„Neuen Feinden, neuen Fragen, neuen Nöten gegenüber hat die Gemeinde am Heiligen Geist ihren Lehrer, der sie ‚alles lehrt'“ – Bonhoeffers Predigtmeditation über Johannes 14,23-31 zu Pfingsten 1940

pfingsten
Die Ausgießung des Heiligen Geistes (circa 1160 aus dem Antiphonar St. Peter/Salzburg – Österreichische Nationalbibliothek Wien)

Für den ersten Pfingsttag 1940 hatte Dietrich Bonhoeffer folgende Predigtmeditation über das Evangelium Johannes 14,23-31 verfasst:

Predigtmeditation über Johannes 14,23-31

Von Dietrich Bonhoeffer

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat. Solches habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Ihr habt gehört, daß ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, daß ich gesagt habe: „Ich gehe zum Vater“, denn der Vater ist größer als ich. Und nun habe ich es euch gesagt, ehe denn es geschieht, auf daß, wenn es nun geschehen wird, ihr glaubet. Ich werde nicht mehr viel mit euch reden; denn es kommt der Fürst dieser Welt, und hat nichts an mir. Aber auf daß die Welt erkenne, daß ich den Vater liebe und ich also tue, wie mir der Vater geboten hat: stehet auf und lasset uns von hinnen gehen.

Die alten Evangelien der beiden Pfingsttage bewahren uns davor, allgemeine Fest- oder Lehr­predigten zu halten. Diese schwierigen Texte lassen kein Abgleiten zu, sie erzwingen sich volle Aufmerksamkeit. Während die alte Epistel von dem ersten, einmaligen Pfingstereignis spricht, ist in unserm Evangelium von dem gegenwärtigen, bleibenden Pfingsten die Rede, von dem Pfingsten, wie es der Gemeinde zu allen Zeiten widerfährt. Es bedeutet keine Eintra­gung in diesen den Abschiedsreden Jesu entnommenen Text, wenn wir ihn als Pfingsttext hören. Es ist in der Tat von Pfingsten die Rede, wenngleich im Mittelpunkt des Textes nicht der Heilige Geist, sondern Jesu Christus, sein Hingang und seine Wiederkunft steht. Aber die hier gemeinte Wiederkunft ist eben sein Kommen im Heiligen Geist, also zu [566] Pfingsten. So ist auch an Pfingsten Jesus Christus, und zwar als der im Heiligen Geist Gegenwärtige, und sonst nichts zu predigen. Das ist mit der Wahl dieser Perikope von der alten Kirche, die die erste Hälfte des Kirchenjahres streng als semestre domini feierte, deutlich und mit Recht ausgedrückt worden. Indem hier im Rahmen der Abschiedsreden von Pfingsten gesprochen wird, tritt weniger der Charakter des einmaligen Offenbarungsereignisses als der des Bleibens Jesu bei seiner Gemeinde, auch nach seinem Hingang, in den Vordergrund. Predigen wir die­sen Text als Pfingstperikope, so dürfen wir, ohne ihm Gewalt anzutun, in drei Stücken von Pfingsten sprechen: 1. Von der Einwohnung des Vaters und des Sohnes in denen, die Jesus liebhaben. 2. Von der Sendung des Heiligen Geistes zur Lehre und zur Erinnerung an das Wort Jesu Christi. 3. Von den Gaben, die Jesus den Seinen gibt: Friede, Freude, Glaube. – Die Perikope beginnt mit Vers 23, so wird eine Einziehung von Vers 22 wegen des sonst schon überreichen Inhalts der Perikope nicht ratsam sein. Ebenso fällt Vers 31 b fort, wohl weil damit eine zu starke Wendung zur Passion hin gegeben sein würde.

