„Der Weg führt in die Nacht des Gerichtes und in die Vernichtung, wenn Jakob sich nicht zu Israel wandelt“ – Fridolin Stiers biblische Meditation „Jakob ward Israel“ von 1962

Grab Fridolin Stier

Vom Tübinger Alttestamentler Fridolin Stier stammt eine kleine biblische Meditation über Jakob, die 1962 in der Zeitschrift „Geist und Leben“ erschien. In der Weise des bedächtigen Nacherzählens kann Stier es mit Gerhard von Rad aufnehmen:

Jakob ward Israel

Von Fridolin Stier, Tübingen

Seit dem Altertum bis heute sind die Geschichten der Patriarchen, Abrahams Lügen und Versagen und Jakobs Betrügen, den „Moralisten“, all denen ein Ärgernis, die nicht begreifen, daß Gott auch auf krummen Linien gerade schreibt. Augustinus selber, dem dieses Wort – sein eigenes – Anstöße und Abgründe der Jakobsgeschichte hätte erhellen können, scheute sich offenbar, den sittlichen Makel auf dem biblischen Bilde Jakobs ruhen zu lassen. Er schreibt: „Um vorzubeugen, daß man diese List Jakobs nicht für eine betrügerische halte, statt das dahinter steckende große Geheim-[348]nis zu ergründen, hat die Schrift gesagt: … Jakob war ein einfacher Mensch, ein Freund der Häuslichkeit. Manche unserer Übersetzer haben das, was hier mit ‚einfach‘ wiedergegeben ist, mit ‚arglos‘ übersetzt. Aber gleichviel, ob man das griechische aplastos mit ‚arglos‘ oder ‚einfach‘ oder besser ‚ohne Verstellung‘ übersetzt, immer bleibt bei dem Empfang dieses Segens die Arglist eines arglosen Mannes, die List eines einfachen Menschen, die Verstellung eines Menschen, der nicht lügt, die geheimnisvolle Verschleierung einer bedeutsamen Wahrheit“.[1]

Die biblische Wahrheit über Jakob aber, unverschleiert und unbeschönigt ist diese: Jakob ist kein vir simplex, abgesehen davon, daß das hebräische Wort im Zusammenhang Jakob dem „Feldmenschen“ und Jäger Esau entgegenstellt und ihn wohl eher als kulturell überlegenen „Vollmenschen“ denn als „schlicht“ bezeichnen dürfte. Warum wird immer wieder versucht, Jakob moralisch reinzuwaschen? Katechetische Gründe, pädagogische Rücksichten legen sich nahe. Der tiefste Grund dürfte in der Auffassung liegen, die hohe heilsgeschichtliche Würde des Patriarchen fordere seine sittliche Integrität. „Die Grundrichtung auf das verheißene Heil“ mache ihn trotz allem Gott „wohlgefällig“, so meint der ältere Delitzsch. Man hält ihm „das leidenschaftliche Trachten nach Gottes Gabe“ zugute. Oder man erfüllt auf allegorischen We­gen die fleisch- und bluthafte, ausgesprochen „sarkische“ Menschengeschichte mit hoher Spi­ritualität. Aber bedarf es der Allegorie, um geistlichen Sinn und Frucht in der Jakobsgeschich­te zu finden? Bietet nicht der Text selbst, wenn man nur des Erzählers direkten Wink recht zu deuten weiß, eine hinreichende Handhabe, den Patriarchen, wenn schon nicht moralisch, so doch religiös zu rechtfertigen?

Von Anfang steht ja fest, und Rebekka weiß es durch Offenbarung, daß nach Gottes Willen „der Ältere dem Jüngeren dienen soll“ (Gen 25,23). War es nicht in dem Augenblick, als Isaak sein Ende nahe fühlte und seinen Lieblingssohn Esau, den Erstgeborenen, zu segnen gedachte, die höchste Zeit, alles zu tun, daß Gottes Wille geschehe – unbeschadet seiner Kon­vergenz mit mütterlichen Wünschen und dem Begehren des Sohnes? Müssen denn nun die beiden um Gottes willen nicht tun, was sie um des gleichen Gottes willen nicht dürfen? – lügen, trügen, stehlen? Solch tragische Verschlingung wäre dem tiefsinnigen Erzähler, wie sonst, so auch hier zuzutrauen. Aber es hat nicht den Anschein, daß er Rebekkas Kenntnis des göttlichen Beschlusses zum Motiv oder gar zum rechtfertigenden Grund ihrer Kabale machen wollte, so nahe es gelegen hätte. Das zeigt das Buch der Jubiläen, ein sehr altes Apokryphon aus priesterschriftlicher Tradition. Hier weiß schon Abraham, was der Himmel mit Jakob im Sinne hat; er mahnt Rebekka, dem Sohn, den sie liebt, des Guten noch mehr zu tun (Jub 19,20). Isaaks Vorliebe für Esau droht Gottes Plan zu vereiteln. Mit Kanaanäerinnen ver­heira­tet, gefährdet Esau, wenn er den Segen des Vaters empfängt, die Reinheit der Erblinie, die Heilig­keit des Gottesvolkes, aus dem er sich durch die Verletzung des Mischehenverbotes der rigo­rosen Ezranischen Reform ohnehin schon selbst ausgeschlossen hat. Darum gilt es zu handeln, mit schlechten Mitteln zu gutem, gottgewolltem Zweck zu handeln.

