„Der Pastor aber, dem sein Amt, der sich selbst, dem sein Gewinn wichtiger ist als die Gemeinde des guten Hirten, der ist ein Mietling und flieht“ – Dietrich Bonhoeffers Predigtmeditation über Johannes 10,11-16

Guter Hirte

Für das Evangelium zum Sonntag Misericordias Domini hatte Dietrich Bonhoeffer 1940 folgende Predigtmeditation verfasst, die in dem von Georg Eichholz herausgegebenen ersten Band der Predigthilfe „Herr, tue meine Lippen auf“ erschien:

Predigtmeditation zu Johannes 10, 11-16

Von Dietrich Bonhoeffer

Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen. Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht; denn er ist ein Mietling und achtet der Schafe nicht. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennet und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle; und dieselben muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird eine Herde und ein Hirte werden.

1. Vers 11–13. Jesus, der gute Hirte – das hat mit allgemeinen Hirtenidyllen und Schäferpoe­sie nichts zu tun. Alles derartige verdirbt den Text. Ego eimi – „Ich bin“ – damit wird deut­lich, daß nicht von Hirten und ihrer Arbeit im allgemeinen die Rede sein soll, sondern von Jesus Christus allein. Ich bin der gute Hirte– nicht ein guter Hirte, so daß Jesus sich mit andern guten Hirten vergliche und von ihnen lernte, was ein guter Hirte sei (vgl. im Urtext den doppelten Artikel: der Hirte, der gute!). Was ein guter Hirte ist, das ist zu erfahren allein von dem guten Hirten, neben dem es keinen andern gibt, von dem „Ich“ her, von Jesus her.

Alles übrige Hirtenamt in der Kirche Jesu Christi setzt nicht neben den guten Hirten einen zweiten und dritten, sondern läßt allein Jesus den guten Hirten der Gemeinde sein. Er ist der „Erzhirte“ (1. Petr 5, 4), es ist sein Hirtenamt, an dem die „Pastoren“ teilnehmen, oder sie verderben das Amt und die Herde. Daß es sich um den guten Hirten schlechthin handelt und nicht um einen Hirten unter anderen, wird sofort an dem ungewöhnlichen Tun deutlich, das dieser sich zuschreibt. Nicht von Weiden, Tränken, Helfen wird gesprochen, sondern „der gute Hirte [561] (beachte wiederum die Artikel!) gibt sein Leben für die Schafe“. Mit Recht sagt Steinmeyer: „Allerdings nimmt sich der Hirte mit aller Treue seiner Herde an. Allein sich für sie aufzuopfern, fordert seine Hirtenpflicht nimmermehr von ihm.“ Jesus aber nennt sich darum den guten Hirten, weil er für seine Schafe stirbt. Das gilt allein von dem guten Hirten. Von Jesus her verstanden gewinnt dieser Satz aber eine noch viel reichere Bedeutung: Er­stens, wenn Jesus von der Hingabe seines Lebens als etwas Gegenwärtigem spricht (Präsens!), dann dürfen wir mit Bengel sagen: „jenes ganze Leben war ein Gehen zum Tode“. Zweitens, wenn Jesus seinem Tode die Bedeutung „für die Schafe“ gibt, dann ist in diesem Sterben die eine, endgültige, rettende Tat für die Herde zu sehen, und zwar als frei dargebrachtes, nicht erzwungenes Tun. Drittens, wenn das Sterben des Hirten den Schafen zugute kommt, so ist damit zwar nicht bestritten, daß Jesus für alle Menschen starb, aber es ist darauf hingewiesen, daß nur die Schafe seiner Herde an der Frucht dieses Sterbens teilhaben werden. Der Blick fällt nicht auf die Welt, sondern allein auf die Wohltat Jesu an seiner Gemeinde. Der gute Hirte und seine Gemeinde gehören zusammen.

