„Spreche ich als Pfarrer possessiv von „meiner“ Gemeinde, in der ich das Sagen habe, eigne ich mir das unter Jesus Christus gemeinsam Geteilte eigenmächtig an“ – Warum Pfarrerinnen und Pfarrer zuallererst Glieder der örtlichen Gemeine Jesu Christi sind

Talare
Feierlicher Einzug von Pfarrern zur Einweihung der Paul-Gerhardt-Kirche in Nürnberg-Langwasser am 4. Dezember 1961 (ersten Advent)

„Meine Gemeinde“ heißt es aus dem Mund von Christinnen und Christen. Damit wird die eigene Zugehörigkeit zur örtlichen Kirche Jesu Christi zur Sprache gebracht. Was besagt aber diese Wendung, wenn sie aus dem Mund einer Pfarrerin oder eines Pfarrers kommt? „Mein“, „dein“, „sein“, „ihr“ gelten grammatikalisch als Possessiva mit einer zweideutigen Bedeutung, entweder besitzergreifend oder aber zugehörigkeitsanzeigend. Und genau darin zeigt sich die pastoralethische Herausforderung:

Spreche ich als Pfarrer possessiv von „meiner“ Gemeinde, über die ich das Sagen habe, eigne ich mir das unter Jesus Christus gemeinsam Geteilte eigenmächtig an. Mit gutem Grund ist in der ursprünglichen Luther-Bibel von der „Gemeine“ und nicht von einer untergliedrigen Organisationseinheit „Kirchengemeinde“ die Rede. Mit der „Gemeine“ ist – im Sinne Martin Luthers – eben das Gemeinsame bzw. Gemeinschaftliche, an dem alle Mitglieder qua Priester­tum aller Gläubigen partizipieren, hervorgehoben. Egal ob als Pfarrerin oder als sogenannter „Laie“ Christinnen und Christen sind zuallererst Mitglieder der örtlichen „Gemeine“ Jesu Christi.

Will ich als Pfarrerin bzw. Pfarrer in meinem Dienst Jesus Christus treu bleiben, zählt also zu­nächst meine Zugehörigkeit zur örtlichen Gemeine Jesu Christi, für die sein Wort gilt: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Markus 3,35). Diese gottwillige Gemeine hat Vorrang vor der „Gemeinschaft der Ordinierten“. Ein­gedenk der Worte Jesu „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein“ (Markus 10,43f) steht Pfarrerinnen und Pfarrer ein standesbewusstes Auftreten, wie es sich mitunter in kollektiven „Talar­ein­zügen“ zeigt, nicht gut an. An Stelle des Talars als klerikal-protestantischem Habit kommt im eigenen hingabevollen Wortdienst für die Gemeine die Christusautorität zur Geltung: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekom­men, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45)

Hier der Text als pdf.

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