„Wir dürfen gerade in solchen Zeiten dafür besonders dankbar werden, daß wir Gottes Liebe nicht mehr dort zu suchen brauchen, wo sie für uns nicht da ist, sondern daß sie uns umso klarer dort leuchtet, wo wir sie allein finden sollen: in Jesus Christus“ – Bonhoeffers Predigtmeditation über Johannes 3,16-21 von 1940

Johannes 3,16

Die Perikope aus dem Evangelium nach Johannes mit 3,16 „also hat Gott die Welt geliebt …“ hat eine Wanderung durch die Perikopenordnung gemacht – vom zweiten Pfingsttag in die Christvesper und nun – neu – als Evangelium für den Sonntag Reminiszere (3,14-21 – statt Mk 12,1-12). Dort passt sie in der Tat hin. Bonhoeffer hatte seine Predigtmeditation über 3,16-21 noch zum zweiten Pfingsttag verfasst:

Predigtmeditation zu Johannes 3,16-21

Von Dietrich Bonhoeffer

Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Ge­richt, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse. Wer Arges tut, der hasset das Licht und kommt nicht an das Licht, auf daß seine Werke nicht gestraft werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan.

Ein Pfingstevangelium ohne ein einziges Wort über den Heiligen Geist ist etwas Überraschen­des und scheinbar eine unglückliche Wahl. Es wäre auch in der Tat zu fragen, ob wir heute, da die Lehre vom Heiligen Geist weithin so verblaßt und in Vergessenheit geraten ist, nicht einen Text für die zweite Pfingstpredigt wählen sollten, der volle und klare Aussagen über den Hei­ligen Geist enthält. Dennoch ist auch das alte Evangelium nicht etwa ohne Zusammenhang mit dem Pfingstfest. Während das Evangelium des ersten Pfingsttages von der Pfingstgabe an die Gemeinde spricht, macht der zweite Pfingsttag deutlich, daß die Liebe Gottes in Jesus Christus, wie sie der Heilige Geist bezeugt, in der Welt eine Scheidung hervorruft zwischen Glauben und [572] Unglauben. Pfingsten und die Gemeinde, davon hören wir am ersten Pfingsttag; Pfingsten in der Welt, davon ist am zweiten Pfingsttag die Rede. Dabei hat es fur uns einen guten Sinn, daß wir gerade am zweiten Feiertag, also bevor das Fest vorübergeht, von dem letzten Ernst, der über der Pfingstpredigt liegt, sprechen. So verankert sich das Evan­gelium fester in den Herzen und kann nicht so leichthin wieder vergessen werden. Daß man es wagte, für den zweiten Pfingsttag einen Text zu wählen, in dem zwarviel von Jesus Christus, aber nichts vom Heiligen Geist gesagt ist, zeigt an, wie sehr man sich dessen bewußt war, daß das einzige Amt des Heiligen Geistes im Zeugnis von Jesus Christus besteht. „Du wertes Licht, gib uns deinen Schein, lehr uns Jesum Christ kennen allein.“

