„und hoch, ganz hoch mit schreien­den Fingern große gespenstige Hände, Hände, die fluchen wollen und Segen stam­meln“ – Joris-Karl Huysmans‘ Die Kreuzigung Christi des Matthias Grünewald

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Matthias Grünewald – Die Kreuzigung (Tauberbischofsheimer Altar 1523/24)

Joris-Karl Huysmans‚ eindrückliche Beschreibung der Kreuzigungsszene des Tauberbischofsheimer Altars erschien 1891 in seinem Roman Là-bas (Tief unten). In deutscher Sprache wurde sie erstmals 1895 – stark gekürzt – in der Zeitschrift Pan veröffentlicht. Zusammenn mit dem Begleitartikel „Matthäus Grünewald“ von Oskar Eisenmann trug der Text Huysmans zur (Wieder-)Entdeckung Grünewalds – sein eigentlicher Name war Mathis Gothart Nithart – als herausragender Künstler bei:

IN FAHLER Dämmerung ragts furchtbar in die Höhe: der Christ an seinem Kreuz. Ein roher Stamm, quer darauf ein halb entrindeter Ast, der sich biegt unter der Last wie ein gespannter Bogen und hinaufschnellen möchte wie aus gekrampftem Mitleid und das armselige Fleisch gen Himmel schleudern, hinweg von diesem schmachgetränkten Boden, der es noch hält, fest, mit riesigen Nägeln.

Zermalmte Arme an ausgerenkten Schultern; das Fleisch an den Muskeln ausgehöhlt, als hätten da dicke Stricke gerissen; es knirscht wie gebrochene Knochen – und hoch ganz hoch mit schreienden, Fingern grosse gespenstige Hände, Hände, die fluchen wollen und Segen stammeln. Schweiss trieft von der Brust, von dem rotblauen, sich wallenden Fleisch über den zitternden Rippen; blutige Striemen ziehen darüber hin, kleine Splitter bedecken es, nadel­feine Stiche wie die Bisse von Insekten. Das sind die Spitzen der Geisseln, die sich an seinem Leibe brachen.

Die Verwesung hebt an. Aus dem Loche in der Seite sickert dicker Eiter über die Hüfte, aus der Brust beginnt Wasser zu fliessen, grünliche rötliche milchige Säfte rieseln über den Leib und tränken die schmutzigen Leinenfetzen über den Beinen. Die Beine buchten sich aus. Man hat ihm die Kniescheiben fast zusammengezwängt, die Schienbeine sind gewaltsam wieder nach aussen gebogen bis zu den Füssen, die ein Nagel zusammennagelt. Furchtbar sind diese Füsse. Da blüht schon die Fäulniss in Strömen grünen Bluts und macht sie länger und länger. Das schwammige Fleisch ist bis an den Kopf des Nagels gequollen und die Zehen – anders als die sanften Finger – krümmen sich wütend, möchten mit ihren blauen Nägeln den roten Bo­den der Erde aufreissen.

Ueber diesem gährenden Leib hängt schlaff das riesige Haupt hinab mit der wüsten Dornen­krone; in dem halb geöffneten Auge noch ein Blick voll Schreck und Schmerz. Das Gesicht ist verschwollen, entstellt, jeder Zug darin weint, nur der Mund ist durch die Stösse des Kie­fers zu einem Lächeln verkrümmt.

Es war ein furchtbarer Tod. Die bluttollen Henker rannten vor diesem Anblick.

Jetzt ist blaue Nacht, und das Kreuz neigt sich tief tief zur Erde.

Zwei Menschen bewachen es. Ein Weib hält links; ein rotes Kopftuch fällt ihr auf das blaue faltige Gewand. Sie ist bleich und starr, übervoll von Thränen, ihre Nägel bohren sich in die Hände – die Mutter Gottes.

Und auf der andern Seite Johannes, gross und schlank, ein kräftiger Schwabe, das dunkle Gesicht mit zottigem Bart. Sein Kleid ist zerlumpt; ein roter Rock und darüber ein gelber Mantel, an den aufgekrempelten Aermeln citronengrün. Auch er leidet, aber er ist kräftiger als die ganz gebrochene Marie, [96] er sieht noch hin mit glühenden Augen und er schreit noch auf mit geschwungenen Händen, schreit ohne Laut, mit zerrissener Kehle.

O ja! von diesem blutigen Golgatha bis zu der sanften und süssen Passionsmalerei seit der Renaissance – ein schöner Schritt. Dieser Christ im Todeskrampf ist nicht der galiläische Adonis der Reichen, der blondgelockte wohllebige Jüngling, der schöne Mann mit dem wohl­gescheitelten Bart und dem nichtssagenden süsslichen Ausdruck, zu dem die Gläubigen seit vier hundert Jahren beten.

Der da ist der Christ des heiligen Justinus, Sankt Cyrillus, Tertulians, der Jesus der ersten christlichen Zeit, der hässliche Christus, der schwer leiden musste, da er die schwere Sündenlast der Welt auf sich nahm.

Der Gott der Armen. Jener, der sich den Elenden, den Ausgestossenen gesellte, allen denen, deren Hässlichkeit und Notdurft die Welt verachtet. Der menschlichste Gott, ein von Natur verlassener Christus mit jämmerlichem Fleisch, dem erst von oben geholfen wurde, nachdem der Kelch geleert war. Der Christ mit der Mutter, die er mit geängsteter Kindesstimme geru­fen, wie Jeder in höchster Gefahr die Mutter ruft; mit der Mutter, die dabei steht, machtlos wie jede Mutter. Höchste Erniedrigung suchend, hatte er die Gottheit abgethan von dem Augen­blick an, da ihn die ersten Schmähungen, die ersten Geisselhiebe trafen. Durch alle Marter hindurch bis zu den furchtbaren Qualen des langsamen Endes.

Nur so konnte er leiden, leiden wie ein Mensch, wie ein Verbrecher, wie ein Hund, niedrig, schmutzig, bis zum Grauen der Fäulniss.

Kein Naturalismus seit Grünewald hat sich an diesen Stoff getraut; kein Maler hat je wieder gewagt, so brutal an die heiligen Wunden zu rühren.

Aber wer diesen toten Christ, diesen Christus aus der Morgue begreift, für den ist er der Gott, ohne goldenen Heiligenschein, ohne Nimbus. Dem strahlt aus dem Tod dieses Menschen, aus dieser wüsten, blutbespritzten Dornenkrone der Heiland entgegen; und die beiden elenden Menschen vor der Leiche am Kreuz, dieses gebrochene Weib, dieser von Mitleid und Wut zerrissene Kerl, sind ihm überirdische Wesen vor einem Gott. Für den ist Matthäus Grüne­wald Idealist.

Quelle: Pan, 1. Jahrgang, Heft 2 (Berlin 1895), Seiten 95f.

Hier der Text als pdf.

Hier die ursprüngliche Veröffentlichung in der Kunstzeitschrift Pan.

Und hier die ausführlichere Bildbeschreibung aus dem Roman Là-bas in der Neuübersetzung von Ulrich Bossier „Tief unten“ (Reclams Universalbibliothek).

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