgend etwas in dieser Welt; er starb weder für den Fortschritt noch für eine neue Weltordnung“ – Martin Niemöllers Vortrag „Der gekreuzigte und auferstandene Christus“ von 1953

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Matthias Grünewald – Die Kreuzigungstafel (Isenheimer Altar)

Der gekreuzigte und auferstandene Christus

Von Martin Niemöller

Im 1. Kapitel des 1. Korintherbriefes bezeichnet der Apostel Paulus die Botschaft, die er glei­cherweise an die Heiden wie an die Juden auszurichten hat, kurzerhand als das „Wort vom Kreuz“, und er legt mit Nachdruck dar, daß diese Botschaft, dies „Wort vom Kreuz“, eine Scheidung zuwegebringt zwischen denen, „die verloren werden“, und „uns, die wir selig — d. h. gerettet — werden.“ Diese Scheidung hat den Charakter einer Entscheidung; denn sie hängt davon ab, wie wir Menschen auf das reagieren, was uns als in der Kreuzigung Jesu von Naza­reth geschehen verkündigt wird. Für die einen bedeutet dies Geschehen und seine Ver­kündi­gung einfach eine „Torheit“, eine törichte Sinnlosigkeit, für uns aber, „die wir selig werden“, ist es eine „Gotteskraft“, die uns vollmächtig ergreift und in Bewegung setzt.

Das „Wort vom Kreuz“ oder die „Predigt vom Kreuz“ ist demnach mehr als lediglich eine Unterrichtung über den Ausgang, den das Erdenleben des Mannes und Propheten von Naza­reth genommen hat. Eine solche Information würde ja nur die Mitteilung eines Ereignisses, einer historischen Tatsache sein; und solch eine Mitteilung kann weder als Torheit noch als Kraft bezeichnet werden — sie ist als Mitteilung höchstens wahr oder unwahr. Und wenn uns solch eine Mitteilung gemacht wird, dann kann sie bei uns Bedauern oder Mitleid, auch Miß­billigung und Abscheu hervorrufen. Sie kann uns aber nicht zu einer Entscheidung irgendwel­cher Art veranlassen. Denn sie stellt uns ja kein Problem, das eine Antwort unsrerseits ver­langt.

Soweit wir die Geschichte der Menschheit durch die Jahrhunderte zurückverfolgen können, sind Menschen als Verbrecher hingerichtet worden, und dabei sind auch immer wieder Irr­tümer bezüglich ihrer Schuld vorgekommen. Justizmorde haben manchem Menschen das Leben gekostet, und der Fall Jesu von Nazareth betrifft insofern nur einen [238] unter vielen, das ist lediglich ein Beweis mehr für die Unvollkommenheit und Irrtumsfähigkeit unserer menschlichen Rechtsfindung und Rechtsprechung. — Vor zwei oder drei Jahren konnte man einmal in der Zeitung lesen, daß im Staate Israel die Frage erwogen wurde, ob man den Pro­zeß Jesu nicht wieder aufnehmen solle, um das Urteil zu revidieren, daß man aber von dem Gedanken wieder abgekommen sei, weil man sich über die Frage der Zuständigkeit des Staa­tes Israel nicht hat klarwerden können. Auf jeden Fall aber hätte eine solche Revision des Ur­teils keinerlei Bedeutung und Wirkung auf die Predigt gehabt, die Paulus „das Wort vom Kreuz“ nennt. Sie hätte daran nichts geändert. Die Botschaft des Paulus und der übrigen Apo­stel ist eben mehr als nur Mitteilung über ein faktisches Ereignis, ein historisches Geschehen; sie ist zugleich die Proklamation des gekreuzigten Mannes Jesus als des Christus Gottes, der von den Toten auferweckt wurde und der der lebendige Herr ist, der von denen, die die Bot­schaft zu hören bekommen, demütige Hingabe und gläubige Gefolgschaft erwartet.

