„Weder monumentale Bauwerke noch zivilisatorische Errungenschaften wirken unvergängliche Einigkeit, sondern allein das Wunder der göttlichen Liebe“ – Predigt zum Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9) an Pfingsten

Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Rotterdam)
Pieter Bruegel der Ältere – Kleiner Turmbau zu Babel (um 1563, Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam)

Was für ein Menschheitstraum: Alle sprechen eine Sprache, leben zusammen und sind sich dabei einig. Das scheint für uns eine Utopie zu sein, aber in der Bibel wird diese Einheit auf einen Ort hin als Wirklichkeit erzählt. Diese Einheitserzählung beginnt mit den Worten: Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Eine Sprache – ein Lebensort. Was tun, wenn man sich in allem einig zu sein scheint? Müßiggang ist aller Laster Anfang. Einheit gilt es zu erhalten. Dazu braucht es eine gemeinsame Ausrichtung, ein gemeinsames sichtbares Identifikationsobjekt: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

Gemeinsam will man hoch hinaus. Alle sollen Hand anlegen für das Monument der Einigkeit: Ziegel um Ziegel werden geformt, gebrannt, herbeigetragen und Kante auf Kante zu einem monumentalen Mauerwerk zusammengefügt. So macht man sich an einem Ort von allen Seiten zu schaffen, um in der gemeinsamen Mitte die Einigkeit in ungeahnte Höhen auf die Spitze zu treiben.

Ja, es gibt die monumentalen Denkmäler, die die Touristik beleben und uns immer noch in Erstaunen versetzen: Die Chinesische Mauer, der Kaiserpalast in Beijing, die Pyramiden von Gizeh, die Akropolis in Athen, das Kolosseum in Rom, Angkor Wat in Kambodscha, Taj Mahal in Indien, Maya-Stätten in Mexiko, Machu Picchu in Peru und schließlich die Moai, kolossale Steinstatuen auf den Osterinseln. Sie alle sind imposante Baudenkmäler der Vergangenheit, die für eine herausragende menschliche Kooperation stehen.

Vom Turm zu Babel jedoch findet sich keine Spur mehr. Was wir bildlich vor Augen haben, sind Phantasievorstellungen wie beispielsweise Peter Bruegels Turmbau zu Babel (1563), wo eine spiralförmige Rampe durch die Wolkenschicht hindurchstößt und offen abgebrochen endet.

In unserer eigenen Vorstellung mag der Turm ein imposantes Gebäude sein, aber aus göttlicher Sicht wird lächerlich: Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Mit dem Turm sind die Menschen eben nicht im Himmel angelangt; vielmehr muss der HERR Gott sich erst herabbegeben, um Stadt und Turm in Augenschein zu nehmen. Wie klein doch menschliche Höhenflüge in göttlicher Wirklichkeit sind, Sandkastenspiele sozusagen.

Was habt ihr Menschen da nur angestellt oder – besser – aufgestellt? Was nun vom Himmel kommt, ist kein göttliches Donnerwetter, auch kein Weltgericht, nur ein kleiner, also ein mikroinvasiver Eingriff: Einem jedem wird die eigene Sprache verdreht, so dass keiner mehr den anderen versteht und damit auch nichts mehr zusammengeht. Was Menschen dem Diabolos, zu Deutsch dem Teufel als Durcheinanderwerfer zuschreiben, übernimmt der HERR Gott selbst: Er schafft Uneinigkeit unter den Menschen. Mangels Verständigung muss sich die Gemeinschaft auflösen. Die Hochkultur ist am Boden gescheitert. Wer in den Himmel hinauf will, wird auf der ganzen Erde wie Saatgut verstreut.

Nach dem Turmbau zu Babel sind die Menschen sich uneins. Da mag man sich fragen: Warum denn, Du Gott, warum hast Du Sprachen durcheinandergeworfen? Da war sie doch, die Einigkeit unter uns Menschen.

Wenn da nicht zu Beginn dieser hybride Aufruf gewesen wäre: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Die Wurzel des titanischen Übels liegt in dem „Sich-einen-Namen-machen“. Mit dem Turm suchen Menschen sich gemeinsam einen eigenmächtigen Namen zu machen: Wir sind das, was wir uns selbst gemeinsam geschaffen haben, Leben und Weiterleben sind unser eigenes Werk. Nicht als bedürftige Geschöpfe, sondern selbst als Schöpfer unserer selbst möchten wir leben. Wenn wir über uns selbst himmelhoch hinauswachsen, sind wir nicht länger auf den HERR Gott angewiesen.

