„In Wirklichkeit ist das Geheimnis des Ostertages das einzigartige nicht nur, sondern das einzi­ge eigentliche Geheimnis zu nennen.“ Karl Barths Osterbesinnung von 1967 für die Neue Zürcher Zeitung

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Das Geheimnis des Ostertages

Von Karl Barth

Der Ostertag ist der eigentliche Feiertag der christlichen Kirche. Nicht die Weihnacht, nicht Pfingsten und erst recht nicht der Bettag, sondern auf dem unentbehrlichen Hintergrund des Karfreitags mit dem Himmelfahrtstag zusammen der Ostertag. Am Ostertag freut sich die Kirche des besonderen Geheimnisses, um das sie versammelt ist und das sie in der Welt ver­kündigt. Denn nicht zu ihrem eigenen Vergnügen, sondern zu diesem Dienst in der Welt ist sie die christliche Kirche. Das Geheimnis, dessen sie sich freut und das sie verkündigt, ist schlicht die Existenz eines neuen, nämlich des freien Menschen, der einmal mitten in der Welt sichtbar, hörbar, greifbar erschienen ist, jetzt noch verborgen, einst aber Allen als ihr eigener Befreier offenbar werden wird.

Am Ostertag feiert die Kirche ihn als den lebendigen Herrn: die Zukunft seiner Offenbarung als die Hoffnung aller Menschen, der ganzen Welt, eines jeden Menschen. Genauso wie einst Israel Passah feierte vor dem Aufbruch aus der ägyptischen Knechtschaft in das seinen Vätern verheißene Land. Der Ostertag ist darum der höchste Abendmahlsfeiertag. Es dürfte wohl nicht allen Lesern bekannt sein, daß auch jeder «gewöhnliche» Sonntag im Jahr eine kleine Wiederholung dieses ersten, seiner Freude und Verkündigung ist. Es ist darum nicht in Ord­nung, daß bei uns nicht an jedem Sonntag auch Abendmahl gefeiert wird. Die «orthodoxen» Kirchen des Ostens und doch auch die römisch-katholische Kirche haben sich eine deutlichere Erinnerung an dieses Geheimnis des Ostertages (und jedes Sonntags!) erhalten als wir Ande­ren. Sie dürfte und müßte auch unter uns wieder lebendiger werden.

Es gibt vermeintlich viele und vielerlei Geheimnisse: alte und neue, lösbare und vorläufig unlösbare. Es gibt technische, militärische, politische Geheimnisse – öffentliche Geheimnisse, die die Spatzen von den Dächern pfeifen, und andere, von deren Vorhandensein wirklich nur Wenige wissen. Es gibt das Arztgeheimnis, das Beichtgeheimnis, das Geschäftsgeheimnis. Es gibt auch persönliche Geheimnisse. Manche Geheimnisse sind wichtig, so daß sie irgendwie Alle angehen, auf die Alle achten, die Alle respektieren, um die sich irgendwie auch Alle bekümmern und bemühen müssen. Mann und Frau sind sich gegenseitig ein Geheimnis – und wie! Das Kind in allen seinen Gestalten ist es auch. Der Tod ist ein für alle Menschen wichti­ges Geheimnis. Es gibt besonders im Bereich der Kunst wichtige Geheimnisse. Andere, be­sonders auch unter den persönlichen Geheimnissen, sind herzlich unwichtig: sie mögen diese und jene beschäftigen und unterhalten, während wir Anderen sie wirklich nicht zu wissen brauchen, die wir ihnen ohne Neugier überlassen können, bis sie ihrer eines Tages selbst überdrüssig werden mögen.

Aber eigentlich sind das alles nur vermeintliche Geheimnisse, die man vielleicht besser nur als Rätsel oder Masken, teilweise auch nur als Geheimnistuereien bezeichnen würde, bei de­ren Aufdeckung es dann auch mit mehr oder weniger natürlichen Dingen zuzugehen pflegt, die man unter allen Vorbehalten und Kompromissen mehr oder weniger vergnügt oder betrübt zu meistern vermag.