Hier geht es also tatsächlich um eine Entscheidung, ihn als diesen Herrn anzuerkennen oder ihn abzulehnen. Jetzt ist uns wirklich eine Frage gestellt, und wir haben mit Ja oder Nein darauf zu antworten: Glauben wir, daß der Mann Jesus, der am Kreuzesgalgen als Verbrecher starb, der ein Opfer menschlicher Ungerechtigkeit wurde, der für seine Überzeugung zum Märtyrer wurde, der sicherlich unser Bedauern und Mitleid verdient — glauben wir von ihm, daß er nicht nur einer unter den vielen ist, für die das alles auch gilt, daß er vielmehr der Eine und Einzige ist, der Christus und der Sohn Gottes, der uns rettet und dem wir deshalb unser Vertrauen zuwenden?

Mit anderen Worten: Handelt hier Gott selber mit uns selber und in solcher Weise, daß wir nicht mehr daran vorbeikommen, auf sein Handeln eine Antwort zu geben? Stehen wir hier also tatsächlich an dem Kreuzweg, wo die eine, wirkliche Entscheidung stattfinden muß, auf die es ankommt: Verloren werden oder gerettet werden?

Ich habe viele Menschen einen schimpflichen Tod sterben sehen — am Galgen, im Stachel­draht, gehängt oder erschossen ohne wirklich zureichenden Grund oder völlig ohne [239] Grund, unschuldige Opfer menschlicher Ungerechtigkeit, Willkür und Grausamkeit. Und wir alle dürften etwas wissen oder gesehen haben vom Elend der Menschheit, das unsere Herzen rührt, unsren ohnmächtigen Zorn weckt und das quälende Gefühl hervorruft, wie sinnlos dies Dasein wird, wenn man einmal ernsthaft nach seinem Sinn fragt. Solche Erfahrungen lassen uns zweifeln und fragen, ob nicht auch der Tod Jesu einfach zu dieser allgemeinen Tragödie der Menschheit gehört, der eben niemand entrinnen kann und die jeder als unvermeidliches Schicksal mitzuerleiden hat? — Ist das, was auf Golgatha geschah, mehr, und kann es mehr sein als ein einzelnes Ereignis unter Millionen und Abermillionen gleichgearteter? Ich für meine Person muß einfach zugeben, daß es für meinen Christenglauben jedesmal eine ernst­hafte Anfechtung und Versuchung bedeutet hat und noch bedeutet, wenn ich Menschen wie Vieh und schlimmer als Vieh habe leiden und sterben sehen —und ich glaube, es würde uns allen so gehen —, aber ich glaube auch, daß unser Glaube solche Versuchungen nötig hat, wenn er nicht oberflächlich und unwirklich und zu einem religiösen Phantom werden soll, das wir uns selber zurechtmachen und das dann auch ebensoschnell verfliegt.

Nun können wir natürlich sagen: Jesus ist eben nicht ein Fall unter anderen Fällen, denn er ist ja der „Sohn Gottes“. Darin liegt eben der grundlegende Unterschied; und Jesus selbst gibt seinem Sterben die rechte Deutung, wenn er sagt: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er sei­nen einzigen Sohn dahingab.“ Aber das ist ja eben doch nicht die Botschaft, wie sie einer un­gläubigen Welt verkündet worden wäre; vielmehr lebte Jesus selbst sein Leben inmitten dieser Welt als der „Menschensohn“; und als seine Jünger in ihm den Christus, den „Gottessohn“, zu erkennen glaubten, da verbot er ihnen, das weiterzusagen, bis der „Menschensohn“ gestorben und auferstanden sei. Und auch die Apostel begannen ihre Verkündigung ja damit, daß sie die Geschichte des Menschensohnes erzählten, der schließlich am Kreuz sein Ende fand, um dann diesen als Verbrecher hingerichteten Menschen Jesus als den auferstandenen Christus, den lebenden Herrn, zu proklamieren. Und als Petrus seine Pfingstpredigt hielt, da sprach er zu­nächst von diesem Leiden und Sterben, und dann fährt er fort: „Diesen Jesus hat [240] Gott auferweckt, und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes — weil es unmöglich war, daß er hätte vom Tode festgehalten werden können.“

