„Wenn man ganz langsam auf so ein Tier zugeht und ihm die Hand hinreicht, kann es sein, daß es die Wärme spürt und selbst auf die Hand gekrochen kommt“ – Friedrich Mildenberger über den christlichen Auferstehungsglauben

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Bild von Schmidsi auf Pixabay

Friedrich Mildenbergers Vortrag „Die Auferstehung und unser Leben in dieser Welt. Wahrnehmungen des Auferstehungsglaubens“ von 1981 ist ein schönes Beispiel für theologische Denkbewegungen entlang der Schrift. Hier der Schlussteil:

Nur dort läßt sich das Leben Jesu finden, wo nicht die Schrift in das eigene Den­ken so hineingezogen wird, daß sie einer Verwechslung dieses eigenen Denkens mit dem Glauben Vorschub leistet; wo die Schrift vielmehr das, was begegnet, als Leben des Aufer­standenen identifizieren läßt. Es kann sein, daß da die Macht des Satans gefesselt wird – um bei dem Bild aus der Johannesoffenbarung zu bleiben. Wo es hell wird, da läßt sich Verfüh­rung durchschauen. Ich habe schon den alten, im Epheserbrief angeführten Liedvers zitiert, will nun auch den Zusammen­hang nennen, in dem er steht: „Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten“ (5,9-14). In diesem Licht, mit dem Christus erleuchtet, kommt die Verführung an ihr Ende. Da ist dann der Engel, der den Satan fesselt.

Zugleich damit wird das Leben zurechtgebracht. Wir können das mit großen schweren Worten aussprechen, indem wir sagen: Da ist dann Freiheit, und es ist Liebe; es ist Freiheit zur Liebe. Diese Freiheit zur Liebe kommt nicht aus uns heraus. Es braucht dazu das Entgegenkommen. Sicher ist unsere Aufmerksamkeit mit dabei. Aber die wartet ja eben auf die gelegene Zeit, in der uns Liebe entgegenkommt. Ich will dazu nun nicht große Beispiele nennen; da nimmt einer leicht den Mund zu voll. Ein kleiner Hinweis mag hier genügen. Ich habe gerne eine Eidechse auf der Hand sitzen. Aber die soll ja nicht eingefangen werden; das würde sie er­schrecken und womöglich beschädigen. Wenn man ganz langsam auf so ein Tier zugeht und ihm die Hand hinreicht, kann es sein, daß es die Wärme spürt und selbst auf die Hand gekrochen kommt. Das ist gut so. Ich meine sogar, es sei mehr als nur ein Gleichnis für das Entgegenkommen, das es braucht, wo die rechte Zeit Freiheit zur Liebe möglich macht. Aber man soll mit solchen Wahrnehmungen behutsam umgehen, auch dort, wo man von ihnen redet. Darum mögen Sie hier selber weiterdenken und dazu vielleicht auch noch das Wort aus dem Römerbrief zum Anstoß für ein solches Weiterdenken nehmen: „Denn auch die Schöp­fung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (8,21).

Ich füge noch eine knappe Schlußüberlegung an. Die Wahrnehmungen, die ich zu beschreiben suchte, lassen sich nicht einfach bündeln zu einer handfesten Realität, die dem Tod und sei­nem Vorschein in unser Leben hinein so begegnen könnte, daß er verschwinden muß. Auch wo mehr gesagt würde, wo diese und jene Wahrnehmung noch beigetragen würde, bliebe es bei dem Unverfügbaren jener Zeit des Aufer­stehungslebens, die sich nicht festhalten läßt. Darum haben wir, wie das der zweite Petrusbrief anmahnt, „um so fester das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen“ (1,19). Mir scheint aber auch, es täte uns gut, wenn wir gerade hier wieder besser lernten, zu klagen und zu loben. Dort zu klagen, wo sich uns das Auferstehungsleben entzieht und wir nichts als den Tod wahrnehmen. Dort zu loben, wo sich uns dieses Leben gewährt. So kommen wir heraus aus uns selbst. Und es mag sein, daß dann gerade dort, wo sich Klage und Lob auf denselben Gott richtet, das zerspaltene Leben hoffen lernt, darauf hoffen, daß es in einer heilen und gan­zen Welt heil und ganz leben wird.

Hier der vollständige Text als pdf.

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