„Was ist das eigentlich, das einerseits so tief mit allem Geschöpflichen verbunden ist und andererseits ein Teil des Waltens Jahwes zu sein scheint und auf den Menschen eindringt?“ Gerhard von Rad über Sprüche 8,22-36

Ma'at
Die Göttin Ma’at mit ihrem Symbol, der Schreiberfeder (Relief aus dem Grab Sethos’ I.; 19. Dynastie, um 1300 v. Chr. Aus: O. Keel, Die Weisheit spielt vor Gott. Ein ikonographischer Beitrag zur Deutung des məṣachäqät in Spr. 8,30f., Freiburg 1974, Abb. 20.)

Für den kommenden Sonntag Jubilate ist in der neuen Predigtordnung Sprüche 8,22-36 als Predigttext neu vorgesehen. Dazu gibt es eine Auslegung von Gerhard von Rad in seinem Buch „Weisheit in Israel“:

Verstanden wir die Lehre von der sich aus der Welt an den Menschen wendenden »Weisheit« als die Neuinter­pretation einer implizit sehr alten Vorstellung, so interessiert uns natürlich besonders das, was sich im Lauf des Traditionsprozesses gewandelt hat. Eine Neuinterpretation im traditionsge­schichtlichen Sinne beschränkt sich ja nie darauf, dasselbe, nur eben »moderner« zu sagen. Immer ist auch ein Zuwachs an der Substanz festzustellen. Das Lehrgedicht Prov 8 geht in der Explikation der Grundvorstellung nicht nur darin über die alte Lehre hinaus, daß es besondere Details über das Verhältnis Jahwes zu dieser Weltordnung auszusagen vermag. Das Interes­santeste an dem Neuen ist doch dies, daß sich diese Weltordnung wie eine Person in einer direkten Anrede werbend und fördernd an den Menschen wendet. Verobjektiviert ist hier also nicht eine Eigenschaft Gottes, sondern eine Eigenschaft der Welt, nämlich jenes geheimnis­volle Akzidens, kraft dessen sie sich ordnend dem Leben der Menschen zuwen­det. Israel stand also vor dem gleichen Phänomen, das mehr oder minder alle antiken Reli­gionen, vor allem natürlich die Naturreligionen, faszinierte, nämlich vor einer religiösen Pro­vokation des Menschen durch die Welt. Es ließ sich aber nicht zu einer Mythisierung und Divinisierung des Weltgrundes herbei. Seine Deutung war eine ganz andere, weil es dieses Phänomen im Hori­zont seines Glaubens an Jahwe als den Schöpfer festhielt.

Dieses weltimmanente Etwas, das die Texte »Weisheit« nennen, können wir nur umschreiben. Ob wir es nun als »Urordnung«, als »Ordnungsgeheimnis« oder »Weltvernunft« oder als den der Welt von Gott eingeschaffenen »Sinn« oder als die zurückreflektierende »Herrlichkeit« der Welt wiedergeben, so wird von ihm in jedem Fall in der Form einer bildlichen Personifi­zierung gesprochen. Aber diese Personifizierung ist doch alles andere als ein frei gewähltes schmückendes Stilmittel, das der rhetorisch gewandte Lehrer allenfalls auch durch ein ganz anderes hätte ersetzen können, nur eben um das Verstehen zu erleichtern. Nein, diese Rede­form wurde ganz von der gemeinten Sache her bestimmt, die nur so ohne einen Verlust ins Wort gebannt werden konnte, denn diese Urordnung redete ja auch zum Menschen, was wir gleich näher zu bedenken haben. Da war also keine Wahl, denn gerade das personale Element war unentbehrlich. Diese Weltvernunft war vor allen Schöpfungswerken da, wie ein Kind auf der Erde spielend; sie war als ein »Liebling« das Ergötzen Gottes und sie war – für den Sko­pos des ganzen Lehrgedichtes besonders wichtig! – auch von Anbeginn den Menschen heiter und spielerisch zugekehrt. Im Unterschied von Hi 28 wird diese der Welt immanente Weis­heit weniger unter dem rationalen Aspekt der ökonomischen Ordnung als unter einem ästhe­tischen Aspekt gesehen: Als »Liebling« ist sie Gottes »Ergötzen«, sie »spielt« und »ergötzt« sich ihrerseits an den Menschen. Beide Texte reden von einer Wirklichkeit, die von einem äußersten Geheimnis umgeben ist. Im Kultus war sie ein Gegenstand des Lobpreises, in der Schule ein Gegenstand des Nachdenkens. Was ist das eigentlich, das einerseits so tief mit allem Geschöpflichen verbunden ist und andererseits ein Teil des Waltens Jahwes zu sein scheint und auf den Menschen eindringt?

Hier der vollständige Text als pdf.

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