Vielleicht hat die Priesterschrift, eine der Quellen des Pentateuchs, das ganze Skandalon der Jakobsgeschichte auf die radikalste Weise beseitigt. In einem Stück [348] aus ihr, das in die Jakobsgeschichte eingefügt ist (Gen 27,46-28,9), ist der Betrüger nicht auf der Flucht vor der Rache des Betrogenen, sondern reist nach Paddan­Aram, um sich dort aus stammverwandtem Geblüte die Ehegefährtin zu suchen, die den Forderungen des Gesetzes entspricht. Das könnte darauf schließen lassen, daß in der priesterschriftlichen Fassung vom Skandal des Betruges überhaupt nicht die Rede war. All jene erzieherisch Besorgten, die auch heute noch zuweilen vorschlagen, anstößige Geschichten des Alten Testaments in einer Bibel für Volk und Kinder zu unterschlagen, könnten sich nach all dem auf priesterliche Kreise Altisraels berufen. Nun aber sind, Gottlob, dank der Unantastbarkeit und Unteilbarkeit des Kanons solche kurzschlüs­sige Maßnahmen ein für allemal zur Illegitimität verurteilt. Ein für allemal ist es unmöglich, eine der tiefsinnigsten Erzählungen des Alten Testamentes, ein Dokument großen theologi­schen Stils aus moralistischen Erwägungen zu verstümmeln. Es gehört zum theologischen „Plan“ des Erzählers, die Menschen seiner Geschichten im „sarkischen“ Element leben und wesen, aus dem Fleische ihre Geschicke weben zu lassen. In den knappen Strichen typisieren­der Zeichnung strotzen diese Menschen von fleisch- und bluthafter Menschlichkeit, in Liebe und Haß, in Lust und Leid, in Ängsten. Mit allen Sinnen leben sie: Die Lust des Alten auf Wildbret, das geschärfte Hören, Riechen und Tasten des Blinden. Auf die Schönheit der Ra­chel, auf Leas blöde Augen wird hingewiesen. In allen Leidenschaften leben sie: Man be­trügt und verfeindet und verfolgt sich. Aber großmütig versöhnt sich auch wieder der Betro­gene mit dem Betrüger. Und in das Leben dieser Menschen bricht Gott ein mit Wort und Tat. Sie wissen, daß er da ist, sie erfahren ihn mit Schauder und Schrecken, und doch leben sie, als wäre er nicht da, wider sein Wort in menschlicher Eigenmacht. Wie Unbegnadete, Ungerufe­ne, Unangesprochene leben sie, schier profan, das Gesetz ihrer menschlichen Natur. Und in all dieses Menschliche hinein und mit all diesem Allzumenschlichen spinnt Gott das Garn seines Planes. Dieses Hineinwalten Gottes in menschliches Treiben sieht der Erzähler und will es ge­sehen haben. Es geht ihm nicht darum, einen „Heiligen“ darzustellen, sondern zu zeigen, wie einer den Weg zur Heiligkeit geführt wurde. Diskret sind die Zeichen dieses Wegs ge­setzt: Die Flucht aus der Heimat bedeutet Ahndung des am Bruder verübten Frevels. Laban unter­schiebt ihm die falsche Tochter in der Hochzeitsnacht und zwingt ihn zu weiteren sieben Jah­ren des Dienstes um Rachel, die er liebt. – Betrug schlägt auf den Betrüger zurück. Unaus­gesprochen, aber sichtlich führt der Erzähler Jakob den Weg zur Sühne. (So äußert der Erzäh­ler, den man schon im Verdacht des Einverständnisses mit Jakob hatte, seinen verurteilenden Einspruch gegen die Verfehlung des Patriarchen.)

