„Wieviel Verleugnen, Sich-beiseite-Stellen, wieviel Furcht, wenn das Kreuz Jesu auch nur ein klein wenig unser persönliches Leben zu beschatten anfing!“ – Bonhoeffers Predigt über Römer 5,1-5 von 1938

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Predigt über Römer 5,1-5

Von Dietrich Bonhoeffer

Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus, durch welchen wir auch den Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darin wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlich­keit, die Gott geben soll. Nicht aber allein das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt; Geduld aber bringt Erfahrung; Erfahrung aber bringt Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegos­sen in unser Herz durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.

„Wir haben Frieden mit Gott“. So ist unser Kampf mit Gott nun also zum Ende gekommen. Unser widerspenstiges Herz hat sich also in Gottes Willen gefügt. Unsere eigenen Wünsche sind still geworden. Gottes ist der Sieg, und unser Fleisch und Blut, das Gott haßt, ist zer­schlagen und muß schweigen. [471]

„Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott“. Gott hat recht behalten. Er allein. Wir sprechen mit dem Lied, das wir eben gesungen haben: Du bist gerecht, es gehe wie es will. Gott ist gerecht, ob wir seine Wege verstehen oder nicht; Gott ist gerecht, ob er uns straft und züchtigt oder ob er uns begnadigt. Gott ist gerecht, wir sind die Übertreter. Wir sehen es nicht, aber unser Glaube muß es bekennen: Gott ist allein gerecht. Wer so im Glauben Gott allein recht über sich gibt, der ist vor Gott in die rechte Stel­lung gekommen, der ist vor Gott recht fertig geworden, um vor ihm bestehen zu können, der ist gerecht geworden im Glauben an Gottes Gerechtigkeit, der hat Frieden mit Gott gefunden.

„Wir haben Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“. So ist nun auch Gottes Kampf gegen uns zu Ende gebracht. Gott haßte den Willen, der sich ihm nicht beugen wollte. Unzählige Male rief er, mahnte, bat und drohte er, bis sein Zorn über uns keine Geduld mehr kannte. Da holte er aus zum Schlage gegen uns, da schlug er zu und traf. Er traf den einzig Unschuldigen auf der ganzen Erde. Es war sein lieber Sohn, unser Herr Jesus Christus. Jesus Christus starb für uns am Kreuz, vom Zorn Gottes geschlagen. Gott selbst hatte ihn dazu ge­sandt. Da war Gottes Zorn gestillt, als sein Sohn sich seinem Willen und Recht beugte bis zum Tod. Wunderbares Geheimnis – Gott hatte Frieden gemacht mit uns durch Jesus Chri­stus.

„Wir haben Frieden mit Gott“. Unter dem Kreuz ist Frieden. Hier ist Ergebung in Gottes Willen, hier ist Ende unseres eigenen Willens, hier ist Ruhe und Stille in Gott, hier ist Friede des Gewissens in der Vergebung aller unserer Sünden. Hier unter dem Kreuz ist der „Zugang zu der Gnade, in der wir stehen“, ist der tägliche Zugang zum Frieden mit Gott. Hier ist der einzige Weg, den es auf der Welt gibt, um Frieden mit Gott zu finden. In Jesus Christus allein ist Gottes Zorn gestillt, sind wir überwunden in den Willen Gottes hinein. Darum ist das Kreuz Jesu Christi für seine Gemeinde ewiger Grund der Freude und Hoffnung der kommen­den Herrlichkeit Gottes. „Wir rühmen uns der Hoffnung [472] der zukünftigen Herrlichkeit“. Hier im Kreuz ist Gottes Recht und Sieg auf Erden angebrochen. Hier wird er einst aller Welt offenbar werden. Der Friede, den wir hier empfangen, wird ein ewiger herrlicher Friede im Reich Gottes werden.

Aber während wir hier am liebsten abbrechen würden, erfüllt von der höchsten Seligkeit, die Menschen auf dieser Erde zuteil werden kann, nämlich erfüllt von der Erkenntnis Gottes in Jesus Christus, von dem Frieden Gottes im Kreuz, läßt uns die Schrift hier noch nicht los. „Nicht aber das allein –“ heißt es jetzt. Es ist also doch noch nicht alles gesagt. Was bliebe denn noch zu sagen, nachdem vom Kreuz Jesu Christi, vom Frieden Gottes in Jesus Christus gesprochen ist? Ja, liebe Gemeinde, es ist noch ein Wort zu sagen, nämlich ein Wort von dir, ein Wort von deinem Leben unter dem Kreuz, ein Wort davon, wie Gott dein Leben in dem Frieden Gottes erproben will, damit der Friede nicht nur ein Wort sei, sondern eine Wirklich­keit. Es bleibt noch ein Wort zu sagen, daß du noch eine Weile auf dieser Erde leben wirst und wie du den Frieden bewahrst.

