Martin Niemöller: Der Nächste in seiner Bedeutung für das menschliche Zusammenleben

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«Zusammenleben» ist die vorgegebene Form menschlicher Existenz über­haupt; menschliche Existenz ist ihrem Wesen nach Ko-Existenz: Mensch sein heißt immer zugleich Mensch unter andern Menschen, Mit-Mensch sein. So entsprach es und so allein entspricht es dem Willen des Schöpfers, der gesagt hat: «Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.» — Dies Zusam­menleben ist jedoch nicht einfach eine Naturgegebenheit, sondern — indem es menschliches Zusammenleben ist und sein soll — eine sittliche Aufgabe. Dies Zusammenleben hat es mit Gut und Böse, mit Segen und Fluch zu tun, weil es das Zusammen­leben derer ist, die als ein­zige unter Gottes Geschöpfen nicht wehrlos einem stummen Gesetz unterworfen sind, sondern unter dem persönlichen Anruf Gottes stehen: «Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott!» — «Liebe üben»: das heißt, das menschliche Zusammenleben ist von uns Men­schen zu gestalten, und zwar nicht auf Grund von inhärenten Gesetzmäßigkeiten, aus denen sich die rechte Ordnung dieses Zusammenlebens zwangsläufig — gewissermaßen automa­tisch — ergibt (wie das beim Zusammen­leben einer Tierherde geschieht), sondern im gehorsa­men Hören und im hören­den Gehorsam gegenüber dem ausdrücklichen, klaren Gebot Gottes.

Wo dieses Gebot Gottes außer Kraft gesetzt und gegen ein, auch uns Men­schen bindendes, stummes «Naturgesetz» eingetauscht wird, da begeben wir uns der Möglichkeit eines mensch­lichen Zusammenlebens, indem wir den guten und gnädigen Gotteswillen, der uns meint und auf uns zielt, leugnen und ver­leugnen. «Wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich ver­gangen in meinem Elend!» — Es hat gar keinen Sinn, ernsthaft von menschli­chem Zusammenleben sprechen zu wollen, wenn wir die Überzeugung mit­bringen, daß unser Zusammenleben von dem Naturgesetz des Kampfes ums Dasein, des Kampfes aller gegen alle, regiert wird und regiert werden muß. Denn aus diesem Naturgesetz folgt mit eherner Konsequenz: «Jeder ist sich selbst der Nächste!» — Damit wird aber bestritten, daß es über­haupt so etwas wie einen «Nächsten» geben kann. Aus dem Zusammenleben wird das Gegen­einanderleben; aus dem Gehilfen — «Ich will ihm eine Gehilfin machen!» — wird der Kon­kurrent, aus dem Mit-Menschen der Gegen-Mensch. — Es hieße, den [662] wirklichen Tatbe­stand verharmlosen, wollten wir uns vor dieser Konsequenz dadurch zu retten suchen, daß wir an die Stelle des eigenen Interesses als letzt­lich treibender Kraft ein irgendwie geartetes Grup­pen-Interesse setzen, daß wir diesen Kampf ums Dasein zunächst einmal im Bündnis mit denen führen, die—angeblich oder wirklich — sich der gleichen Gegner, Konkurrenten und Gegen-Menschen meinen erwehren zu müssen. Die Führung des Kampfes ums Dasein als eines Klassen-, Rassen- oder Völkerkampfes ums Dasein, um den «Platz an der Sonne», än­dert nichts daran, daß ein kollektiver Interessenkampf das menschliche Zusammenleben eben­so grundsätzlich verneint und aufhebt wie der individuelle Existenzkampf des einzelnen gegen die andern. Der «Nächste» ist nicht derjenige, mit dem uns ein gleiches Interesse verbindet, nicht derjenige, den ich deshalb als «Nächsten» gelten lasse, weil er mir die Möglichkeit bie­tet, mir selbst der «Nächste» zu bleiben!

Wir sollten es allmählich gelernt haben und wissen, daß ein menschliches Zusammenleben auf der Basis eines irgendwie gearteten Kollektiv-Interesses nicht wahrhaft verwirklicht und gesi­chert werden kann, daß es die Keime der Selbstauflösung in sich trägt und — über kurz oder lang — zur Reife bringt, daß am Ende der nackte Kampf ums Dasein das Menschliche wie das Gemeinsame wie endlich das Leben selbst bedroht und zerstört. — Jedes Zusammenleben von Menschen, das interessenbestimmt und zweckgebunden bleibt, schafft eine Verbundenheit immer nur um den Preis, daß es gleichzeitig Gegensätze schafft und dadurch trennt. Es bedeu­tet nämlich nichts anderes als die Anerkennung des Naturgesetzes im Gegensatz zur Berufung des Menschen zum Gehorsam gegen seinen Schöpfer und Herrn, der uns gerade nicht unter das Naturgesetz versklavt sehen will, sondern uns zur Freiheit und Gebundenheit der Kinder Gottes beruft: «Du sollst Gott deinen Herrn lieben und deinen Nächsten als dich selbst!»

