Richard Schaeffler: „Unsere Erinnerung ist Danksagung, weil die Vergan­gen­heit, an die wir uns erinnern, die von Gott her schon gewirkte Zukunft ist, die sich für unsere Erwartung auftut.“ (Christlicher Glaube – Hoffnung aus Erinnerung)

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Richard Schaeffler am 4. März 2017 im Rahmen der internationalen Fachtagung „Gott denken“ im Stift Heiligenkreuz

Der jüngst verstorbene katholische Philosoph Richard Schaeffler (1926-2019) hat als Sohn einer jüdischstämmigen Mutter eine besondere Sensibilität für eine anamnetische Vernunft im Licht der Liturgie sowie des Gebets gezeigt. Sein Vortrag auf dem Katholikentag 1978 in Freiburg unter dem Titel „Christlicher Glaube – Hoffnung aus Erinnerung“ ist mehr als 40 Jahre später immer noch lesenswert. Hier das Schlusskapitel:

Die Erinnerung des Glaubens heißt Danksagung

Wer von Danksagung spricht, hat den äußersten Gegensatz dessen benannt, was Forderung oder „Postulat“ heißen kann. Eine Hoffnung, die aus der Danksagung entspringt, ist dadurch gegen alle fordernde, „postulatorische“ und darum in letzter Konsequenz atheistische Hoff­nung aufs Deutlichste abgegrenzt. Aber es ist nicht sogleich zu sehen, wie Danksagung für denjenigen möglich ist, der den Skandal dieser Welt in aller Schärfe vor Augen hat. Der Ant­wort auf diese Frage nähern wir uns, wenn wir uns daran erinnern: Diejenige Danksagung, von der hier die Rede sein soll, schließt den Skandal des Kreuzes nicht aus, an welchem der Skandal dieser Welt in äußerster Schärfe offenbar wurde. Im Gegenteil. Die Erinnerung an das Kreuz Jesu macht den zentralen Inhalt christlicher Danksagung aus. So gilt es zu begrei­fen, auf welche Weise gerade das Kreuz zum Inhalt einer danksagenden Erinnerung werden kann, das Gedächtnis des Leidens Jesu zum Inhalt der „Eucharistia“, der Danksagungsfeier im Zentrum christlichen Gottesdienstes.

Um darüber Auskunft zu erhalten, orientieren wir uns an einem liturgischen Text, an der er­sten Oration des Karfreitags. Wir wollen uns durch die scheinbar schwerfällige Sprache und die Fülle der Aussagen, die hier auf knappstem Raum zusammengedrängt sind, nicht abschre­cken lassen. Die sprachliche Form dieses Gebetes und die Verknüpfung seiner vielfältigen Inhalte sind nicht gegen andere Formen austauschbar, die scheinbar leichter ins Ohr gehen, oder gegen andere Inhalte, die scheinbar verständlicher sind. Gerade so, wie dieser Text überliefert ist, verweist er uns, wenn wir geduldig zuhören, auf jene Mitte, in welcher die schmerzliche Erinnerung an den Skandal des Kreuzes und die glückliche Erinnerung an Gottes Großtaten zusammengehören. Ich versuche, so gut es geht, eine Übersetzung ins Deutsche.

O Gott, jede Generation der Menschen trat das Erbe der vorigen an und übernahm so den Tod als das Erbgut der Sünde. Du aber bist der, der diesen Tod durch das Leiden deines Gesalbten, unseres Herrn, aufgelöst hat. Durch unser Todesschicksal tragen wir an uns die Prägung unserer irdischen Natur. Laß uns ihm gleichgestaltig werden, damit wir, dadurch geheiligt, die Prägung der himmlischen Gnade an uns tragen.

