„Das Kreuz Christi hat die, die an ihn glaubten, gelehrt, das Vergangene vergangen sein zu lassen“ – Iwand über Kreuz und Auferstehung in seiner Christologie-Vorlesung 1959

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Wang Wei-zhong – Kreuzigung

Wie kein anderer Theologe hat Hans Joachim Iwand das Evangelium kreuzestheologisch auf die Auferstehung Christi hin durchbuchstabiert. Hier seine Einleitung zum zweiten Teil der Christologie-Vorlesung, die er 1958 in Bonn gehalten hatte.

Kreuz und Auferstehung Jesu Christi

Von Hans Joachim Iwand

Im Folgenden wird von dem Letzten und Höchsten die Rede sein, das es im Christentum zu verkündigen und zu glauben gilt: von Kreuz und Auferste­hung Jesu Christi. Es wird davon die Rede sein im Rahmen der Christolo­gie, also des Werkes Christi. Sein Tod ist ein besonderer Tod; ein solcher Tod ist nie zuvor unter uns erlitten worden und wird nie wieder erlitten wer­den. Was er starb, starb er ein für allemal (Röm 6,10). Und das Gleiche gilt von der Auferste­hung: Sie ist nichts, was eine Analogie hätte, weder nach rückwärts noch nach vorn. Sie steht da in „splendid isolation“, in einer Isolierung und Großartigkeit, die in keinem sonstigen Ge­schehen unter uns auf Erden ihresgleichen hat. Sie ist ein Faktum, mit dem sich das Fak­tum der Existenz Gottes selbst verbindet: So gewiss, wie das geschehen ist, so gewiss lebt Gott; beides ist voneinander nicht zu trennen. Und so gewiss, wie dieser Tod geschehen ist, ist eine Größe aufgehoben, von der wir uns abgesehen davon kaum eine Vorstellung machen können: Durch den Tod Jesu ist die Sünde der Welt aufgehoben, durch ihn ist die Welt mit Gott ver­söhnt. Um diese Fragen wird es also in dieser Vorlesung gehen: um Tod und Leben, um unse­ren Tod und unser Leben gewiss, aber doch in einer sehr ab­geleiteten, keineswegs primären Weise, vielmehr um den Tod, der mit der Existenz Gottes verbunden ist, und um das Leben, das gleichfalls diese Existenz Gottes bezeugt.

Meinen wir etwa, dass es abgesehen von diesem Tod keinen Glauben an Gottes Existenz gäbe? Glauben nicht unzählige Menschen an Gott, ohne dass sie mit dem Tode Jesu Christi etwas anzufangen wissen? Glauben nicht viele Menschen an das ewige Leben, ohne dass sie von dieser Aufer­stehung des gekreuzigten Herrn Notiz nehmen? Das werden Fragen sein, die uns in dieser Vorlesung ständig begleiten. Aber das eine können wir si­cher jetzt schon sagen: Wer zu der Erkenntnis Gottes über das Kreuz und die Auferstehung Jesu gelangt, dem wird es ergehen wie den ersten Zeugen und den ersten, die diesen Weg beschritten haben. Es wird al­les, was ihnen vorher Licht schien, wie Finsternis erscheinen. Der Gottesglaube, von dem sie herkommen, wird sich als Finsternis erweisen [301] in diesem Licht. Und der Glaube an das ewige Leben wird nicht mehr sein als der Schatten einer Er­innerung. Hier aber ist die Rea­lität. Hier sehen wir ins Licht und kehren ihm nicht den Rücken zu. Hier ist der Todesbann wirk­lich durchbrochen, hier ist in die dunkle Mauer unseres Gefängnisses wirklich etwas ein­gebro­chen, das unsere Zellen und Kammern mit einem hellen Licht erfüllt: „Christ ist erstan­den!“