Darum heißt es: „nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale“. Ob wir den Frieden Gottes wirklich gefunden haben, wird sich daran erproben, wie wir zu den Trüb­salen, die über uns kommen, stehen. Es gibt viele Christen, die wohl ihre Kniee beugen vor dem Kreuz Jesu Christi, die sich aber gegen jede Trübsal in ihrem eigenen Leben nur zur Wehr setzen und sträuben. Sie glauben das Kreuz Christi zu lieben, aber das Kreuz in ihrem eigenen Leben hassen sie. So hassen sie in Wahrheit auch das Kreuz Jesu Christi, sie sind in Wahrheit Verächter des Kreuzes, die selbst mit allen Mitteln dem Kreuz zu entfliehen suchen. Wer es von sich weiß, daß er Leiden und Trübsal in seinem Leben nur als etwas feindliches, böses ansieht, der kann daran erkennen, daß er den Frieden mit Gott noch garnicht gefunden hat. Er hat imgrunde nur den Frieden mit der Welt gesucht und hat vielleicht gemeint, mit dem Kreuz Jesu Christi am besten mit sich selbst und mit all seinen Fragen fertig zu werden, also einen inneren Seelenfrieden zu finden. Er hat also das Kreuz gebraucht, aber nicht ge­liebt. Er hat den Frieden nur um seiner selbst willen gesucht. Wenn aber Trübsal kommt, dann ist dieser Friede schnell dahin. Es war kein Friede mit Gott; denn er haßte die Trübsal, die Gott schickt. [473]

Wer also die Trübsal, wer Verzicht, Not, Verleumdung, Gefangenschaft in seinem Leben nur haßt, der mag sonst vom Kreuz mit noch so großen Worten reden, er haßt das Kreuz Jesu und hat keinen Frieden mit Gott. Wer aber das Kreuz Jesu Christi liebt, wer in ihm den Frieden gefunden hat, der fängt an, auch die Trübsal in seinem Leben zu lieben, und zuletzt wird er mit der Schrift sprechen können: „wir rühmen uns auch der Trübsale“.

Unsere Kirche hat in den letzten Jahren manche Trübsal erlitten. Zerstörung ihrer Ordnung, Einbruch einer falschen Verkündigung, viel Feindschaft, böse Worte und Verleumdungen, Gefangenschaft und Not aller Art bis zu dieser Stunde, und niemand weiß, welche Trübsale der Kirche noch bevorstehen. Aber haben wir in alledem auch begriffen, daß Gott uns selbst damit auf die Probe stellen wollte und will, daß in all dem nur eine Frage wichtig war, näm­lich ob wir Frieden mit Gott haben oder ob wir bisher in einem ganz weltlichen Frieden gelebt haben. Wieviel Murren und Sich-Sträuben, wieviel Widerspruch und Haß gegen die Trübsal ist da bei uns aufgedeckt worden! Wieviel Verleugnen, Sich-beiseite-Stellen, wieviel Furcht, wenn das Kreuz Jesu auch nur ein klein wenig unser persönliches Leben zu beschatten anfing! Wie oft meinten wir, wir könnten unsern Frieden mit Gott wohl bewahren und doch dem Lei­den, dem Verzicht, der Gehässigkeit, der Gefährdung unserer Existenz aus dem Wege gehen! Ja, was am schlimmsten ist, mußten wir nicht von christlichen Brüdern immer wieder hören, daß sie das Leiden der Brüder verachteten, – und das allein darum, weil ihr eigenes Gewissen ihnen keine Ruhe ließ.

Aber Gott wird keinen in sein Reich nehmen, dessen Glauben er nicht in der Trübsal als echt erprobt hat. „Wir müssen durch viel Trübsale in das Reich Gottes eingehen“. Darum sollen wir lernen, unsere Trübsale liebzugewinnen, ehe es zu spät ist, ja, uns ihrer zu freuen und zu rühmen.

Wie soll das zugehen? „Wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt, Geduld aber bringt Erfah­rung, Erfahrung aber bringt Hoffnung. Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden“. So lehrt uns Gottes Wort, die Trübsal erst recht ansehen und verstehen. Die Trübsal, die uns in unserm Leben so hart und widerwärtig erscheint, [474] ist in Wahrheit voll der größten Schätze, die ein Christ finden kann. Sie ist wie die Muschel, in der die Perle liegt. Sie ist wie ein tiefer Schacht, in dem man eines nach dem andern findet, je tiefer man hineinsteigt: erst Erz, dann Silber, zuletzt Gold. Trübsal bringt zuerst Geduld, dann Erfahrung, dann Hoffnung. Wer der Trübsal aus dem Wege geht, der verwirft mit ihr Gottes größte Geschenke für die Seinen.

„Trübsal bringt Geduld.“ Geduld heißt wörtlich übersetzt: Darunterbleiben, die Last nicht abwerfen, sondern tragen. Viel zu wenig wissen wir heute in der Kirche von dem eigentüm­lichen Segen des Tragens. Tragen, nicht abschütteln, tragen, aber auch nicht zusammenbre­chen, tragen wie Christus das Kreuz trug, drunterbleiben und dort unten – Christus finden. Legt Gott eine Last auf, so beugt der Geduldige sein Haupt und glaubt, es sei gut für ihn, gedemütigt zu werden – darunterbleiben! Aber darunterbleiben! fest bleiben, stark bleiben heißt es ja nun auch; nicht schwächliches Nachgeben, Weichen, keine Leidensseligkeit, son­dern unter der Last als einer Gnade Gottes erstarken, den Frieden Gottes unerschütterlich bewahren. Gottes Friede ist bei den Geduldigen.