Aus dem Wortlaut dieses Gebetes spricht alles andere als jene „glückliche Blindheit gegen den Skandal dieser Welt“, von der an früherer Stelle die Rede war. Weit mehr spricht daraus die schmerzliche, ja empörende Erinnerung an die endlos wiederholte Erfahrung von Vergeb­lichkeit. Jede Generation der Menschheit beginnt neu mit der Bemühung, die Welt und das Leben besser zu machen. Und doch hat sich in der Abfolge der Generationen der Unheilszu­stand von Sünde und Tod beständig reproduziert. „Jede Generation“, so sagt der Beter, „trat das Erbe der vorigen an und übernahm so den Tod als das Erbgut der Sünde“. Und diese schmerzliche Erinnerung hat die Erwartung des Beters radikal gemacht. Wenn der Mensch nach so viel Vergeblichkeit überhaupt etwas zu erwarten hat, dann nicht, daß dieses oder jenes verbessert, geheilt oder wiederhergestellt werde. Das Ganze, die „Prägung unserer irdi­schen Natur“, muß einer Neugestaltung Platz machen, die der Beter die „Prägung der himmli­schen Gnade“ nennt.

Aber trotz dieser radikalen Erwartung spricht aus dem Wortlaut des Gebetes nicht die ankla­gende Forderung, daß dem Menschen nun endlich ein Recht zuteilwerde, das eine böse Welt ihm so lange vorenthalten hat. Der Beter weiß: Der Unheilszusammenhang von Sünde und Tod beherrscht nicht nur die Welt „da draußen“, sondern seine „eigene Natur“, durch die er „irdisch geprägt“ ist; und wenn diese Welt untergehen muß, damit eine kommende Welt ent­stehen kann, dann sind auch wir selbst in diesen Untergang mit verstrickt. „Durch unser To­desschicksal“, so sagt der Beter, „tragen wir an uns die Prägung unserer irdischen Natur.“

Worauf aber beruht dann die Hoffnung dessen, der so spricht, wenn sie weder aus einer nai­ven Vergoldung der Vergangenheit hervorgeht noch aus einer anklagenden Forderung nach einer besseren Zukunft? In eben jenem „Todesschicksal“, das ihm bezeugt, daß er ein Teil dieser untergehenden, „alten“ Welt ist, begegnet der Mensch dem Leiden eines anderen, der schon gestorben ist. Ihn nennt der Beter den „Gesalbten Gottes und unseren Herrn“ und glaubt, Gott habe in diesem einen Tod den Tod der Welt und der Menschen „aufgelöst“. Und indem er diesen Gott gegenwärtig anruft, hofft er auf eine Zukunft, die damit beginnt, diesem einen Toten „gleichgestaltet“ zu werden, und die ihr Ziel darin erreicht, umgestaltet zu werden von der „irdischen Natur“ zur „himmlischen Gnade“.

Was ist das für eine Erinnerung? Und welche Hoffnung ist es, die aus ihr hervorgeht? Erin­nerung an ein Sterben, das den Tod überwunden hat, und Gegenwart eines Gottes, der aus dem Tode Jesu das neue Leben der Menschen und der Welt schon geschaffen hat, wird zum Ursprung einer Erwartung eines kommenden Lebens. Wer von christlicher Hoffnung sprechen will, und wer sehen will, wie sie aus christlicher Erinnerung hervorgeht, wird so auf eine zen­trale Aussage des Glaubens verwiesen: Der Unheilszusammenhang der Menschheitsgenera­tionen ist nicht dadurch überwunden worden, daß jemand protestierend aus ihm ausbrach, um für sich und für alle ein besseres Leben zu fordern. Dieser Unheilszusammenhang wurde da­durch überwunden, daß einer in ihn eintrat, um für sich und für seine Freunde dieser Welt des Unheils seine Solidarität zu erklären, ihr Todesschicksal anzunehmen und von seinen Freun­den das „Gleichgestaltetwerden“ mit diesem Tod zu verlangen.

