„Es ringt etwas Totes mit etwas Lebendigem!“ – Martin Niemöllers „Gedanken zu dem Thema: Evangelisch oder Katholisch?“ von 1939

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Aushang zu Martin Niemöller im Zellenbau (Zelle Nr. 1) des KZ Sachsenhausen (Foto Denis Apel)

Als Martin Niemöller 1938 im Konzentrationslager Sachenshausen in Isolationshaft genommen wurde und vom Evangelischen Oberkirchenrat (EOK) seine Entfernung von der Pfarrstelle in Berlin-Dahlem betrieben wurde, setzte sich Niemöller intensiv mit der Lehrautorität der evangelischen Landeskirchen auseinander. Zwei Papier aus dem Frühjahr bzw. Sommer 1939 ließ er seinem Bruder Wilhelm in Bielefeld zukommen, in denen er sich der römisch-katholischen Lehre von der Kirche annähert:

Gedanken zu dem Thema: Evangelisch oder Katholisch?

Wenn wir nicht nur »Protestanten«, sondern »Evange­lische Christen« sein wollen, so wird uns eine dogmatische Bindung an menschliche Entschei­dungen in Gestalt der »Tradition« zuge­mutet, die erheblich drückender werden kann als die dogmatische Bindung an die Kirchlichen Entscheidungen in Gestalt der katholischen »Tradi­tion«. Von »Autonomie« kann beide Male keine Rede sein; wir stehen unter dem Gesetz der Offenbarung Gottes an uns in Christus, die durch die Kirche als Zeugnis zu uns kommt. Dies Zeugnis fragt nach unserm Glauben, um uns zu erfüllen und unser Leben zu gestalten. Wel­chem Zeugnis geben wir nach Prüfung seiner Grundlagen den Vorzug? — Oder dürfen wir noch einen Schritt weiter gehen? Dürfen wir auf Mt. 7, V. 16 verweisen und nach den »Früch­ten« fragen? Das müßte dann heißen: Wo wird Gottes Wort wirklich als Gottes Wort geehrt? Wo wird seine Gnade fröhlicher geglaubt? Wo wird mit Christus dem Lebendigen gelebt? — Ganz primitiv: Wo wird der Ruf Gottes, den die Kirche ausrichtet, gehört, und wo empfängt er im Gebet sein lebendiges Echo?

Ich bin überzeugt, daß der katholische Christ mehr von der Bibel kennt als der evangelische; ich bin überzeugt, daß sie ihm für sein Leben mehr bedeutet; und ich bin endlich überzeugt, daß er mehr und ernster betet. — Von daher muß ich fragen, ob wir auf dem rechten Weg sind. — Vor 20 Jahren erschienen zwei Schriften; wenn ich nicht irre, lautete der Titel der ersten: »Zurück zur Kirche!« — Sicher lautete die Überschrift der zweiten (ich glaube, der Verfasser war der evang. Theologieprofessor Loofs): »Vorwärts zum Glauben!« — Ob es nicht am Ende so ist, daß beides sich decken wird, daß wir auf dem Weg »vorwärts zum Glauben« »zurück zur Kirche« kommen und auf dem Weg »zurück zur Kirche« »vorwärts zum Glauben« gelangen?! Eine reformatorische »Kirche« hat es ja in der Tat nie gegeben und wir sollten es heute sehen, daß es sie auch nicht geben wird; die Reformation hat bestenfalls in Gemeinden, oft aber nur in [455] Zirkeln und Häusern gelebt. Der Grund dafür war bei näherem Zusehen die Fülle der verschiedenen »Traditionen«. Wenn wir diese Fülle gelten lassen, weshalb sollen wir nicht die eine Tradition der alten Kirche gelten lassen? — Das sind meine Gedanken und Fragen, die nicht von gestern auf heute aufge­taucht sind, sondern mich lange begleiten und mich soweit geführt haben, daß ich — falls mir nicht irgendwie ein Irr­weg meiner Gedanken deutlich gemacht wird — mit dem Anschluß an die alte Kirche nicht mehr zögern werde. Dafür und z.T. auch dagegen sprechen natürlich noch viele andre Überle­gun­gen, Erkennt­nisse und Zweifel; aber hier sitzt wohl der eigentliche Kernpunkt, auf den ich immer wieder zurückkomme. Deshalb bitte ich, meine Darlegungen zu prüfen und mir eine möglichst grundsätzliche Stellungnahme zukommen zu lassen. […]