Am Ende seines Dienstes ist Jakob ein reich gesegneter Mann: Frauen und Kinder, Knechte und Mägde, Herden von Schafen und Rindern – das ist der Segen, und das Mysterium liegt eben in dem moralischen Paradoxon, daß Gott diese Segensfülle aus den eigenmächtigen und betrügerischen Machenschaften Jakobs reifen läßt. Dann kommt der Gottesruf zurück in die Heimat, und mit ihm die Angst vor dem zürnenden Bruder. Sie wächst, je mehr er sich der Heimat nähert, mit Grund, denn voraus­ gesandte Boten melden den Anmarsch des Bruders mit bewaffneter Schar. In der Angst um Leib und Leben, seines und der Seinen, entäußert er sich Stück um Stück des errafften und geschenkten Segens. Die Hälfte seines Besitzes schickt er als Ver-[349]söhnungsgabe voraus. Und noch weiß er nicht, ob sich der Bruder versöhnen lassen werde. Jetzt überkommt ihn, der bisher selbstsicher und eigenmächtig sein Heil zu wir­ken wähnte, die Erkenntnis seiner Ausgeliefertheit, seiner Gefährdung, seiner Nichtigkeit: „… zu gering bin ich für all die Liebe und die Treue, die du deinem Knecht erwiesen… errette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaus, denn ich fürchte ihn: er könnte kommen und mich schlagen, Mutter samt Kindern“ (Gen 32,11f.).

Wird Gott antworten? Und wie? Am Jabbok angelangt, trennt sich Jakob von allem, von sei­ner Familie und seinem Besitze. Jenseits des Flusses befinden sie sich dem Zugriff des Bru­ders ausgesetzt. Allein bleibt er auf dem anderen Ufer zurück, allein in der Nacht. Der Segen ist drüben, gefährdet, nichts hat er mehr in der Hand. Nun kommt das Furchtbare über den Einsamen: „Ein Mann rang mit ihm, bis die Morgendämmerung sich hob.“ Der Kampf bleibt unentschieden, bis der Mann die Hüfte Jakobs lähmt. Der Niedergerungene hält ihn umklam­mert. Und als der andere bittet, ihn loszulassen, weigert sich Jakob: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Nun weiß er, mit wem er kämpft, mit dem übermächtigen. Und nun zum erstenmal in seinem Leben bittet Jakob um den Segen. Nun erst, als Niedergeworfener, in der tiefsten Ohnmacht, in der letzten Entblößung, im nackten Nichts. Der andere fragt ihn nach seinem Namen und Jakob nennt ihn: „Jakob“. In diese Namensnennung ist alles eingespro­chen, alles in einem Wort zusammengefaßt, was er bis dahin getan und gewesen: Der Betrü­ger. Die ganze Geschichte Jakobs, von der Erlistung des Erstgeburtsrechtes und des Vaterse­gens über Aram, wo er sich mit List seinen Reichtum erraffte, bis zu diesem Augenblick ist nichts als eine Entfaltung dieses Namens. Er ist das Leitmotiv des bisherigen Verlaufs der Jakobsgeschichte. In diesem Augenblick aber offenbart sich auch die Wandlung des Mannes, die in der Niederlage vollzogene Abkehr des Mannes von aller Selbstmächtigkeit. Er be­kommt einen neuen Namen: „Nicht Jakob heiße nun fortan dein Name, sondern Israel, Gott kämpft, denn: mit Gott und mit Menschen hast du gekämpft und darum überwältigt“ (Gen 32, 29). Neuer Name heißt neues Wesen; so meint es die Heilige Schrift. Er ist ein Indikativ, der sagt was ist, er ist zugleich ein Imperativ, der sagt, was nun sein soll.

Dem Eigenmächtigen ist nun enthüllt, daß er all sein Heil, seinen Segen dem für ihn kämpfen­den Gott zu verdanken hatte; ihm ist aber auch bedeutet, daß er fortan aus dieser Erkenntnis leben soll. Das ist die Antwort auf Jakobs Gebet: Gott sagt sich nur dann einem, der mit ihm ringt, zu, der sich von Jakob zu Israel gewandelt hat. Die Geschichte Jakobs, seiner Untaten und seiner Wandlung hat die Tiefe eines Typos. In ihr soll sich das dem Erzähler zeitgenös­sische Israel der Königszeit erkennen als das Volk, das die Wege Jakobs wandelt. Diese machtstolze Zeit ist gewarnt, vor dem Wahn aus eigener Kraft ihr Heil wirken zu können. Der Weg führt in die Nacht des Gerichtes und in die Vernichtung, wenn Jakob sich nicht zu Israel wandelt. Augustinus doch hat wieder recht: In der Jakobsgeschichte birgt sich „eine bedeutsa­me Wahrheit“. Sie gilt für alle Zeiten, drohend und verheißend, auch denen, die sich „das neue Israel“ heißen.

Quelle: Geist und Leben 35, Heft 5, 1962, S. 346-349.

[1] Civ. Dei XVI, 37 (Kösel KV, Aug. 11, 498).

Hier der Text als pdf.

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