„Es gibt Ereignisse, die auch zwischen fremden Menschen alle Schranken mit einem Schlage niederbrechen. Dann stehen wir plötzlich nur noch als Brüder zueinander“ – Gustav Heinemanns Brief an einen „Zuchthäusler“ von 1936

Zuchthaus Essen-Werden
Zuchthaus Essen-Werden

Das Erstaunliche an Gustav W. Heinemanns Lebensweg ist dessen radikale Christwerdung. Seinem Vater folgend war er als junger Student Mitglied im Deutschen Monistenbund, dessen Lebenshaltung sich in folgendem Tagebucheintrag von 1922 zeigt: „Ich bin mir hinlänglich bewußt, ein ,religiös unmusikalischer‘ Mensch zu sein. Ich habe kein frommes Gefühl, kein demutsvolles Empfinden vollendeter Abhängigkeit und Bedingtheit … Ich kann nicht in Andacht ein Mysterium erleben, sondern ich will wissen und erkennen und seien es schließlich nur Grenzen, über die hinaus es kein Weiter-dringen mehr gibt.“ Unter dem Einfluss seiner Frau Hilda (geborene Ordemann), die in Marburg Deutsch, Geschichte und evangelische Theologie (unter Rudolf Bultmann) studiert hatte, wandt er sich langsam der evangelischen Kirche zu. Der Essener Pfarrer Friedrich Wilhelm Graeber (1884-1953),  ein wortgewaltiger Prediger, gewann Heinemann im Jahre 1930 als re­gelmäßigen Gottesdienstbesucher und dann auch für die Gemeindearbeit. 1933 wurde Heinemann zum Presbyter der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Altstadt gewählt. Ein Beispiel für sein Christsein ist folgender Brief an einen ihm unbekannten Mann, der wegen eines Devisenvergehens vor einer Zuchthausstrafe stand:

11. Mai 1936.

Sehr geehrter Herr K. …!

In diesen Tagen, in denen Ihnen alles genommen worden ist, was einen Menschen in dieser Zeit erfüllen kann, darf ich versuchen, Ihnen ein Wort des Trostes zu sagen — ehe Sie den Weg in das Zuchthaus antreten.

Wir kennen uns nicht. Es mag Sie deshalb verwundern, daß ich als ein in der Welt stehender Mensch und Jurist diesen Brief schreibe. Sie dürfen versichert sein, daß ich es nicht tun würde, wenn ich Ihnen nicht etwas zu schreiben hätte, was mir selber von lebensentscheiden­der Bedeutung geworden ist. Es gibt Ereignisse, die auch zwischen fremden Menschen alle Schranken mit einem Schlage niederbrechen. Dann stehen wir plötzlich nur noch als Brüder z u e i n a n d e r, weil wir in Gott einen und denselben Vater haben. Was Ihr Leben bisher erfüllt hat, ist nun zerbrochen. Ein gleiches Schicksal kann einen jeden von uns auf mancherlei Weise ereilen. Nur eines besteht. Das ist die Liebe Gottes des Vaters zu allen, die wir als seine Geschöpfe in dieser Welt leben. Nichts anderes kann ich für Sie erbitten, als daß Ihr Schicksal Ihnen zur Begegnung mit dem lebendigen, nicht von uns erdichteten Gott werde. Auch hinter Ihrer Bestrafung durch den Staat steht der Gott, der diese Bestrafung in seinen Plan mit Ihnen eingeordnet hat …

Unterschrift Heinemann

38 Jahre später schrieb Heinemann – nach seiner Präsidentschaft – einen Brief an Ulrike Meinhof in Stammheim, dessen Wortlaut er mit dem damaligen Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel abgestimmt hatte.

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