Bei uns Evangelischen herrscht der Eindruck — und er hat sich in hunderten von »Sekten« praktische Auswirkung verschafft —, daß am Anfang des Christentums mit der »Urgemeinde« ein Musterbild vor uns hingestellt sei, zu dem wir an Hand von Wort und Sakrament freihändig in jeder Generation etwa Parallelen und Kopien schaffen könnten und sollten. Das nennen wir dann »Kirchen«. Diese Auffassung steht in unversöhnlichem Gegensatz zu der biblischen »Lehre« von der Fleischwerdung Christi in seiner Kirche, von der Kirche als seinem lebendigen Leib, der die Pforten der Hölle (d. h. des Hades, des Todes) überwinden wird. Wir tun so, als ob eine Kirche die andere nach deren Ableben ablösen müsse: »Die Kirche ist tot, es lebe die Kirche!« — Was so zustande kommt, ist aber nie die Kirche Christi, sondern immer ein Zerrbild oder wenigstens nur ein Schatten, dem das eigene Leben fehlt. Wenn der Schatten sich bewegt, so daher, weil wir durch die Taufe und das gepredigte Zeugnis der Schrift — auch ohne es zuzugeben und darum als unvollkomme­ne, geschwächte oder kranke Glieder — in die wahre christliche Kirche, d. h. in die apostoli­sche, katholische, leiblich-reale und lebendige Kirche eingegliedert sind, deren Haupt Christus ist und in der der hl. Geist wirkt.

Diese wirkliche Kirche aber ist keineswegs ein Abklatsch der apostolischen, sondern sie ist diese selbst, jedoch in einem Zustand, der sich gegen die Zeit des Neuen Testaments geändert hat, wie sich der Erwachsene gegenüber dem Knaben verändert, der er war. Die Kirche ist lebendig, d. h. sie wächst. — Das ist hier keine Feststellung einer biologischen Tatsache, son­dern es ist das Ernstnehmen und Erkennen der Verheißung (Joh. 16, V. 13): »Er wird euch in alle Wahrheit leiten«. Christus bleibt derselbe (Hebr. 13, V. 8), aber seine Kirche erfährt im Wachstum seiner Erkenntnis, die »stückweise« ist (1.Kor. 13), aber fortschreiten soll und fortschreiten muß (Eph. 2, V. 21, 4, V. 15, Hebr. 6) zum vollen Maß des Alters Christi (Eph. 4, V. 13). Und dazu ist das Amt in der Kirche von Christus gesetzt (ganz deutlich Eph. 4, V. 11-13). Die Gnade und Wahrheit »ist durch Jesus Christus geworden« (Joh. 1, V. 17). Diese Tatsache bleibt; was aber daraus für die Kirche erkennbar wird, das wächst auch über das bibl. Zeugnis hinaus unter dem Wirken des hl. Geistes (Joh. 16, V. 14). Es geht hier »von einer Klarheit zur andern« (2. Kor. 3, V. 18) »als vom Herrn, der der Geist ist«. — Die Offenba­rung ist in Christus ganz da; aber es wird davon immer etwas mehr »offenbart«, und Stätte dieser fortwirkenden Offenbarung ist die Kirche, die »lebendige Kirche« (was nichts mit Interesse, Betrieb pp. zu tun hat, sondern hier heißt das »Leben« Gegenwart des lebendi­gen Christus)!