1. Vers 23.24. Pfingsten wird es bei denen, die Jesus Christus lieben und sein Wort halten. Wie einst die Jünger einmütig beieinander waren, bevor das Brausen vom Himmel geschah, so wird es auch heute Pfingsten überall, wo Liebe zu Jesus Christus ist. Wo man ihn aber liebt, dort wird auch sein ganzes Wort (beachte den Singular!), Verheißung und Gebot, be­wahrt und festgehalten. Was heißt Jesus lieben? Ihm, der uns sein Wort gegeben und gehalten hat, allein gehören wollen, die Gemeinschaft mit ihm mehr als alles andere suchen, seine Gegenwart begehren. Wer so liebt, hält das Wort des Geliebten fest, klammert sich daran, läßt es nicht los, tut es, wo er nur kann. Solche Liebe zu Jesus aber soll die vollkom­menste Erfül­lung erfahren. [567] Die ganze Liebe Gottes, des Vaters Jesu Christi, wird sich an dem vollen­den, der den Sohn Gottes liebt: Gott und Jesus Christus kommen zu ihm und machen Woh­nung in ihm. Wer Jesus liebt, dessen Leib, Seele und Geist werden zur heiligen Wohnung, zum Tempel Gottes und Christi auf Erden. Jesu Kommen im Fleisch galt der Welt, sein Kom­men im Geist gilt denen, die ihn lieben. Hier darf nichts abgeschwächt oder wegge­deutet werden. Es geht um die wirkliche, volle Einwohnung Gottes und Christi im Menschen. Nicht ist es wie das Bild eines geliebten Menschen, das von uns Besitz ergreift, nicht wie eine neue Kraft, die uns erfüllt, sondern es ist der persönliche Gott und Christus selbst, die in uns woh­nen. Gott und Christus sind nicht nur mit uns, bei uns, um uns, über uns, sondern – in uns. Es sind nicht die Gaben Gottes und Christi, die wir empfangen, sondern wir werden Gottes und Christi selbst teilhaftig, wir tragen sie als das höchste Heiligtum in uns. Es ist hier auch nicht die Gemeinde, sondern wirklich der Einzelne, dem das gilt. Weit über das hinaus, was die Jünger an Jesus in seinen Erdentagen hatten, geht diese Verheißung, die allen gilt, die ihn lieben. Nicht weniger, sondern unvergleichlich mehr gibt Jesus den Seinen, als er von ihnen geht. Wenn Gott und Christus in uns Wohnung machen, dann müssen alle andern Herren, denen wir Raum in unserm Herzen gegeben haben, weichen. Christus selbst lebt und regiert jetzt in uns, von nun an wird unser Leben ein Christusleben in uns. Aber freilich nur dann wird das alles wahr und nur dann können wir es bezeugen, wenn wir den Herrn Christus lieben und sein Wort halten. Je mehr sich unser Leben nach Christus ausstreckt, desto mehr wird Christus in uns eingehen. Je mehr wir unser ganzes Heil bei ihm und nicht in uns suchen, je mehr wir ihn den Herrn über uns sein lassen, desto völliger wird er in uns sein und von uns Besitz ergreifen. Wer ihn aber nicht liebt, sondern sich selbst, wer Christus wohl genießen, aber ihm nicht dienen und gehorchen will, der hält auch seine Worte (beachte den Plural!) nicht, dem wird darum auch nichts von all dem widerfahren; denn das Wort Christi (beachte den Singular! das eine, ungeteilte Wort tritt den aufgespaltenen Worten [568] gegenüber!) ist das Wort des Vaters, und nur dem Halten des Wortes Christi schenkt Gott seine selige Gegen­wart.

Es ist in der Predigt zu beachten, daß Johannes hier den uns geläufigeren Gedanken, daß nur der Jesus lieben kann, den der Vater liebt und „zieht“ und von dem Jesus schon Besitz ergrif­fen hat, durch den andern Gedanken ergänzt, daß Gott unsere Liebe zu Jesus nicht unbeant­wortet und unerfüllt läßt (agapḗsei –Futurum!). „Ich liebe, die mich lieben“ (Spr 8, 17).

Es ist ferner zu beachten, daß die Einwohnung Christi zwar der Liebe als Erfüllung verheißen wird, daß sie aber nur möglich wird durch den Glauben, wie Eph 3, 17 entscheidend ergänzt. Nur wo der Glaube die iustitia extra nos ergreift, wird Christus in nobis sein.

