„Dass Gottes Liebe über einem Menschen steht, heißt nicht, daß sein Leben anders verläuft als das jedes anderen Menschen, sondern dass das Leben seinem letzten selbstischen Sinn entrissen und für Gott gewonnen ist“ – Bonhoeffers Taufansprache zu 1 Johannes 4,16 von 1932

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Bonhoeffers Elternhaus in der Wangenheimstr. 14 in Berlin-Grunewald

Als Dietrich Bonhoeffer am Pfingstsonntag, 12. Mai 1932 die Taufe seines Neffe Thomas  in Bonhoeffers Elternhaus in Berlin vornahm, mutete er seiner Familie folgende Taufansprache zu 1 Johannes 4,16 zu:

Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm.

Dies Wort soll heute über dieses Kind gesprochen werden. Und zwar nicht so, wie man auch irgendein anderes beliebiges Wort ihm – wie man so sagt – ins Leben mitgibt, sondern mit dem ganz eigentümlichen Anspruch, daß dies Wort Gottes eigenes Wort in dieser Stunde über dieses Kind ist; d. h., daß dies Wort sich in dieser Stunde verwirklicht, wahrhaftig und gültig erweist. Gott ist Liebe – das ist von heute an im Leben dieses Kindes nicht mehr eine allge­meine Lebensweisheit oder -unweisheit, sondern es ist der reale, einzige unzerstörbare Grund, auf dem sein ganzes Leben aufgebaut wird. Es ist Wahrheit und es ist Wirklichkeit. Das ist der Sinn der Taufe.

Es gehört zu der Bestimmung der Kirche, daß sie solche Dinge zum Menschen sagen muß, die diese entweder als gutgemeinte Phrase und als Unwahrheit oder aber als Selbstverständlich­keit empfinden muß. Das Wort „Gott ist Liebe“ ist ganz dieser Gefahr ausgesetzt. Es liegt unendlich nah, es für eine [424] gutgemeinte Übertreibung, eine Phrase zum Zweck kirchli­cher Feiern zu halten und es somit im Grunde als Unwahrheit abzulehnen und seines Ernstes zu berauben. Es ist aber ebenso eine Zerstörung des Ernstes dieses Wortes, wenn man es für eine fromme Selbstverständlichkeit hält. Nein, von dem schlechthin Unselbstverständlichen, Unwahrscheinlichen, ja Unglaubwürdigen ist hier die Rede, wo von der Liebe Gottes geredet wird. Und doch ist dieses schlechthin Unwahrscheinliche wahr, so wahr, daß das ganze Leben eines Menschen auf ihm aufgebaut werden soll.

Gott ist Liebe. D. h., daß Anfang und Ende dieses Kindes bei Gott aufgehoben sind. Es heißt aber zugleich, daß in das Leben dieses Kindes in der Welt etwas hineingebrochen ist, das allem Sichtbaren, Begreiflichen, Erfahrbaren widerspricht; das dieses Leben auf einen Grund stellt, der jenseits aller menschlichen Möglichkeiten liegt, eben auf den Grund Gottes selbst. Die Gesetze des menschlichen Lebens sind durchbrochen, wenn Gottes Liebe über einen Menschen kommt.

Denn d. h., daß der Mensch, von dem wir wissen, daß er den Mächten des Schicksals unter­worfen ist, mit dem Herrn auch des Schicksals im Bunde ist. Daß der Mensch, von dem wir wissen, daß das Leben ihm Angst macht, weil er die nächste Zukunft nicht kennt, von der Angst erlöst ist, weil er die letzte Zukunft kennt, die Gott selbst ist. Daß der Mensch, der sich selbst mehr liebt als Gott und den Bruder und so sündigt, doch von Gott und dem Bruder geliebt ist, daß ihm vergeben ist. Daß der Mensch, von dem wir wissen, daß er in der Welt zutiefst einsam ist, nie einsam sein kann, weil Gott bei ihm ist und sein ganzes berufenes Volk.

Daß Gottes Liebe über einem Menschen steht, heißt nicht, daß sein Leben anders verläuft als das jedes anderen Menschen, sondern daß das Leben seinem letzten selbstischen Sinn entris­sen und für Gott gewonnen ist. Nicht das Schicksal des Menschen ist Liebe – so mißverstehen wir meist dieses Wort – sondern [425] der, der der Herr des Schicksals ist. Und dies sind nicht Wünsche, die wir dem Kind mitgeben, sondern Wirklichkeiten, die die Kirche ihm im Auftrag des lebendigen Gottes zuspricht. Es ist gut, daß unser Wort damit anfängt, von Gottes Liebe zu reden. Das enthebt uns der Gefahr, unter dem, was nach-|her gesagt wird über des Men­schen Liebe, irgendetwas sehr Menschliches zu verstehen. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm …“, was kann „in der Liebe bleiben“ zunächst anderes bedeuten, als dazu aufgerufen sein, nun die Gesetze der Welt zu durchbrechen wie Gott sie durchbricht? Den ganz eigenen, der Welt fremden und unbegreiflichen Weg zu gehen, den die Liebe geht? Einen Weg, der nie in die Irre gehen kann, der ganz in sich selbst ruht, seine eigenen Gesetze hat, der immer richtig ist, auch wenn er noch so wunderlich erscheint? Ein Weg, der tausend­mal unterbrochen ist, weil er nicht der Weg des Priesters ist, der blind an dem unter die Räu­ber Gefallenen vorbeigeht, sondern des anderen, der Augen hat zu sehen und überall sieht. In der Liebe bleiben heißt offene Augen bekommen, etwas zu sehen bekommen, was nur wenige sehen, nämlich die ausgestreckten, bittenden Hände der anderen, die am Weg sind, und nun gar nicht anders können als unter dem Einsatz von allem, was man hat, zu handeln, zu helfen, seinen Dienst zu tun. Das kann hier oder dort sein. Entscheidend ist, daß man sich dort, wo es ist, jederzeit von Gott unterbrechen lassen kann.

Aber in der Liebe bleiben kann man nur unwissend. Wie das Auge nicht sich selbst sieht, so sieht die Liebe nicht sich selbst. Wer von sich meint, daß er in der Liebe bleibt, der ist nicht in der Liebe, denn er sieht sich selbst. Aber nur in der Blindheit gegen sich selbst geht der, der in der Liebe [bleibt], mit göttlicher Sicherheit seinen Weg. Er glaubt alles, er hofft alles, er duld­et, er vergibt alles. Wenn es wirklich alles ist bis ans Ende, dann gibt es keine Enttäu­schung, keinen Zweifel, kein Aufhören. [426] Dann ist es wahr, daß die Liebe nimmer aufhört, son­dern von der Zeit zur Ewigkeit durchdringt.

Wer in der Liebe bleibt, geht nicht den vorgeschriebenen Weg der Vortrefflichkeit in der Welt, sondern eigene, oft unverständliche, oft törichte Wege. Es fehlt ihm das letzte Stück Weltklugheit, das Selbstsucht genannt wird. Aber in diesen törichten, wunderlichen Wegen sieht der, der Augen hat zu sehen, etwas leuchten von der Herrlichkeit Gottes selbst.

Nur einer ist in der Welt den Weg ganz gegangen. Er hat ihn ans Kreuz geführt. Uns führt er durchs Kreuz, aber zum wahren Leben in Gott.

Hier Bonhoeffers Ansprache als pdf.

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