„Der Mietling aber“ – was unterscheidet ihn vom Hirten? Daß die Schafe nicht sein eigen sind. Sie gehören ja dem guten Hirten allein. Weil sie sein Eigentum sind, an dem sein Hirten­leben hängt, darum läßt er sich von ihnen niemals trennen, sondern rettet sie noch durch sei­nen Tod. Der Mietling aber ist ein Mietling (Vers 13), er dient nur um des Soldes willen, da­rum verläßt er die Herde in der Stunde der Gefahr und flieht. Es kann lange Zeit ein Mietling dem Hirten täuschend ähnlich sehen. Aber in der Stunde der Gefahr muß es an den Tag kom­men. Warum sollte auch der Mietling bei der Herde bleiben? Nichts kann ihn halten, wenn er seinen Gewinn gefährdet sieht. Was geht es ihn an, daß der Wolf in die Herde einbricht, die einen raubt und tötet, die andern zerstreut, daß sie nicht mehr zueinander finden und einsam, elend und schutzlos untergehen müssen? So wird es der Wolf, der Feind der Gemeinde Jesu, immer tun. Einzelne packt er, die andern [562] zerstreuen sich – aber was geht das den Miet­ling an, dem ja nicht die Herde, sondern nur sein eigenes Leben und sein Sold gehört. Er flieht – „denn er ist ein Mietling“. Ist jeder, der flieht, ein Mietling? Nein, auch die Propheten und Apostel flohen, auch Jesus befahl seinen Jüngern die Flucht, wenn sie um des rechten Dien­stes willen nötig wurde. Nicht jeder, der flieht, ist ein Mietling, aber gewiß ist es, daß jeder Mietling flieht. Auch das ist Flucht, wenn man schweigt, wo man reden sollte, wenn man unterläßt, was man tun sollte. So gewiß der gute Hirte für seine Schafe stirbt, so gewiß flieht der Mietling. Auch der treueste Pastor ist nicht der gute Hirte; aber weil er weiß, daß „seine“ Gemeinde nicht seine, sondern des Herrn Jesu eigene Gemeinde ist und daß Jesus für diese Gemeinde gestorben ist und allein ihr guter Hirte ist, so läßt er Jesus weiter allein den guten Hirten seiner Gemeinde sein und flieht nicht. Der Pastor aber, dem sein Amt, der sich selbst, dem sein Gewinn wichtiger ist als die Gemeinde des guten Hirten, der ist ein Mietling und flieht, manchmal vielleicht gerade, indem er bei „seiner“ Gemeinde, die er für sein Eigentum hält, bleibt. – An dieser Stelle könnte auf das Hirtenamt des evangelischen Predigers hinge­wiesen werden.

2. Vers 14.15. Beachte die Gewichtigkeit des neuen Einsatzes! Das Zweite, was Jesus, der gute Hirte, von sich sagt, ist, daß er die Seinen kennt. Das scheint etwas Geringes und ist doch das Allergrößte. Das ermessen wir, wenn wir bedenken, was es hieße, wenn Jesus uns nicht kennte, wenn er zu uns spräche: „ich habe euch nie erkannt“ (Mt 7, 23; 25, 41). Das wäre unser Ende, unsere Verdammnis, unsere ewige Trennung von ihm. Darum bedeutet von Jesus erkannt sein, unsere Seligkeit und Gemeinschaft mit ihm. Jesus erkennt nur die, die er liebt, die zu ihm gehören, die Seinen (2. Tim 2, 19). Er erkennt uns als die Verlorenen, als die Sün­der, die seine Gnade brauchen und empfangen, und indem er uns erkennt als die begnadigten Sünder, die er zu seinem Eigentum gemacht hat, indem wir uns von ihm [563] und von ihm allein erkannt wissen, gibt er sich uns zu erkennen und erkennen wir ihn als den, dem wir allein gehören in Ewigkeit (Gal 4, 9; 1. Kor 8, 3). Der gute Hirte erkennt seine Schafe und nur sie; denn sie gehören ihm. Der gute Hirte und nur er erkennt seine Schafe; denn nur er weiß, wer in Ewigkeit ihm gehört. Die Schafe erkennen den guten Hirten und nur sie; denn sie allein wissen, wie gut er ist. Nur ihn erkennen sie als den guten Hirten; denn nur ihm gehören sie. Christus erkennen heißt seinen Willen für uns und mit uns erkennen und tun, heißt Gott lieben und die Brüder (Joh 4, 7 f; 4, 20). Es ist die Seligkeit des Vaters, wenn er den Sohn als Sohn erkennt, und es ist die Seligkeit des Sohnes, daß er den Vater als Vater erkennt. Dieses gegen­seitige Erkennen ist Liebe und Gemeinschaft. So ist es die Seligkeit des Heilandes, wenn er den Sünder als sein erworbenes Eigentum erkennt, und es ist die Seligkeit des Sünders, wenn er Jesus als seinen Heiland erkennt. Weil Jesus mit dem Vater (und den Seinen) in solcher Gemeinschaft der Liebe und des gegenseitigen Erkennens verbunden ist, darum kann der gute Hirte sein Leben lassen für die Schafe (beachte hier die erste Person!) und sich so die Herde zum ewigen Eigentum erwerben. „Durch die Liebe, in der ich für die Schafe sterbe, zeige ich, wie sehr ich den Vater liebe“ (Gregorius).