Unsere natürliche, vorgegebene Ko-Existenz als Menschen in dieser Welt bedeutet also noch keineswegs menschliches Zusammenleben; diese Ko- Existenz wird vielmehr unter der Herr­schaft des «Naturgesetzes» automatisch zum Schlachtfeld für den Kampf ums Dasein; und in diesem Kampf bleibt kein Raum für irgendeinen «Nächsten» außer mir selbst. — Erst dort, wo uns in dieser tatsächlichen und notvollen Ko-Existenz das Gebot Gottes verpflichtend trifft, wird die Aufgabe sichtbar, die uns gestellt ist, daß wir nämlich diese Ko-Existenz zum menschlichen Zusammenleben zu gestalten haben. Das heißt: Ich darf mir gar nicht selbst der Nächste sein; vielmehr muß mir jetzt derjenige zum Nächsten werden, der mich zum men­schlichen, also zum mit-menschlichen Zusammenleben mit ihm einlädt und nötigt. — Denn dieser andere, der mich so in Anspruch nimmt, macht mich ja erst zum Menschen — nicht zum Menschen an sich und für mich — diesen Menschen gibt es nicht: er bleibt ein Un-Mensch —, [663] sondern zum Menschen an ihm und für ihn, zum Menschen, der Mensch ist, indem er zum Mit-Menschen wird. — Der «Nächste» hat also die Bedeutung für ein mensch­liches Zusammenleben, daß er dies Zusammenleben als menschliches Zusammenleben über­haupt erst ermöglicht.

Hier handelt es sich jeweils um einen Akt der Erlösung, um das Befreitwerden von dem frem­den Gesetz, das mich unfähig macht zum rechten, nämlich gott­gewollten menschlichen Zusammenleben, indem es mich verführt, nötigt und zwingt, mir selbst und mir allein der «Nächste» zu sein. Diese Erlösung aber ist geschehen, indem Gott in Jesus Christus mein Bruder, mein Mit-Mensch, mein Nächster wurde. Er praktiziert an mir das rechte, gottgewoll­te menschliche Zusammenleben, indem er nicht sich selbst der Nächste wird und nicht für sich den Kampf ums Dasein kämpft, sondern ganz und gar mein Mit-Mensch und Nächster wird und mich seinen Nächsten und Mit-Menschen sein läßt. — So brauche ich nicht mehr mir selbst der Nächste zu sein; ich bin frei, mich von ihm als sein Nächster in Anspruch nehmen zu lassen. In ihm geschieht es, daß uns das Gebot und Wort Gottes in seiner befrei­enden und verpflichtenden Vollmacht begegnet. Uns: denn diese Botschaft wendet sich an alle; und von hier aus wissen wir’s, daß nun jeder Mensch uns zum Nächsten werden kann, ja, daß er uns zum Nächsten wird und werden muß, wo immer er unserer Mit-Menschlichkeit bedarf.

Wir haben also nicht eigenmächtig darüber zu befinden, wer unser Nächster sein soll und wer nicht; wir bestimmen nicht darüber, wie weit wir etwa unsere Solidarität, unser menschliches Zusammenleben erstrecken wollen und wo wir ihm Grenzen setzen. Das ist ja die Gefahr, die ein wirklich menschliches Zu­sammenleben immer wieder in Frage stellt. Und die Versuchung zu solchem Rückfall ist bedrohlich groß; denn es ist die Versuchung zur Rückkehr unter das Gesetz der Selbsterhaltung und damit zum Unglauben, das heißt zu jenem Zustand, wo jeder wieder sich selbst der «Nächste» sein zu müssen glaubt. — So ist es je und wieder geschehen, auch und besonders augenfällig in jener Zeit vor zwei Jahrzehnten, als selbst die «christliche» Kirche — wie sie meinte: um ihrer Sicherheit willen! — den Nächsten und damit ihren Herrn verleugnete, als er unserer Mit-Menschlichkeit am dringendsten bedurfte. — Aber wo immer wir darauf ausgehen, uns selber zu sichern, da wird das menschliche Zusammen­leben zerbro­chen, weil wir damit zurückkehren in die Knechtschaft, die uns vom Nächsten isoliert und uns mit uns selber allein läßt. — Wir sind aber nicht unsere eigenen Herren und damit dann not­wendig auch unsere eigenen Sklaven; sondern: Herr über uns und unser Handeln ist der Näch­ste; und unsere Ko-Existenz mit ihm wird nur dadurch zum menschlichen Zusammenleben, das heißt zum Mit-ihm- und Für-ihn-Leben, daß wir ihm — dem Nächsten, der unser bedarf — den Platz lassen, den Gott ihm zugewiesen hat dadurch, daß Jesus [664] Christus ihm Nächster wurde und sich mit ihm solidarisch erklärte. Der Nächste wird, indem er unsere Soli­darität herausfordert, unser Herr: «Was ihr getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir getan!» — Da steht nichts mehr in unserem freien Belieben, nichts mehr in unse­rer Willkür! — Hier können wir uns dem menschlichen Zusammenleben, der unbeding­ten Ver­antwortung nur noch um den Preis des Glaubens und das heißt: um den Preis unseres eige­nen Mensch-Seins versagen!