In Wirklichkeit ist das Geheimnis des Ostertages das einzigartige nicht nur, sondern das einzi­ge eigentliche Geheimnis zu nennen. Sicher steht jene ganze Rätselwelt in Beziehung zu ihm, ist sie von ihm umfaßt und begrenzt und beleuchtet, können alle Rätsel von ihm her ihre heil­same Richtigstellung und werden sie von ihm her auch ihr barmherziges Gericht erfahren. Man kann auch sagen, daß die vielen Rätsel das eine Geheimnis aus großer Ferne anzeigen. Und schließlich: daß in seiner künftigen Offenbarung auch sie alle sich lösen werden. Insofern gehören sie mit ihm zusammen. Es steht ihnen aber auch, wohl von ihnen unterschieden, gegenüber. Es will mit keinem von ihnen verwechselt oder gar vermengt werden. Es ent­spricht seiner Einsamkeit und Eigenart, daß es nicht mit den Methoden zu lösen ist, mit denen jene allenfalls ganz oder doch teilweise zu lösen sind. Es kann sich nur von sich aus in voller eigener Freiheit öffnen und also offenbaren.

An ihm gibt es darum nichts zu rätseln, nichts zu deuteln. Es läßt sich weder ganz noch teil­weise meistern. Und endlich: Wer es kennt und also seiner Offenbarung entgegensieht, der kann sich seiner nur eben freuen. Es kann nur eben in größter Heiterkeit gefeiert werden. Die im Mittelalter manchen Ortes übliche Sitte des «Ostergelächters» gerade im gottesdienstlichen Raum mag mit allerlei Unfug verbunden gewesen sein. Aber hier gilt: lieber noch Freude mit Unfug als freudlose Bedenklichkeit und Grämlichkeit. Wer sich des Geheimnisses des Oster­tages nicht freut, wer am Ostertag nicht lachen kann, der zeigt damit an, daß er sein Geheim­nis gar nicht kennt: genauso wenig wie der, der es sich nicht gefallen läßt, an seiner Höhe und Fremdheit, wie es sich gehört, Ärgernis zu nehmen, der sich ihm gegenüber nicht Einhalt ge­bieten läßt.

Das Geheimnis des Ostertages ist die der Welt ein für allemal nicht nur zugesprochene, son­dern eingepflanzte Hoffnung. Sie gehört nicht zur Welt, sofern sie nicht aus ihr stammt, nicht als eine irgendeinmal und irgendwo in ihr aufgekommene Bewegung durch irgend eine von Menschen ersonnene Idee, Lehre oder Theorie lebendig ist. Sie gehört aber unveräußerlich zu ihr – wirklich zu unserer Menschenwelt von gestern, heute und morgen –, sofern sie ihr an bestimmtem Ort, zu bestimmter Zeit von außen her ein für allemal eingepflanzt wurde: von außen, aber hinein in ihr Innerstes. Sie kann also von keinem Menschen im Rahmen eines von ihm so oder so (vielleicht logisch, vielleicht naturwissenschaftlich, vielleicht ästhetisch, viel­leicht politisch-sozial) verstandenen Wirkzusammenhangs des Seienden konstatiert, über­schaut und erklärt werden. Sie kann und darf und will aber – und das geschieht nach innen im Glauben, nach außen im Bekenntnis der christlichen Kirche – von den Menschen, die sie ein­mal wahrgenommen haben, als das große Neue in allen Wirk- und Denkzusammenhängen festlich angerufen werden. Diese Hoffnung ist das große Neue in der Welt, das doch auch ihr Ältestes ist, sofern sie die ursprüngliche Bestimmung alles Seienden und Wahren ans Licht bringt und in Kraft setzt.