Die Geschichte des Menschen Jesus stellt als solche eine Herausforderung, ein „Ärgernis“, ein skandalon dar; denn hier werden wir mit einem Menschen konfrontiert, der das Ebenbild Got­tes darstellt und trägt, ungetrübt und rein, mit einem Menschen, der — im Unterschied und Gegensatz zu uns allen — im Frieden mit Gott steht und ebenso im Frieden mit seinen Mit­menschen, der in völligem Gehorsam das tut, was Gott von ihm will, „gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz“. Er erfüllt nicht nur, er lebt das eine große Gebot, indem er Gott liebt „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt“ und indem er seinen Nächsten liebt „wie sich selbst“. Keiner kann es wagen, sein Wort in Zweifel zu ziehen oder gar zu bestreiten, wenn er spricht: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Keiner von uns kann vortreten und seinen Mund auftun, wenn dieser Mann fragt: „Wer unter euch kann mir eine Sünde zum Vorwurf ma­chen?“

In der Begegnung mit ihm, mit diesem Mann von Nazareth, geht es uns auf, daß er in echter Weise menschlich ist und daß wir gerade das nicht sind. Wir stehen nicht in völligem Gehor­sam vor Gott da und haben deshalb auch keinen Frieden mit Gott — wie sollte Gott mit unse­rem Ungehorsam zufrieden sein —, und wir leben nicht im Dienst für den Mitmenschen an unserer Seite, wie wir sollten, und haben daher auch keinen Frieden mit unserem Nächsten.

Weil aber dieser Mensch wahrhaft Mensch ist, deshalb ist er selber Gottes Gericht, Gottes Urteil über unsere Unmenschlichkeit. Weil dieser Mensch gerecht ist — also so, wie Gott den Menschen haben will —, deshalb ist er das verkörperte „Nein“ Gottes zu unserer Ungerech­tigkeit. Als der Menschensohn, als der wahre Mensch, ist er zugleich Gottessohn, der einzige, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, während wir als Kinder Adams verlorene Söhne Gottes sind, verlorene Schafe, die in die Irre gegangen sind. Das kam Simon Petrus zu Bewußtsein, als er zu Jesus sprach: „Herr, gehe hinaus von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch.“

Wenn wir von dem gekreuzigten und auferstandenen [241] Christus sprechen, dann kommen wir nicht an diesem Tatbestand vorbei; daß der Mensch Jesus wahrer Mensch ist, daß er der eine wahre Mensch ist, das ist anstößig, ärgerlich, verletzend. Wir mögen uns daran erinnern lassen, daß Paulus ihn einmal als den „zweiten Adam“ bezeichnet, womit er zum Ausdruck bringen will, daß es seit Adam, den Gott nach seinem Ebenbild schuf, keinen einzigen wirkli­chen und wahren Menschen bis auf Jesus mehr gegeben hat, Und das ist dann ja auch die letz­te Ursache dafür gewesen, daß er als Verbrecher am Kreuz sterben mußte. Der wahre Mensch ist untragbar für eine Welt, die im tiefsten Grunde unmenschlich geworden ist, deren Einrich­tungen, Pläne und Programme auf „Sünder“ berechnet und eingestellt sind, d. h. eben nicht für wahrhaft menschliche Kinder Gottes, sondern für im Grunde unmenschliche Menschenwesen.

So ist Jesus von Nazareth ein äußerst störendes Element in dieser Welt der Realitäten. Diese Welt kann wohl zustimmen, wenn ein Philosoph von Feindesliebe spricht als von einem Ideal. Aber wenn Jesus sagt: „Liebet eure Feinde“, dann wird es unerträglich, weil er das tut, weil das bei ihm kein guter Rat ist, mit dem man es versuchen oder auch nicht versuchen kann. Sondern bei ihm wird es unausweichliche Verpflichtung. Man kann darauf nur mit Liebe oder Haß reagieren. Was soll aber aus dieser Welt werden, wenn dieser Jesus recht behält? Die Welt sagt „Eigentum“, aber Jesus erhebt Widerspruch: „So jemand mit dir um den Rock pro­zessieren will, dem laß auch den Mantel!“ Die Welt sagt: „Gerechtigkeit“, und Jesus antwortet darauf: „So jemand dich auf die rechte Backe schlägt, dem halte die anderern auch hin!“ Des­halb ist der Hohepriester Kaiphas völlig „im Recht“, und er spricht damit im Namen dieser ganzen unmenschlichen Welt — und sie ist und bleibt unmenschlich, ob sie sich fromm oder gottlos gebärdet — Kaiphas ist „im Recht“ mit seinem Ratschlag: „Es ist uns besser, ein Mensch“ — der eine Mensch — „sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe!“ Der Mensch bringt nämlich die Weltordnung des Unmenschen in Gefahr.