Wir haben nach der Einheit von glücklicher und schmerzlicher Erinnerung gefragt. Denn aus dem Unterschied dieser beiden Erinnerungen erklärt sich die Differenz der Hoffnungen, die wir in unserer Erfahrung kennen. Aber das Unterscheidende christlichen Glaubens und Hof­fens, so schien es, muß gerade dort gesucht werden, wo diese beiden Arten des Erinnerns und Hoffens einander nicht mehr in einer sich ausschließenden Gegensätzlichkeit gegenübertreten, sondern zur Einheit zusammenwachsen. Und diese Einheit suchten wir in der schmerzlichen, ja empörenden und doch zugleich glücklichen Erinnerung an das Kreuz. Nun hat sich gezeigt: Diese Erinnerung an das Kreuz ist schmerzliche, ja empörende Erinnerung. Denn das Kreuz ist der Beweis dafür, daß der Unheilszusammenhang der Generationen, der Teufels­kreis von Schuld und Tod, auch durch den „Gesalbten Gottes“ für die uns vor Augen stehende Erfahrung nicht durchbrochen wurde. Sein Auftreten hat vielmehr bewirkt, daß die Mächti­gen dieser Welt, vertreten durch Kaiphas, Herodes, Pilatus, sich zum Kampf gegen das ange­bote­ne Heil zusammenfanden, daß also die Macht des Bösen sich steigerte und den Heilbrin­ger zu Tode brachte. Und doch ist die gleiche Erinnerung an das Kreuz glückliche Erinnerung an die größte unter allen Heilstaten Gottes, weil die Solidarität, die Jesus der Welt erwies, in­dem er ihr Todesschicksal annahm, durch keine Feindseligkeit der Welt gegen ihn und gegen seine Freunde unwirksam gemacht werden kann. Er ist, wie so viele vor ihm, an der Welt und ihrer Bosheit gestorben. Aber er ist, und das unterscheidet ihn von all denen, die vor ihm ge­litten haben, für diese Welt gestorben, stellvertretend für sie, so daß in seinem Ende diese Welt an ihr Ende kam, in seiner Auferweckung aber der Anfang einer neuen Welt schon ge­setzt ist. Das ist es, was die Karfreitagsoration die „Auflösung“ des Todes durch das Leiden des Herrn nennt. Und eben dies war nicht einfach die Wirkung jener selbstlosen, auf Erwi­derung nicht rechnenden Solidarität, mit welcher der Mensch Jesus eben jene Welt angenom­men hat, die ihn nicht annehmen wollte. „Auflösung“ des Todes, stellvertretendes Vorweg­ nehmen des Endes der Welt im eigenen Sterben, das ist keine Leistung des Menschen, son­dern Gottes Tat. „Du hast im Leiden deines Gesalbten den Tod aufgelöst.“ Daß dies gesche­hen ist, ist der Inhalt der christlichen Erinnerung. Daß wir dem „gleichförmig werden“, ist der Inhalt der christlichen Hoffnung.

Wir fragen abschließend noch einmal: Was ist das für eine Erinnerung? Und welche Hoffnung ist es, die aus ihr hervorgeht? Und wir wiederholen, was früher deutlich geworden ist: Erinne­rung setzt der Erwartung den Maßstab. Aber dieser Satz hat nun eine neue Bedeutung ange­nommen, wo von der Erinnerung des Glaubens und von seiner Hoffnung die Rede ist. Denn wir erinnern uns glaubend an ein Ereignis, das von Gott her schon gewirkt ist und uns in der Überlieferung des Glaubens weitergesagt wird, während es für unsere Erfahrung noch Zu­kunft bleibt, die wir zu erwarten haben. Wir erinnern uns an das Ende dieser Unheilswelt, in der wir heute noch leben, obgleich sie im Tode Jesu schon an ihr Ende geraten ist. Und des­halb erwarten wir eine kommende Welt, die für uns noch Hoffnung ist, gerade weil sie in Jesu Auferstehung schon begonnen hat. Unsere Erinnerung ist Danksagung, weil die Vergan­gen­heit, an die wir uns erinnern, die von Gott her schon gewirkte Zukunft ist, die sich für unsere Erwartung auftut. Wir bekennen unseren Glauben als „Hoffnung aus Erinnerung“ mit den Worten eines Hymnus der alten christlichen Gemeinde, den Paulus in seinem Brief an die Philipper zitiert:

„Erkennen wollen wir ihn und die Kraft seiner Auferstehung
und die Gemeinschaft mit seinem Leiden,
gleichgestaltet zu werden seinem Tode.“

Insoweit spricht dieser Hymnus von der gläubigen Erinnerung. Daran aber knüpft sich die Hoffnung, in welcher der Glaube seine Zukunft hat:

„Entgegenzueilen der Auferstehung von den Toten […]
denn er wird umgestalten den Leib unserer Niedrigkeit,
gleichgestaltet dem Leib seiner Herrlichkeit,
gemäß seinem Wirken, das Kraft hat,
sich zu unterwerfen das All“ (Phil. 3,10f. und 3,21).

Hier der vollständige Text als pdf.

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