„Andere finden keinen neuen Himmel über sich. Zu diesen bin ich, wie ich glaube, jetzt endgültig gekommen“ – Der 22jährige Gustav Heinemanns in einem Brief an Wilhelm Röpke von 1922

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Aufschlussreich ist der Brief des fast 23jährigen frisch promovierten Gustav Heinemann an seinen gleichaltrigen Freund Wilhelm Röpke (1899-1966),  der ja als einer der geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft gilt. Da zeigt sich ein „ungläubiger“ Heinemann in einer zweifelnden Suchbewegung, die ihn dann Ende der zwanziger Jahre mit seinem Christusglauben entschieden in die evangelische Kirche in Essen geführt hat:

Brief an Wilhelm Röpke

Von Gustav Heinemann

 

Göttingen, den 28. Juni 1922

Lieber Willi!

… Ich bin hier in Verbannung. Über einige flüchtige Bekanntschaften hinaus sind mir alle Menschen so fremd wie am ersten Tage. Selbst Maria-Spring hat mich noch keinen Nach­mittag gekostet. Ich finde, daß man mit sich selbst durchaus in guter Gesellschaft sein kann, ohne sich zu langweilen. Ja, es ist mir manchmal so, als müßte ich mir die Ohren zuhalten und fortlaufen, weil ich mich viel zu vielstimmig unterhalte. Und je später am Abend, umso hart­näckiger wollen die Zwiegespräche ausgefochten sein, so daß es stundenlang dauert, bis ich endlich zum Einschlafen komme. Du meinst, ich hätte mich im letzten Vierteljahr geistig besonders stark entwickelt. Teilweise habe ich ein gleiches Gefühl. Mir scheint, als hätte ich jetzt endlich einigen Boden unter meine Füße gebracht. Als liefe ich nicht mehr ganz im Dun­keln umher. Materiell habe ich wohl nur wenig Neues gefunden. Aber das war es ja auch gar nicht, was ich suchte. Ich wollte nur erst einmal einen Halt finden, einen nicht mehr angreif­baren Punkt, an den ich das, was ich hatte, anknüpfen und von dem aus ich das, was ich nicht hatte, ableitete, in einigermaßen befriedigender Weise scheiden und abgrenzen konnte. Mit meinen Versuchen, alle letzten Fragen rein verstandesmäßig zu lösen, habe ich Schiffbruch gemacht. Biologie und Ethik sind zweierlei und Denken und Wollen sind es nicht minder. Das kommt mir jetzt beinahe als eine fabelhaft banale Feststellung vor; und doch habe ich mich lange dagegen gewehrt. Das Dasein eines Gottes konnte mir niemand beweisen, ebensowenig wie die Unsterblichkeit der Men­schenseele oder die absolute Gültigkeit bestimmter ethischer Gebote. Aber ich konnte auch meinerseits nicht beweisen, daß es keinen Gott gibt, keine Un­sterblichkeit usw. So schloß ich denn endlich im Zeichen Kants und der Erkenntniskritik den Waffenstillstand ab. Auf dem Kampfplatz reiner Erkenntnis waren diese Dinge nicht auszutra­gen. Ich fühlte mich nicht besiegt, aber ich wurde mir bewußt, daß ich ebenso wenig jemals würde Sieger sein können. – Für den zünftigen Philosophen war dieses Ergebnis viel­leicht schon lange ausgemacht und darum unter seinem Gesichtswinkel eine banale Sache. Für mich ist es mehr als eine Schulweisheit geworden. [237]

Die Konsequenz meines Waffenstillstandes ist ein gewisser Relati­vismus: die Fragen des letzten Wollens sind eine Angelegenheit der Wahl, über die niemand rechten kann. Mancher Mensch wählt niemals: er nimmt nur entgegen, was ihm gegeben wird. Vielleicht verliert er auch das noch, um gleichgültig oder frivol, um leer oder negierend durchs Leben zu gehen. Die Mehrzahl der Kirchengläubi­gen wie auch die Mehrzahl der Nicht-Kirchengläubigen gehören in dem einen oder anderen Sinne hierhin. Die einen haben etwas, wenngleich sie nicht immer wissen, wo es herkommt und wie es zu ihnen paßt. Die anderen aber haben nichts; sie stehen auf der Grenze: sie haben das Eine, das nicht das Ihre war, verloren, ohne das Andere, das wirklich Ihre, gefunden zu haben. Nur wenige von ihnen suchen nach dem Neuen, das ihnen gehören soll und das sie bejahen wollen. Diese Wenigen aber sind die Wäh­lenden. Vielleicht kehren sie zu­rück. Dann bejahen sie jetzt, was ihnen gegeben wurde, als wäre es nie etwas Fremdes, sondern immer etwas Ureigenes gewesen. Sie werden wirklich religiöse Menschen. Sie glauben an Gott als die ewige überweltliche Macht, sie ergeben sich ihrem Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit, sie vertrauen auf die göttliche Vorse­hung. Und sind auf ihre Weise wohl geborgen. – Andere finden keinen neuen Himmel über sich. Zu diesen bin ich, wie ich glaube, jetzt endgültig gekommen. Warum? Das kann ich verstan­desmäßig allein nicht begründen. Erziehung und persönliche Veranlagung, Notwendiges und Zufälliges mögen dabei eigentümlich durcheinan­derfließen. Was soll ich anders sagen als: »ich bin nun einmal so«?. Religiös im eben angedeuteten Sinne kann ich nicht sein; ich bin »religiös unmusikalisch«.

Welche Konsequenzen sich von diesem zunächst ja wiederum nur negativ bestimmten Stand­punkt aus ergeben, weiß ich im Einzelnen nicht zu sagen. Wenigstens jetzt nicht. Nur fühle ich immer deutli­cher, daß die Welt und das Leben von diesem Gesichtspunkt aus – gleich­falls! – ihre eminent positiven Seiten haben können. Eigent­lich möchte ich jetzt noch gar nicht versuchen, sie anzudeuten. Nur das, was sich mir als das Überragende und Entscheiden­de aufdrängt, will ich sagen. Es ist ein sieghaft strebendes Lebensgefühl der Unab­hängigkeit und des Sich-Entfaltens; es ist der Wille, den guten Menschen in uns über den schlechten und trä­gen siegen zu lassen, ihn frei werden zu lassen zu allem Großen und Schönen, was uns unser Leben nur bieten kann. Dieses Lebensgefühl und dieser Wille über-[238]winden alles Kalte und oft genug Niederdrückende, das eine Welt an sich trägt, welcher wir ohne den Glau­ben an eine göttliche Vorse­hung und an eine ausgleichende, jenseitige Gerechtigkeit gegenüber­stehen. – –

Nun habe ich Dir in einigen flüchtigen Strichen angedeutet, was aus mir geworden ist. Daß das Bild unvollständig ist, wirst Du ebenso empfinden wie ich. Auch will ich mich auf keine Einzelheiten des Gesagten festnageln lassen. Gerne möchte ich mich einmal mit ganzer Kraft diesen Fragen widmen. Jetzt aber kann ich ihnen nur soweit nachgeben, wie es mir die Juri­sterei vor dem Examen ge­stattet. – Noch sind wir jung! …

Quelle: Gustav Heinemann, Wir müssen Demokraten sein. Tagebuch der Studienjahre 1919-1922, hrsg. v. Brigitte und Helmut Gollwitzer, München 1980, S. 236-238.

Hier der Brief als pdf.

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