Ich meine, es ist von äußerster Wichtigkeit für uns Christen in dieser Welt, zu wissen, daß — solange es Sünde in dieser Welt gibt, und d. h., solange diese Welt steht — Jesus Christus, der wahre Menschensohn und wahre Gottessohn, [242] nicht ertragen, nicht als Herr anerkannt werden kann; daß er ausgestoßen werden muß.

Christen, die ihm folgen und ihn als ihren Herrn und Meister anerkennen, werden immer Fremdlinge in dieser Welt bleiben und im Verdacht stehen, Feinde des Menschengeschlechts zu sein — Schafe inmitten von Wölfen. Daher ist Verfolgung der Normalzustand der Christen in der Welt, nicht Freundschaft und Frieden. „Ihr müßt gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen.“

Das gilt auch von der sogenannten „christlichen Welt“, und von ihr vielleicht in besonderer Weise. Denn sie erwartet ja, daß wir noch anderen Herren, Zwecken und Zielen neben Chri­stus dienen sollen und wünscht, daß wir ihn nicht zu ernst nehmen sollen. Die „christliche Welt“ möchte ja am liebsten Christus zu einem Diener und Knecht für ihre eigenen Pläne machen; und nur, wenn wir das auch wollen, ist sie mit uns Christen zufrieden. Überall aber, wo wir an Christus als an dem eigentlichen, lebendigen Herrn und als der ausschlaggebenden Autorität festhalten, da wird es offenbar, daß es für ihn keinen anderen Platz gibt, nicht ein­mal in einer Welt, die sich nach ihm nennt, als am Kreuz. — Die Kreuzigung Christi ist der letzte verzweifelte Versuch einer ihrem Wesen nach unmenschlichen Welt, sich selber zu behaupten und zu verteidigen in ihrer fundamentalen Unmenschlichkeit.

Und trotz alledem: Diese unsere Welt, (und das heißt: wir) — wir werden ihn nicht los, weil der gekreuzigte, sterbende Mensch seinerseits nicht dazu gebracht werden kann, unmensch­lich zu werden und sich von uns mit Verachtung und Haß abzuwenden. Er bleibt auch und gerade im Sterben unter den Händen der Feinde, die er liebt, der Bruder, der dienende Näch­ste, so daß er im Sterben seine Sendung vollendet. Mit dem Gebet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ hält er das sündige, unmenschliche Menschengeschlecht fest, wie er mit demselben Gebet Gott als seinen himmlischen Vater festhält; und so hält er in sei­ner Person die unvorstellbare Spannung, Ablehnung und Feindschaft zwischen dem heiligen Gott und dem sündigen Geschöpf aus, trägt sie, überwindet sie. Da wird etwas anschaulich von der „Kraft Gottes“, die im Wort vom Kreuz wirksam wird. Hier wird, hier ist die Welt überwunden: [243] „Der Fürst dieser Welt kommt, und hat nichts an mir!“ Jesu Tod ist nicht ein Geschehen, sondern sein Sterben ist Handeln, Tun, ist Sieg: „Niemand nimmt mein Leben von mir; ich lasse es von mir selber!“ Vielleicht verstehen wir hier ein wenig von dem, was Petrus gemeint hat mit dem Wort: „Es war unmöglich, daß er — Jesus — hätte vom Tode festgehalten werden können!“ Jetzt und hier muß es zur Erfüllung der Verheißung aus dem Buch des Propheten Jesaja kommen: „Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, darum, daß er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleich gerechnet ist, und er vieler Sünden getragen hat und hat für die Übeltä­ter gebeten.“ Christus, der Gekreuzigte, ward von den Toten auferweckt, er ist der lebendige Herr!