2. Vers 25.26. Mit dieser Verheißung der Einwohnung sagt Jesus, daß er bei seinen Jüngern bleibt (so läßt sich jedenfalls das par’ hymĩn ménōn auch verstehen!) trotz seines Hinganges. Das aber geschieht so, daß der Vater im Namen Jesu den Beistand, den Heiligen Geist senden wird. Nur im Namen Jesu kommt der Heilige Geist, vom Vater und vom Sohne (filioque). Wie sich die Einwohnung des Vaters und des Sohnes zu der Sendung des Heiligen Geistes verhält, wird nicht ausgeführt. Es bleibt nebeneinander stehen, doch darf nicht übersehen wer­den, daß bei der Einwohnung stärker an den Einzelnen, hier aber an die Jüngerschaft gedacht ist. Der Paraklet (der „Herbeigerufene“ und der „Fürsprecher“ = advocatus), der Beistand, kommt zur Gemeinde. Der Heilige Geist ist nicht eine neutrische Kraft (wie die Pneumato­machen lehrten), sondern Person wie der Vater [569] und der Sohn (ho paráklētos). (Bei die­ser Gelegenheit wäre ein Hinweis darauf, daß wir öfter um den Heiligen Geist statt um „Kraft“ bitten sollten, angebracht). Er leistet der Gemeinde Beistand und ist so auch ihr „Trö­ster“. Zweifach ist das Amt des Heiligen Geistes: lehren und erinnern. Die Gemeinde bedarf auf ihrem Wege durch die Welt immer neu der Weisung und der Erkenntnis. Neuen Feinden, neuen Fragen, neuen Nöten gegenüber hat die Gemeinde am Heiligen Geist ihren Lehrer, der sie „alles lehrt“. In keinem Stücke, das für sie wichtig ist, wird sie ohne Weisung und Er­kenntnis bleiben, und sie darf dieser Erkenntnis gewiß werden, weil der Heilige Geist und nicht Menschenvernunft ihr Lehrer ist. So wird die Kirche im Laufe ihrer Geschichte auch neue Erkenntnisse empfangen, sie wird nicht aufhören zu lernen und auf den Heiligen Geist zu hören. Der Heilige Geist ist nicht toter Buchstabe, sondern der lebendige Gott. So darf sich die Gemeinde in jeder Entscheidung dem Heiligen Geist anvertrauen und fest glauben, daß er gegenwärtig an ihr und in ihr wirkt und uns nicht im Dunkeln tappen lassen wird, wenn wir nur ernstlich seine Lehre hören wollen. Alle Lehre des Heiligen Geistes aber bleibt gebunden an das Wort Jesu. Das Neue steht fest auf dem Alten. So tritt zur Lehre das Erinnern. Wäre nur Erinnerung in der Kirche, so verfiele sie einer toten Vergangenheit, wäre nur Lehre da ohne Erinnerung, so wäre die Kirche der Schwärmerei ausgeliefert. So übt der Heilige Geist als der rechte Beistand der Gemeinde beides, er führt die Kirche vorwärts und er hält sie zugleich fest bei Jesus (vgl. Matth 13, 52).

3. Vers 27–31. Zu der Einwohnung des Vaters und des Sohnes und der Sendung des Heiliges Geistes kommen nun die Gaben, [570] die Jesus den Jüngern gibt, als er sie verläßt. Zuerst der Friede. Damit die Jünger wissen, was hier gemeint ist, sagt Jesus es in deutlicher Wiederho­lung, daß es Sein Friede ist, den er den Seinen gibt. Wie leicht konnte sonst hier Täuschung und falsche Hoffnung entstehen! Es ist der Friede dessen, der auf Erden nicht hatte, da er sein Haupt hinlegte, und der ans Kreuz mußte. Es ist der Friede mit Gott und den Menschen auch dort, wo Gottes und der Menschen Zorn uns zu vernichten drohen. Nur dieser Christusfriede hat Bestand. Was die Welt anbietet, kann nur ein Traum sein, aus dem wir voll Verwirrung und Furcht aufwachen müssen. Wer aber den Frieden Jesu Christi empfängt, der braucht sich nicht mehr verwirren und Furcht einjagen zu lassen, wenn die friedlose Welt in Aufruhr gerät. Das ist der Friede, den Jesus seiner Gemeinde gibt, und kein anderer als er kann ihn geben.

Die zweite Gabe ist die Freude. Indem Jesus zum Vater geht, der größer ist als er (man hüte sich hier vor arianischen Gedanken!), weil er in der Herrlichkeit und Verklärung ist, gibt er denen, die ihn liebhaben, Freude; denn nun wird ihr Herr selbst verklärt und verherrlicht. Ist das Herz der Jünger wirklich bei Christus, so nehmen sie in anbetendem Jubel an seiner Ver­herrlichung teil; denn sie wissen auch, daß der Verklärte wiederkommt und bei ihnen bleiben wird (beachte, daß hier die Wiederkunft der Gemeinde gilt!). Das ist die Christusfreude der Gemeinde.

Die Verheißung Jesu schenkt den Seinen Kraft des Glaubens. Das ist die dritte Gabe. Es geschieht nichts als was der Herr vorhergesagt hat. Es geht alles nach seinem Wort. Der Fürst dieser Welt wird kommen, aber er wird nichts gegen ihn vermögen, weil er an Jesus keine Sünde finden wird. Nicht aus Macht des Teufels, sondern zum Zeichen für die Welt, daß Jesus seinen Vater liebt und ihm allein bis in den Tod gehorsam ist, wird Jesus ans Kreuz gehen. In dem allen aber weiß die Gemeinde durch das Wort Jesu, daß ihr Herr zu seinem Vater geht und wiederkommt. Sie glaubt seinem Wort und wartet auf seine Verheißung. [571] In diesem Christusglauben aber und in ihm allein hat die Gemeinde den Christusfrieden und die Chri­stusfreude. Im Glauben ist sie der Sendung des Heiligen Geistes gewiß und empfängt sie den Vater und den Sohn, der in denen Wohnung machen wird, die Jesus Christus lieben und sein Wort halten.

Verfasst für den ersten Pfingsttag 1940, zuerst abgedruckt in dem von Georg Eichholz heraus­gegebenen ersten Band der Predigthilfe „Herr, tue meine Lippen auf“.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 565-571.

Hier der Text als pdf.

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