„Geduld bringt Erfahrung“. Ein Christenleben besteht nicht in Worten, sondern in Erfahrung. Niemand ist Christ ohne Erfahrung. Nicht von Lebenserfahrung ist hier die Rede, sondern von der Erfahrung Gottes. Aber auch nicht von allerlei Gotteserlebnissen wird hier gesprochen, sondern von der Erfahrung, die in der Bewährung des Glaubens und des Friedens Gottes liegt, von der Erfahrung des Kreuzes Jesu Christi. Erfahren sind nur die Geduldigen. Die Ungedul­digen erfahren nichts. Wem Gott solche Erfahrung schenken will – einem Einzelnen oder einer Kirche – dem schickt er viel Anfechtung, Unruhe und Angst, der muß täglich und stünd­lich um den Frieden Gottes schreien. Die Erfahrung, von der hier die Rede ist, führt uns in die Tiefe der Hölle und in den Rachen des Todes und in den Abgrund der Schuld und in die Nacht des Unglaubens. Aber in dem allen will Gott seinen Frieden nicht von uns nehmen, in [475] dem allen erfahren wir von Tag zu Tag mehr die Kraft und den Sieg Gottes, den Friedens­schluß am Kreuze Christi.

Darum bringt Erfahrung Hoffnung. Denn jede überstandene Anfechtung ist ja schon das Vor­spiel der letzten Überwindung, jede besiegte Welle bringt uns dem ersehnten Land näher. Darum wächst mit der Erfahrung die Hoffnung und in der Erfahrung der Trübsal ist der Widerschein der ewigen Herrlichkeit schon zu ahnen.

„Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden“. Wo noch Hoffnung ist, da ist kein Unterlie­gen, da mag noch allerlei Schwachheit, viel Geschrei und Jammer, viel ängstliches Rufen sein, aber da ist doch der Sieg schon ergriffen. Das ist das Geheimnis des Leidens in der Kir­che und im christlichen Leben, daß gerade das Tor, an dem geschrieben steht: laßt alle Hoff­nung fahren!, daß gerade das Tor des Leides, des Verlierens, des Sterbens für uns zu dem Tor der großen Hoffnung auf Gott, zu dem Tor des Ruhmes und der Herrlichkeit werden soll. „Hoffnung läßt nicht zuschanden werden“. Haben wir in der Kirche und für unsere Kirche noch diese große Hoffnung auf Gott selbst? dann ist alles gewonnen, haben wir sie nicht mehr? dann ist alles verloren.

„Trübsal bringt Geduld, Geduld bringt Erfahrung, Erfahrung bringt Hoffnung, Hoffnung läßt nicht zuschanden werden“, das aber alles nur für den, der den Frieden Gottes in Jesus Christus gefunden hat und bewahrt, und von dem es nun heißt: „denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“. Wer von Gott geliebt ist und wer darum Gott allein und über alle Dinge liebt, der allein darf so sprechen. Nein, die Stufen­reihe von der Trübsal zur Hoffnung ist keine irdische Selbstverständlichkeit. Luther hat ge­sagt, es könnte ja auch ganz anders heißen, nämlich: Trübsal bringt Ungeduld, Ungeduld bringt Verstockung, Verstockung bringt Verzweiflung, Verzweiflung aber läßt ganz zuschan­den werden. Ja, so muß es heißen, wenn uns der Friede Gottes verloren geht, wenn uns ein irdischer Friede mit der Welt lieber ist als der Friede mit Gott, wenn wir die Sicherheiten unseres Lebens mehr lieben als Gott. Dann muß uns die Trübsal zum Verderben gereichen. [476]

Aber die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz. Wem es Gott durch den Heiligen Geist schenkt, daß das Unbegreifliche in ihm geschieht, nämlich daß er anfängt Gott zu lieben um Gottes willen, nicht um irdischer Güter und Gaben willen, auch nicht um des Friedens willen, sondern wirklich ganz allein um Gottes willen, wem die Liebe Gottes im Kreuze Jesu Christi widerfahren ist, daß er anfängt Gott zu lieben um Jesu Christi willen, wer durch den Heiligen Geist dahin geführt wird, nichts mehr zu begehren als in Ewigkeit an Gottes Liebe teilzuha­ben, sonst aber nichts, garnichts – der spricht aus dieser Liebe Gottes und mit ihm die ganze Gemeinde Jesu Christi: Wir haben Frieden mit Gott. Wir rühmen uns der Trübsale. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz. Amen.

Gehalten am 9. März 1938 in Groß-Schlönwitz.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 470-476.

Hier die Predigt als pdf.

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