„Wer einen Ausschalter für das eigene Leben beansprucht, gibt sich selbst im Tod verloren“ – Zur Karfreitagspredigt über Johannes 19,16-30 und zur Frage nach einem selbstbestimmten Sterben mit Sterbehilfe

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Image by Stefan Schweihofer from Pixabay

Es ist vollbracht“ – Jesu Schlusswort zu seinem Tod am Kreuz. „Und er neigte das Haupt und verschied.“ Wir hören heraus: Endlich tot – endlich vom eigenen Sterben erlöst. Ja, die Hinrichtung am Kreuz ist auf einen lang anhaltenden, qualvollen Sterbensprozess ausgerichtet. Wo der Gekreuzigte körperlich durchhängen muss, hat er schlussendlich an sich selbst zu ersticken, gibt doch der eigene Brustkasten nicht länger den Lungenflügeln genügend Entfaltung zur Atmung. So ist für den zum Erstickungstod hinge­richteten Jesus eine mehrtägige Sterbenszeit unter größten Qualen vorgesehen – präsentiert als Schauspiel für die Volksmenge.

Es ist vollbracht“ – nach (nur) sechs Stunden wird Jesus im qualvollen Sterben-Müssen durch seinen vorzeitigen Erschöpfungstod erlöst. Da sind wir ganz aktuell bei der Frage einer Sterbehilfe, die gegenwärtig vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt wird. Den Rich­tern in Karlsruhe liegen sechs Verfassungsbeschwerden gegen Paragraph 217 Strafgesetzbuch vor, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung verbietet. Eingereicht wurden die Beschwerden sowohl von schwerkranken Patienten, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchten, wie auch von Sterbehilfevereinen und von Ärzten. Es wird ein Selbstbestimmungs­anspruch von Menschen bezüglich ihres eigenen Sterbens geltend gemacht. In einer selbstge­wählten Verabreichung tödlicher Medikamente sieht man ein würdevolles, da von seelischen und körperlichen Schmerzen erlösendes Lebensende.

Es ist vollbracht“ – das eigene Todeswort Jesu gilt nicht einem selbstbestimmten, vermeint­lich erlösenden Sterbenstod. Schon vor seinem Einzug in Jerusalem hat Jesus seine Jünger über sein bevorstehendes Lebensende belehrt: „Der Menschensohn muss viel leiden und ver­worfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“ (Markus 8,31) Der Tod am Kreuz war nicht seine eigene Wahl, sondern für ihn unausweichlich vorgesehen – als Hingabe für alle zur Erlösung (vgl. 1Timotheus 2,6).

Es ist vollbracht“ besagt, dass der für Jesu Leben vorgesehene Tod erreicht ist. Dieser Tod verdankt sich nicht eigener Selbstbestimmung, sondern göttlicher Lebensbestimmung. Kein Tod also, der auf sich beruhen kann und damit sich selbst genug ist. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45) „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ (Johannes 15,13) Jesu Sterben ist unendlich mehr als eine Lebensbeendigung, sondern führt ihn über sich selbst hinaus, richtet den eigenen Tod auf Gott und die Menschen aus. Im Sterben tritt Jesus aus sich selbst heraus, um sein Leben für die Seinen zu lassen. „Pro-Existenz“ hat dies der katholische Neutestamentler Heinz Schürmann (1913-1999) treffend bezeichnet.

Wo Menschen sich an einer selbstbestimmten Tötung versuchen, weil sie sich nicht selbst dem eigenen Sterben-Müssen überlassen wollen, verlieren sie sich in ihrer vermeintlichen Selbstbestimmung. Wer einen Ausschalter für das eigene Leben beansprucht, gibt sich selbst im eigenen Tod verloren. Für sich selbst sterben führt in die hoffnungslose Vergangenheit: Das war’s mit mir und meinem Leben: Punkt. Aus. Ende.

Jesu Tod hingegen ist seine Hingabe für die vielen – für uns Sünder, die für sich Recht be­halten möchten, die sich selbst genug sind, die IHN, „Quell des lebendigen Wassers“ verlassen haben, „um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.“ (Jeremia 2,13)

Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lukas 23,46). Jesu Zuruf am Kreuz zeigt, dass er sein Sterben nicht für sich selbst behält, sondern dem Vater im Himmel zuzusterben weiß. Für uns finden sich die Widerworte gegen eine tödliche Selbstbestimmung der Menschen beim Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer: „Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (14,7-9)

Hier mein Text als pdf.

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