So bleibt denn unser Zusammenleben als menschliches Zusammenleben auf den Nächsten angewiesen und an den Nächsten gebunden. Das darf — gerade deshalb — nicht mit irgend­welcher Humanitätsromantik verwechselt werden. Denn dies Zusammenleben heißt eben nicht, daß «alle Menschen Brüder» werden; das ist eine billige und allzu billige, nämlich zu gar nichts verpflichtende Behauptung: den Nächsten gibt es nur in concreto, wie menschliches Zusammenleben ein bloßer Traum bleibt, wo und solange es nicht dadurch konkret wird, daß wir jemandem als Nächstem wirklich begegnen, ihn wirklich ernst nehmen, ihm wirklich als unserem Herrn dienen, weil er den Mit-Menschen, den Bruder braucht.

Niemand ist unser Nächster, weil er die gleichen Interessen vertritt, das gleiche Schicksal trägt, der gleichen Anschauung huldigt, den gleichen Glauben teilt wie wir; und alles das begründet noch kein menschliches Zusammenleben. Denn in dem allem kann das erbar­mungslose Gesetz des «Jeder ist sich selbst der Nächste!» herrschen. Unser Nächster ist der, der uns als Mit-Menschen nötig hat, und dem es gelingt, unser Mitmensch-Sein wachzurufen, uns zu seinen Nächsten zu machen, so daß es zum menschlichen, mit-menschlichen Zu­sam­menleben kommt, indem von uns der Dienst geschieht, den er von uns braucht. — Das kann tausend Gestalten annehmen, auf die es im Grunde aber nicht ankommt; worauf es ankommt ist, daß wir in ihm den Nächsten erkennen und anerkennen, das heißt, daß wir über ihm und über dem Dienst, den wir ihm tun, zu Mit-Menschen werden.

Wir sollen wohl auch nicht meinen, daß dadurch nun die Ko-Existenz der Menschheit als menschliches Zusammenleben «in Ordnung» gebracht werden könnte oder «in Ordnung» kommen würde. «Der Glaube ist — tatsächlich — nicht jedermanns Ding! » Und wer darauf wartet, daß wir Menschen uns wirk­lich eines schönen Tages als Nächste erkennen und dann auf dieser Grundlage ein allgemeines und rechtes «menschliches Zusammenleben» realisieren und organisieren werden, der mag sich hüten, daß er nicht eines bösen Tages der Resignation verfalle. Der Nächste, das heißt der Mensch, der den Mitmenschen braucht, ist zwar überall zu finden; aber er ist ja nicht gefragt! Vielmehr wird die Frage «Wer ist denn mein Nächster?» ja nur deshalb gestellt, um sich dem Nächsten zu entziehen: «Er aber wollte sich selbst rechtfer­tigen.» — So ist die [665] Bedeutung des Nächsten für das reale menschliche Zusammenleben verhältnis- mäßig gering. In der Wirklichkeit herrschen nun einmal die Parteien, die ver­schie­denen Gruppen mit ihren gemeinsamen Interessen, mit ihren gemeinsamen Schicksalen, mit ihren gemeinsamen Weltanschauungen, mit ihren gemeinsamen religiösen und «kirchlichen» Bekenntnissen; und vielfach ahnen sie nicht ein­mal etwas davon, daß es kein Bekenntnis gibt, um das Gott sich kümmert, wenn es sich nicht als das Bekenntnis zum Mit-Menschen, zum Nächsten aktualisiert: «Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan! »

Vielleicht ist es aber noch wichtiger, sich das vor Augen zu halten, daß auch der geringe Dienst am Nächsten in Ewigkeit nicht umsonst ist; und dieser Dienst — auch der geringste — am Nächsten ist das wirklich menschliche und darum Gott wohlgefällige Zusammenleben; denn hier geht es tatsächlich um die Gotteskindschaft, um den Glauben. Und hier ist gewiß nichts verloren und nichts umsonst! — Und hier dürfen wir uns daran erinnern lassen, daß Jesus seine Jünger — diesen kleinen und armseligen Haufen — als ‚«Salz der Erde» bezeich­net; und das menschliche Zusammenleben braucht dies Salz, das «Salz» nämlich, daß mitten in allem Kampf ums Dasein der Nächste mit seinem Fragen und Rufen von uns — von mir gehört und erhört wird. Denn so heißt es von Sodom: «Ich will sie nicht verderben um der zehn willen!»

Quelle: Antwort. Karl Barth zum siebzigsten Geburtstag am 10. Mai 1956, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag 1956, S. 661-665.

Hier der Text als pdf.

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