3. Vers 16. Weil Jesus allein die Seinen kennt, darum kann er allein es sagen, daß er Schafe seiner Herde hat mitten in der Heidenwelt. Nicht nur dem erwählten Volk gilt die Liebe und das Sterben des guten Hirten. Jesus, der gute Hirte hat die Seinen auch dort, wo wir es am wenigsten meinen, wo bisher nichts ist als Gottesleugnung und Götzendienst. Jesus gehört nicht nur uns, und er ist nicht auf uns angewiesen. Das ist der Kirche zur Warnung vor Über­hebung und zum Trost gesagt. Es gehört zum Auftrag des guten Hirten, daß er auch jene an­dern Schafe „führt“; es heißt wörtlich nicht „herführt“, also nach Israel, sondern er muß sie „führen“, d. h. erretten aus der Vereinzelung und Führerlosigkeit ihres Daseins. Der gute Hirte muß alle seine Schafe [564] führen, damit sie den rechten Weg wissen und vor Gefahr und Schaden bewahrt werden. Es wird die Vollendung der Gemeinde Jesu sein, wenn sie alle seine Stimme hören. Keine andere Stimme wird dann etwas gelten, wird es vermögen, die Schafe in die Irre zu führen, keinem Einzigen wird die Stimme des guten Hirten verborgen bleiben, von ihrem Befehl, ihrer Weisung, ihrem Trost werden sie alle leben. Die Stimme des guten Hirten wird das Einzige sein, was alle vereint. Das Wort Gottes wird die Einheit der Kirche auf Er­den sein. Nicht in Organisationen, nicht in Dogmen, nicht in Liturgien, nicht in frommen Her­zen wird die Einheit der Kirche bestehen, sondern im Worte Gottes, in der Stimme Jesu Chri­sti, des guten Hirten seiner Schafe. So wird die Hoffnung aller Gläubigen erfüllt werden. Alle Spaltung der Christenheit wird ein Ende haben, wenn sie alle seine und nur seine Stimme hö­ren, wenn alles hinfällt, was neben dieser einen Stimme auch noch gehört sein und Beach­tung fordern will. So werden sie alle eine Herde sein unter einem Hirten. Dann wird das Werk des guten Hirten auf Erden vollendet sein.

Die Beziehung des Evangeliums auf den Sonntag Misericordias Domini wird meist so gesucht, daß von der Barmherzigkeit des guten Hirten gepredigt wird. Das gibt jedoch dem Text eine Wendung, die geeignet ist, ihn in seiner Eigenheit nicht mehr ganz erkenntlich werden zu las­sen. Man gerät hier leicht dahin, den Text durch ein herangetragenes Thema bestimmen zu lassen. Es ist also nicht als geraten anzusehen, den Sonntagsnamen thematisch für die Predigt auszuwerten. Jedoch empfiehlt sich eine gelegentliche Erinnerung an die innere Beziehung zwischen Sonntag und Text, die sachlich durchaus gerechtfertigt ist.

Verfasst für den Sonntag Misericordias Domini 1940.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 560-564.

Hier der Text als pdf.

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