Im Hofe unseres Gefängnisses im Dachauer Konzentrationslager stand ein Galgen. Ich mußte ihn jeden Tag sehen und jeden Tag hören, was er predigte; und ich habe dieses Galgens wegen viel beten müssen. Nicht davor hatte ich Angst, daß man mich eines Tages an diesem Galgen aufhängen könnte — man gewöhnt sich ja an solch eine Aussicht, wie wir alle uns an die Tat­sache gewöhnen, daß der Tod uns in jedem Augenblick begegnen kann und einmal sicherlich begegnen wird — vielleicht morgen! — aber ich hatte Angst bei dem Gedanken, was ich eigentlich tun würde, wenn es geschähe. Würde ich dann mit letzter Kraft meine Henker an­schreien: „Ihr hängt mich wie einen Mörder — aber die Mörder seid ihr! und es gibt einen Gott im Himmel, der wird es euch schon noch einmal zeigen!!“ Wenn Jesus so gestorben wäre, dann gäbe es kein Wort vom Kreuz, keine frohe Botschaft, keine Vergebung, keine Rettung, keine Hoffnung. Denn dann gäbe es keine Versöhnung auf Gottes Seite, dann gäbe es keine Auferstehung Christi; dann wäre der Menschensohn nicht Gottes Sohn, an dem Gott sein Wohlgefallen hat; und er wäre nicht der zweite Adam, der eine, der wahrhaft das Eben­bild Gottes ist. Er wäre dann eben gewesen, nur ein weiteres Exemplar unseres Geschlechts, einer selbstsüchtigen, sündigen, unmenschlichen Menschheit. Und wäre ich so gestorben, so wäre ich im Unglauben gestorben, nämlich ohne die Zuversicht, daß das Gebet Jesu mir ge­golten [244] hat und für mich Erhörung bei Gott gefunden hat: Denn keiner kann aus der Ver­gebung Gottes leben und dadurch mit Gott versöhnt werden, ohne ebenso und zugleich mit unseren eigenen Feinden versöhnt zu werden und ihnen unsere Vergebung zu gewähren.

Hier geht es also um mehr als nur um eine Überzeugung, hier geht es um eine wirkliche Ent­scheidung: Der gekreuzigte und auferstandene Christus will der lebendige Herr unseres Le­bens sein. Und das bedeutet, daß wir selber mit ihm gekreuzigt und mit ihm von den Toten auferweckt werden, durch den Glauben! Vergebung annehmen, das ist ja eine Entscheidung; denn es bedeutet: zugeben, daß wir im Unrecht waren, daß unsere Vergangenheit ausgelöscht werden muß. Das bedeutet zugleich: eingestehen, daß das „neue Leben“, das uns mit der Ver­gebung anvertraut wird, nicht unser ist, sondern dem gehört, durch dessen Barmherzigkeit wir verschont werden, und daß wir durch dies „neue Leben“ nur seine vergebende Liebe be­zeugen können. Vergebung annehmen, Vergebung empfangen, das heißt: wir werden wahr­haft menschliche Kinder Gottes und wahrhaft menschliche Mitgeschöpfe, Brüder für unsere Mitmenschen im Glauben: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; ich lebe, doch nun nicht ich, son­dern Christus lebt in mir!“ „Und was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Im Glauben haben wir durch die Vergebung des Gekreuzigten, der im Glauben unser lebendiger Herr ist, den Frieden mit Gott und damit zugleich den Frieden mit dem Menschenbruder.