So kommt es, daß die Lehre der Kirche über das, was man allenfalls »Lehre der Bibel« nen­nen könnte, weit hinaus wächst. In der Bibel gibt es jedenfalls kein unmißverständliches Lehr­wort über die »Dreieinigkeit« oder über die »Zwei­naturenlehre« — um nur diese zu nennen. Wenn diese Lehren später Kirchlicher Konzilien auch im Luthertum anerkannt wurden, so ist damit zugegeben, daß der hl. Geist die Kirche über die hl. Schrift hinaus mit Autorität ausge­stattet hat; man könnte nämlich — außerhalb der Kirche — mit Schriftgründen auch gegen diese »Dogmen« argumentieren. Hier ist also kirchliche Tradition anerkannt! Und es ist damit zugegeben, daß Judas V. 3 und Hebr 1, V. 2 nicht bedeutet, daß die Glaubenserkenntnisse mit dem, was eindeutig in der Bibel steht, end­gültig abgeschlossen sind. Die Kirche hat also un­zweifelhaft ein autoritäres Lehramt, das unter der Leitung des hl. Geistes steht und so zu neu­en, die Kirche bindenden Erkenntnissen gelangt. Gibt es Kennzeichen (notae) für dieses Lehr­amt oder gilt hier ein »allgemeines Priestertum«? Offenbar ist z. B. das Augsb. Bekennt­nis eine ähnliche, autoritative Lehräußerung der luth. Kirche und nicht von einem erkennbaren Lehramt, sondern von freien Mitarbeitern geschaffen worden. Es beansprucht aber gleiche oder doch eine ähnliche Autorität wie das Nicänische Glaubensbekenntnis. — Ähnliche Vor­gänge und Ansprüche finden wir bei den übrigen nicht-katholischen »Kirchen«-Gebil­den. — Jeder behauptet, den echten Ring zu haben! Aber einer nur kann der echte sein — oder keiner! — Denn Christus hat eine Kirche gegründet, wie er einer ist; welche ist mit dieser identisch? Christus hat ein Apostolat gesetzt, wo ist es zu finden? — Hier habe ich zunächst auf Gal. 2, V. 2 zu verweisen: Paulus sucht die Übereinstimmung in Bezug auf das Evangelium mit den Säulen­aposteln unter besonderer Erwähnung des Petrus! Er fürchtet sonst »vergeblich gelau­fen zu sein«, d. h. umsonst gearbeitet zu haben! — Es darf auch nicht ver­gessen werden, daß neben Mt. 18, V. 18 noch Mt. 16, V. 19 steht und daß Lk. 22, V. 32 ebenso deutlich auf das besondere, für die übrigen stellvertretende Amt des Petrus weist. Außerdem hier: »Daß dein Glaube nicht aufhöre«. Es ist also gut biblisch, wenn sich die Kirche »apostolisch« nennt und auf die wesenhafte Verbindung mit den Aposteln Wert legt bzw. mit Petrus als dem Primus apostolorum. — Dem entspricht der Wert, den die erste Hälfte der Apostelgeschichte auf das Wirken des Petrus legt! — In der lutherischen Kirche haben wir das Amt nur als Auftrag, der »ordnungsgemäß« — rite — erteilt sein muß um der Ordnung willen. Worin dies »rite« be­steht, ist nebelhaft bzw. in das Belieben der Kirchengesellschaft oder der Gemeinde gestellt. In der Apostelgeschichte lesen wir von der Amtsübertragung an die Diakone (Act. 6, V. 6) und an die Missionare (Act. 13, V. 3), sowie von der Bestellung von Ältesten — presby­teroi — in den cilicischen Gemeinden (Act. 14, V. 23). Die Amtsübertragung erfolgt durch die Apostel bzw. Lehrer unter Handauflegung, die Ältesten werden den Gemeinden von den Aposteln geordnet. — Mit dieser Übung findet offenbar eine besondere Geistesbegabung bei der Handauflegung statt. Daher die Mahnung an Timotheus: »Daß du erweckest die Gabe Gottes, die in Dir ist durch die Auflegung meiner Hände« (2. Tim. 1, V. 6) und die Warnung, »die Hände niemand zu bald aufzulegen« (1. Tim. 5, V. 22). Vgl. auch die Aufgabe des Titus in Kreta (Tit. 1, V. 5), Älteste in den Städten einzusetzen. Zur besonderen Geistesausrüstung der Amtsträger vgl. Act. 20, V. 28: »der hl. Geist setzt zu Bischöfen«. Das Amt ist also ein Erzeugnis der lebendigen Kirche oder besser des in ihr wirkenden hl. Geistes; und von dieser Wirkung gilt »durch die Auf­legung meiner (des Apostels) Hände«. — Ich sehe nicht, wie man von der Bibel her an der apostolischen Sukzession vorbeikommen will, man bestreite denn die Realität der Kirche und die Wahrheit des Wortes Jesu über sie! — Hier geht es doch nach Lk. 10, V. 16: »Wer euch hört, der hört mich!« — und nach Joh. 14, V. 16: »Daß er bei euch blei­be ewiglich«. Dies Argument für die Auto­rität der kirchl. Lehre pp. oder des Amtes scheint mir unwiderleglich. — Dazu kommen ja andere: »quod semper … ab omnibus credita est« — Dieser Grund­satz (des Vincenz v. Lérins) würde die Lehre der Kirche doch irgendwie den Historikern ausliefern. — Wesentlicher dürfte sein die »Beweisung des Geistes und der Kraft« (1. Kor. 2, V. 4), die aber nur für den Glauben zwingend ist, der diesen Erweis schauen kann (Eph. 1, V. 17-19). Jedenfalls sorgt das Amt der Apostel schon in biblischer Zeit für Einheit in Lehre, Leben und Ordnung der Kirche, d. h. ihrer einzelnen Gemeinden und untereinander (l. Kor. 11, V. 16, Act. 15, Tit. 1, V. 5 u. a.). — Die Geschichte der evangelischen Christenheit beweist heute, daß allein durch Wort und Sakrament ein leibliches, d. h. ein­heitliches kirchli­ches Gebilde nicht entstehen kann, sondern daß die Einheit in Predigt und Sakramentsübung von Schritt zu Schritt neue Bindungen von größerer oder geringerer Wichtigkeit nötig macht. Kommen sie nicht zustande, so zerfällt das Ganze, wie es heute am Tage ist! Die Augustana versucht eben, an die Stelle der realen — wenn auch in schlechtem Zustand befindlichen — (wahren) Kirche, eine spiritualisierte — und darum idealisierte — (Schein-)Kirche zu setzen; doch es gilt auch hier: »Die göttliche Schwachheit ist stärker als die Menschen sind«. — Es ringt etwas Totes mit etwas Lebendigem! — Aber die wirkliche Kirche ist auch die wahre, und auch in der Schwachheit lebendig-bleibende: denn hier tut der lebendige Gott sein Werk (Mt. 16)!

Hier der vollständige Text „Gedanken zu dem Thema: Evangelisch oder Katholisch?“ als pdf.

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