Die der Welt ein für allemal eingepflanzte Hoffnung ist das in seiner Freudigkeit ärgerliche und in seiner Ärgerlichkeit freudige Ereignis der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Man darf sich auch um seine Ärgerlichkeit nicht drücken – nicht zum Beispiel um die Sicht­barkeit, die Hörbarkeit, die Betastbarkeit, nicht um die Leiblichkeit dessen, was da geschah. Sonst betrügt man sich unweigerlich auch um seine Freudigkeit. Denn die in diesem Ereignis der Welt eingepflanzte Hoffnung ist nun einmal nicht mehr und nicht weniger als die Hoff­nung auf eine im Verhältnis zu ihrem jetzigen Zustand total veränderte Gestalt dieses unseres menschlichen Daseins. Verändert: nämlich befreit von den großen und kleinen Erbärmlich­keiten, Verkehrtheiten, Überheblichkeiten, Dummheiten und Lügen seines jetzigen Zustandes. Total verändert: also nicht nur zum Besseren, sondern zum Besten, nicht nur vorübergehend, sondern unvergänglich – und eben nicht nur innerlich, das auch, aber auch äußerlich, nicht nur seelisch, geistig, das auch, aber auch leiblich.

Das wäre ja gar nicht unser Dasein, das wäre eine Hoffnung, die uns gar nicht anginge, wenn seine Zukunft nur die eines innerlichen, seelisch-geistigen, eines leiblosen menschlichen Da­seins sein würde. Nein, es handelt sich um die Zukunft unseres, des ganzen Menschenvolkes Daseins in allen seinen zeitlichen und räumlichen Dimensionen und so wirklich um uns selbst, aber durchstrahlt von der Herrlichkeit der Kinder Gottes. So ist es in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten uns vor Augen gestellt. So ist es in dem lebendigen Jesus Christus in der Macht des Heiligen Geistes verborgen gegenwärtig. So erwarten wir es als das Licht, das alle Finsternisse erhellen wird am letzten Tage, der der vollkommene Tag desselben Jesus Christus sein wird. Eben darum ist es das Geheimnis des Ostertages.

Man kann an ihm, den Kopf oder das Herz ein bißchen leer oder auch gefüllt mit anderen, ver­meintlich interessanteren und lustigeren Dingen, vorbeibrausen: tiefsinnig oder auch gedan­kenlos, zu Fuß, per Auto oder Eisenbahn oder im Flugzeug, später vielleicht einmal per Rake­te auf den Mond. Die Gedanken sind frei, und die Gedankenlosigkeit ist es auch. Niemand soll dazu gezwungen sein, das Geheimnis des Ostertages, die uns in dem Ereignis der Aufer­stehung des wahren Gottes- und Menschensohnes angezeigte Hoffnung auch nur zu respek­tieren, geschweige denn, ihm mit der christlichen Kirche aller Zeiten in Danksagung zu be­gegnen. Aber niemand kann etwas daran ändern, daß dieses Geheimnis der Welt eingepflanzt ist und so, ob er es weiß oder nicht, gern oder nicht gern hat, auch für ihn da ist.

Sehe jeder, wo er bleibe,
sehe jeder, wie er’s treibe,
und wer steht, daß er nicht falle!

Das ist es, was ich den Lesern der «NZZ» zum bevorstehenden Festtag frei und freundlich zu bedenken geben möchte – zusammenfassend und abschließend mit den Worten, die man gleich am Anfang des 1. Petrusbriefes (1,3) in ihrem Zusammenhang nachlesen mag: «Gelobt sei Gott, der uns durch seine große Barmherzigkeit neu erzeugt hat zu einer lebendigen Hoff­nung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!» Um «eine Art geschriebener Pre­digt» bin ich gebeten worden. In einer wirklichen Predigt hätte ich mit diesem oder einem ähnlichen Wort der Heiligen Schrift angefangen. Ich habe diesen Aufsatz so eingerichtet, daß, wer das will, ihn gut und gern auch von hinten nach vorn lesen kann.

Neue Zürcher Zeitung, Jg. 188, Nr. 129, 26.3.1967 (Osterausgabe)

Hier der Text als pdf.

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