Es ist dies alles sicherlich unfassbar. Nicht nur die Auferstehung: Was am Kreuz geschah, ist, wenn wir es recht verstehen, in gleicher Weise über alle Vernunft. Das Kreuz ist nicht erden­näher oder rational fassbarer als das of­fene Grab oder als jenes Bild von dem Sieg des Aufer­standenen, das uns der Isenheimer Altar zeigt. Es geht dies alles weit über unser Fassungsver­mögen und unseren Verstand hinaus. Und wenn es nicht darüber hinausgin­ge, dann würde es auch nicht in ihn hineinkommen. Es muss erst transzen­dent für uns werden, ehe es wirklich begriffen wird – ehe es sich unsere Be­griffe aneignet! Es darf nie so sein, dass wir uns mit und nach unseren Be­griffen das aneignen, was wir in der Theologie die Offenbarung nennen. Damit hörte sie auf, Offenbarung zu sein. Aber das Unbegreifliche wird be­greiflich, das jen­seits aller Vernunft sich Ereignende wird zu etwas, das wir mit unserer Vernunft fassen, nach­buchstabieren, nachdenken können. Das ist unsere Aufgabe. So allein werden wir es uns an-eignen. Und wir müssen es uns aneignen. Es darf nicht wie eine Größe an sich im Raume stehen. Das Christentum ist nicht eine Größe, die in geheimnisvoller Unnahbarkeit anzubeten wäre, sondern eine solche, zu der wir nahen können, die wir nicht anbeten, weil sie uns unbe­greiflich ist, sondern weil wir begreifen, was uns hier Gott getan hat. Diese Aneignung wird sich immer neu zu voll­ziehen haben. Wir leben zwar von den Zeugnissen unserer Vorfahren, die sich das Wort des Lebens, das hier kund geworden ist, so oder so angeeig­net haben. Wir nennen den Prozess solcher Aneignung Theologie. Aber Theologie ist nicht identisch mit dem Wort Gottes, mit der Offenbarung. Diese steht für sich. Auch in der Schrift muss man zwi­schen beidem unter­scheiden. Paulus z.B. ist sehr achtsam, zwischen seiner Theologie und dem Evangelium zu unterscheiden. Die Theologie ist die Aneignung, hier spie­len Zeit und Person, Geschichte und Geistesgeschichte eine Rolle, hier ist nichts abgeschlossen, nichts endgültig. Aber das Evangelium ist eines. Es ist ewig.

Es geht auch um Schuld und ihre Aufhebung. Das Christentum lebt von der Überzeugung, dass die Frage von Schuld und Erlösung für die ganze Welt von Gott her am Kreuz beantwor­tet ist. Es lebt von der These, dass die Schuld nicht schon damit überwunden sein kann, dass [302] man sich verantwort­lich zu ihr bekennt. Zu echter Schuld kann sich der Mensch inner­halb sei­ner eigenen Möglichkeiten nicht bekennen. Es ist ein Gegensatz gesetzt zwischen ihm und seiner Schuld. Denn die Schuld ist zu groß, als dass sie ihm vergeben werden könnte. Sich zu unvergebener Schuld zu bekennen, das aber heißt verzweifeln, als um seine Täter­schaft wissen und doch in sol­chem Wissen nicht frei werden. Schuld kann sein wie ein Stein, der uns in die Tiefe reißt. „Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird beste­hen?“ (Ps 130,3) Schuld ist immer Vergangenheit, und Vergangenheit ist nie ohne Schuld. Aber Schuld lässt die Vergangenheit nicht vergangen sein, sondern holt sie herauf aus der Vergessenheit. Das Kreuz Christi hat die, die an ihn glaubten, gelehrt, das Vergangene ver­gangen sein zu lassen: „Das Alte ist vergangen“ (2Kor 5,17). Sie haben eine Vergangenheit. Im Heute ihres Lebens steht etwas anderes, im Heute steht das Heil, steht die Gnade. Wir haben es nötig, uns über die Schuld zu besinnen. Ich meine da­mit nicht nur die persönliche, sondern die historische Schuld: Was da in der Geschichte geschieht und geschehen ist, kann nicht einfach als Unglück an­gesehen werden. Leid ist meist verbunden mit Schuld – mit eige­ner und mit fremder. Wie aber kann sie behoben werden?

Hier der Text als pdf.

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