Was das besagen will, möchte ich deutlich machen, indem ich die zweite Hälfte der Geschich­te vom „barmherzigen Samariter“ erzähle. Jesus hat uns im Neuen Testament nur die erste Hälfte erzählt, aber wir können die zweite rekonstruieren aus dem, was Jesus in anderen Zu­sammenhängen sagt. Wir verlieren den Mann, der unter die Räuber gefallen war, aus den Augen, nachdem ihn der barmherzige Samariter — der ja Christus selber im Inkognito ist — zur Herberge gebracht und am nächsten Tage beim Weiterreisen der Fürsorge des Herbergs­vaters anvertraut hat. Also: der Mann kommt wieder zu Kräften und begibt sich, da er ja völlig ausgeraubt ist und seine Geschäftsreise nicht fortset-[245]zen kann, auf den Heimweg nach Jerusalem. So muß er wieder durch die jüdische Wüste ziehen und kommt auch an die Stätte, wo man ihn niedergeschlagen und beraubt hatte. Plötzlich überfällt ihn ein Schrecken; denn an der gleichen Stelle liegt ein Mann, der offenbar das gleiche Schicksal erlitten hat. Sein erster Gedanke ist Flucht! Nur vorüber! Doch dann packt ihn der Gedanke: „Was wäre aus mir geworden, wenn jener Fremdling an Flucht gedacht hätte, als ich vor wenigen Tagen hier lag?!“ Und er wendet sich zu dem Daliegenden; er kann nicht anders, er muß versuchen, ihm zu helfen. Das Gesicht ist unkenntlich, blutüberströmt, die Augen geschlossen. Noch ein­mal überfällt ihn die Angst: Ist das nicht einer von den Räubern, die ihn überfielen? Doch als der Mann die Augen aufschlägt, erkennt er ihn: es ist der barmherzige Samariter!

Es ist immer der barmherzige Samariter! Denn wenn wir an ihn glauben, an den gekreuzigten und auferstandenen Christus, der „um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt“ ist, dann begegnen wir ihm, immer ihm, wo uns ein Men­schenkind in seinem Elend und in seiner Not begegnet. Das ist dann nicht irgendwer, sondern das ist immer der Bruder, „für den Christus starb“ wie für mich. Ja, das schließt auch den Gegner, auch den Feind mit ein. Denn Christus starb ja für mich, den Sünder, für seinen und Gottes Feind. Keiner von uns ist imstande, seinen Feind zu lieben; und es scheint völlig sinn­los zu sein, uns das zuzumuten, wie Jesus das tatsächlich tut. Wenn wir aber glauben, wenn wir an den gekreuzigten und auferstandenen Christus glauben, d. h. an Gottes Vergebung für uns um seinetwillen, dann lieben wir unseren Feind — sonst wäre das, was wir unseren Glau­ben nennen, nur eine Täuschung. Wir lieben unseren Feind, weil Jesus sich mit ihm identifi­ziert, wie er sich mit uns identifiziert. Für mich gehört es zu den wichtigsten Erfahrungen mei­nes Lebens — und die lange Gefangenschaft hat mir dazu dienen müssen — daß ich erkennen mußte: Gott ist nicht der Feind meiner Feinde, er ist ja nicht einmal der Feind seiner Feinde! Es gab einmal eine Zeit, da dachte ich: Ich habe mit denen, die das widerchristliche Regime der Nazis unterstützen und ihnen Handlangerdienste leisten, nichts zu tun; und für sie bin ich — Gott sei Dank — nicht [246] verantwortlich. Ich haßte sie und wünschte ihnen alles nur erdenkliche Böse — bis ich erkennen mußte, daß sie in keiner hoffnungsloseren Situation sind als ich selber, daß Gottes Vergebung ihnen genauso angeboten wird wie mir, daß ich als Christ ihr Schuldner bin und kein Recht habe, meiner christlichen Verantwortung nach eige­nem Gutdünken Grenzen zu setzen. Ich bin fest davon überzeugt, daß diese Erkenntnis und diese Anerkenntnis von entscheidender Bedeutung für unsren Glauben wie für unsere Aufga­be in und an der Welt ist. Wir Christen können, wenn wir an den gekreuzigten und auferstan­denen Christus glauben, die Tatsache nicht übersehen oder gar leugnen, daß Gottes Verge­bung und Rettung allen Menschen ohne Unterschied angeboten wird und durch uns ihnen angeboten werden soll. Denn Gott haßt zwar die Sünde, aber er liebt den Sünder, wer immer er sei; wir stehen immer in der Versuchung, das durcheinanderzuwerfen und dann das Ange­bot der Vergebung Gottes und damit zugleich unsere eigene Bereitschaft zum Vergeben auf diejenigen zu beschränken, die irgendwo mit uns übereinstimmen. Aber „tun nicht die Zöllner auch so?“