Kollektiver Monumentalismus bedingt, dass das einzelne menschliche Leben selbst gleichgültig wird. Der gemeinsamen Sache müssen Leben und Namen der Menschen geopfert werden. Einigkeit in der Masse kann auf den einzelnen keine Rücksicht nimmt: „Du bist nichts, Dein Volk ist alles!“

Wenn wir vor den Monumentalbauten aus der Vergangenheit stehen, können wir nicht den unzähligen namenlos gebliebenen Arbeiterinnen und Arbeiter gedenken, die dort beim Bau in der Erde verscharrt worden sind. „Fragen eines Arbeiters“ heißt dazu Bertolt Brechts passendes Gedicht aus seinen Kalendergeschichten (1953):

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Werden Menschen für ein vermeintlich höheres Lebensziel verzweckt, gehen deren Namen verloren. Sich selbst gemeinsam einen Namen machen ist auf Dauer eine heillose Angelegenheit. Was aus Stein aufgerichtet oder aber als Zahlenwerk publiziert wird, birgt kein Lebensheil, überlässt die Protagonisten der eigenen Vergänglichkeit: „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ (1.Mose 3,19)

Was für die menschliche Hybris nicht gut gehen kann, wird vom HERR Gott selbst unterbunden. Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. So lautet der göttliche Ausruf, der dessen Einschreiten vorangeht. Die Stadt der Einigkeit wird mit dem Namen „Babel“, Wirrsal, belegt, „denn dort hat der Herr die Sprache aller Bewohner der Erde verwirrt, und von dort hat der HERR sie über die ganze Erde zerstreut.

Der Weg des Menschheit führt zunächst in die Zerstreuung (Diaspora), also in die örtliche Vereinzelung, wo jeder sein eigenes Stück Land, seinen beschränkten Lebensraum für sich selbst hat. Aber der HERR Gott überlässt die Menschen nicht dieser Vereinzelung. Er fängt noch einmal neu an. Einer wird in der Zerstreuung ausgewählt und auf seinen eigenen Namen hin angesprochen – Abram: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1.Mose 12,1-3)

Ich will dir einen großen Namen machen. Der göttliche Weg der Einigung und des Friedens führt nicht in die anonyme Masse. Vielmehr werden Menschen namentlich angesprochen – Abram, Saraj, Isaak, Jakob, Joseph, Mose, Miriam, Hanna und wie sie alle heißen – und unter dem Namen der HERRN versammelt. Einigkeit lässt sich menschlich nicht verwirklichen. Uns wird sie vielmehr göttlich geschenkt – in der Hingabe seines Sohnes Jesus Christus. Von ihm heißt es im Brief an die Epheser: „Er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm. Er hat das Gesetz, das in Gebote gefasst war, abgetan, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache.“ (Epheser 2,14f)

 Was aus unserer Menschenhand erwächst, nicht für die Ewigkeit bestimmt. Weder monumentale Bauwerke noch zivilisatorische Errungenschaften wirken unvergängliche Einigkeit, sondern allein das Wunder der göttlichen Liebe, am Kreuz Christi tödlich verwundet und im Felsengrab zum Auferstehungssieg über Sünde und Tod geführt. Göttliche Liebe in Jesus Christus bringt Menschen zusammen aus allen Himmelsrichtungen, mit verschiedenen Sprachen und Hautfarben, mit ihren je eigenen Lebensgeschichten. Seine Liebe „ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist“ (Römer 5,6) führt Leben zusammen und baut uns gemeinsam auf. So schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Epheser: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“ (Epheser 2,19-22)

Ihr selbst seid die „lebendigen Steine“ (1.Petrus 2,5), durch die Taufe mit eurem eigenen Namen bleibend für den göttlichen Bau der Kirche bestimmt. Ihr müsst euch nicht einem anonymen Lebensschicksal fügen, sondern werdet durch den Heiligen Geist als Kirche Jesus Christi zusammengefügt. Ein sinnfälliges Zeichen findet sich dafür in spätgotischen Kirchenbauten mit einem Rippengewölbe: Der abschließende Stein im Hauptknotenpunkt ganz oben ist häufig mit einer Christusdarstellung oder einem Christussymbol versehen. Unsere Einheit ergibt nicht von unten her als Menschenwerk. Vielmehr empfangen wir von oben her den Heiligen Geist, der uns gemeinsam zu Kinder Gottes macht – mit all unseren Unterschieden (vgl. Römer 8,14-16). Ihn hat Jesus Christus uns zugesagt: „Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Johannes 14,26)

Auch wenn Christen weltweit unterschiedlicher Herkunft sind und daher auch nicht die gleiche Sprache sprechen, verbindet sie der Heilige Geist mit Menschen auf der ganzen Welt, die im Namen Jesu versammelt sind. Kirche Jesu Christi zeigt sich dort, wo Menschen durch den Geist sprechen: „Jesus ist Herr“. Sein Name lässt unsere eigenen Namen bei sich gelten und eint uns auf Ewigkeit. Amen.

Hier die Predigt als pdf.

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