Daraus ergibt sich, daß wir Christen in weltlichen Machtkämpfen nicht die Interessen einer Seite vorbehaltlos vertreten können. Wir können jedenfalls nicht für eine „christliche Welt“ gegen eine „antichristliche Welt“ zu den Waffen greifen, wie man manchmal von uns zu erwarten scheint. Gewiß, wir kommen unter Umständen nicht daran vorbei, Partei zu nehmen, aber wir tun es stets unter dem Vorbe­halt, daß wir im Glauben durch Vergebung leben und daß dieses unser eigentliches und wahres Leben unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn gehört, der für uns gestorben ist, weil er es für alle tat. Wir dürfen und können als Leu­te, die im Glauben ihr Leben haben, niemand hassen, den Christus, unser Herr, liebt. Und wenn man das von uns fordert, dann haben wir zu widerstehen. Denn Gott hat uns das Amt gegeben, „das die Versöhnung predigt.“

Bei allen Auseinandersetzungen und Kämpfen in dieser Welt, wo Menschen gegen Menschen stehen, haben wir zu wissen und zu bezeugen, daß das Kreuz Christi in der Mitte zwischen den streitenden Parteien steht und daß der lebendige Herr die Menschen von beiden Seiten ruft. Wir haben [247] aber nicht die Möglichkeit, dies Kreuz zur Waffe zu machen, um damit unsere Gegner zu erschlagen.

Hoffentlich ist klar, daß das nicht etwa sagen will, daß, ein Jünger des gekreuzigten und aufer­standenen Herrn zu sein, etwa heißen könnte, wir sollten gleichgültig und untätig, gewisser­maßen Zuschauer sein. Unsere Christenhaltung gegenüber dem, was in der Welt vorgeht, heißt nicht Passivität; wir sind vielmehr mit echter Leidenschaft an nationaler, internationaler, wirtschaftlicher und sozialer Politik und Problematik interessiert; und unser Herr gibt uns dafür ein wahrhaft brennendes Herz, wenn anders er uns seinen Geist gibt. Aber wir haben kein Interesse daran, ein System herausfinden und zu praktizieren, von dem wir uns die Rück­verwandlung dieser Welt in ein Paradies versprechen. Wir glauben nämlich nicht, daß irgend eine Ideologie ein solches utopisches Ziel verwirklichen kann und berechtigt wäre, dafür Menschen zu opfern und leiden zu lassen. Es ist der Mensch als solcher, der Mensch selber, dem unser Interesse, unsere christliche Solidarität gehört.

In dem gekreuzigten Christus hat Gott sich selbst zum Diener und Knecht seiner abgefallenen, sündigen Menschenkinder gemacht. Christus starb nicht für irgend etwas in dieser Welt; denn nichts in der ganzen Schöpfung hätte dieses Opfer gelohnt; er starb weder für den Fortschritt noch für eine neue Weltordnung; er starb auch nicht für sein Vaterland — er starb für den Menschen, damit der Mensch leben möchte, der neue Mensch des Glaubens leben möchte. Deshalb heißt unser Christenberuf: Wir sollen dem Menschen dienen, den Gott über alles ge­liebt hat und noch liebt, und sollen verhüten, daß der Mensch als Werkzeug oder Mittel für irgend etwas oder irgend jemand mißbraucht wird.

So ist die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus für diejenigen, die auf ihn hören und an ihn glauben, der stärkste Antrieb dazu, daß wir auf Gottes Handeln mit unserem Dienst für den Mitmenschen antworten, so gut wir es verstehen und fertig bringen. Denn das ist die einzige Antwort, die gilt, weil Gott uns in Christus und um seinetwillen in jedem Men­schen als Mensch begegnet, und weil Christus spricht: „Was ihr getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir getan!“

Vortrag gehalten vor dem norwegischen Verein christlicher Studenten in Oslo am 17. April 1953.

Quelle: Martin Niemöller, Reden 1945-1954, Darmstadt: Stimme-Verlag 1958, S. 237-247.

Hier der Vortrag als pdf.

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