1. Vers 16–18 a. a. Von der Liebe Gottes zur Welt zu reden, bereitet dem, der nicht in For­meln stecken bleiben will, heute nicht geringe Schwierigkeiten. Es ist ja deutlich genug, daß Gottes Liebe zur Welt nicht darin besteht, daß er den Kriegen ein Ende macht, daß er Armut, Not, Verfolgungen, Katastrophen aller Art von uns nimmt; gerade darin aber sind wir ge­wohnt Gottes Liebe zu suchen, und wir finden sie nicht. Jedoch so schwer es uns wird und so tiefes uns erschüttert, daß Gottes Liebe sich so vor der Welt verbirgt, so dürfen wir gerade in solchen Zeiten dafür besonders dankbar werden, daß wir Gottes Liebe nicht mehr dort zu suchen brauchen, wo sie für uns nicht da ist, sondern daß sie uns umso klarer dort leuchtet, wo wir sie allein finden sollen: in Jesus Christus33 „Also“ – das schließt alle unsere eignen Wün­sche und Gedanken über Gottes Liebe aus, es weist allein auf Jesus Christus. Gottes Liebe zu uns soll allein in ihm gefunden werden. b. Wenn Gott die Welt, die ganze abgefallene Kreatur geliebt hat, dann hat er uns keinen Vorzug vor Anderen gegeben, er hat meinen schlimmsten Feind nicht weniger geliebt als mich, Jesus Christus ist für seine und unsere Feinde gestorben. Wir wären die ärgsten Pharisäer und Feinde Gottes und des Kreuzes, wollten wir uns für be­sondere Lieblingskinder Gottes halten. Indem Gott die Welt liebte, liebte er auch uns. [573] Wollen wir nicht durch dieselbe Liebe selig werden, die auch unsern Feinden gilt, dann haben wir uns schon von der Seligkeit ausgeschlossen. c. Gottes Liebe zur Welt konnte nicht derart sein, daß Gott über die Verlorenheit und Sünde der abgefallenen Schöpfung hinwegsah, als sei sie nicht vorhanden, daß er in göttlicher Allmacht – oder besser Willkür – für ungeschehen und gleichgültig erklärte, was er in seinem geoffenbarten Wort Sünde genannt hatte. Warum Gott nicht einfach durch ein Machtwort Sünde vergab und vertilgte? Weil Gott Gott ist und die Sünde haßt und den Sünder in heiligem Zorn straft, weil vor ihm der Sünder verloren und verdammt ist. Darum gab Gott seinen Sohn für uns in den Tod des Sünders, aus Liebe litt er mit uns und für uns. Gott, der Vater, trennt sich von Gott, dem Sohn, und läßt ihn zu unserm Heil leiden und sterben. Gottes Liebe zum Sünder kostet ihn den ewigen, göttlichen, eingebo­renen Sohn. Jesus Christus den Gekreuzigten als den Sohn Gottes, als die alleinige Offenba­rung der Liebe Gottes zur Welt lehrt uns der Heilige Geist erkennen. d. Weil Gott keinen Menschen ausgeschlossen hat von seiner Liebe, darum dürfen auch wir uns selbst nicht ausschließen. Als Gott den Sohn sandte, dachte er auch an mich. Darum haben „alle“ – hier ist keine Lücke gelassen! –, die in Jesus Christus die Liebe Gottes finden, die „an ihn glauben“, ewiges Leben. Nur sie haben es, aber sie haben es, weil sie durch Jesus Christus aus dem Verderben errettet worden sind. Es gibt nur eins oder das andere: Verderben oder ewiges Leben, Glauben oder Verlorengehen. Beides entscheidet sich an Jesus Christus. e. Das Ziel der Sendung Jesu ist einzig und allein die Errettung der Welt, nicht ihre Verurteilung. Meinen wir, es sei das Amt Jesu, uns, den Frommen, Recht zu schaffen vor der Welt und die Gottlo­sen zu verdammen und zu vernichten, dann stellen wir uns abermals aus der Liebe Gottes zum Sünder, durch die wir selbst allein selig werden können, heraus, dann rufen wir das gerechte Gericht Gottes über uns herbei. Nur wenn Jesus Christus kam, die Welt selig zu machen, kön­nen auch wir selig werden. Das Heil in Christus muß aller Welt verkündigt werden, weil es aller Welt gilt, und darum zuletzt auch mir. Das ist ein wesentlicher Pfingstgedanke. Wer sich aber durch Jesus erretten läßt vom ewigen Verderben, wer in ihm die Liebe Gottes zum Sünder gefunden hat, der steht nicht mehr unter dem Gericht [574] (krínetai – beachte das Praesens!). Sünde, Gesetz, Gewissen und Gottes Zorn können ihn nicht mehr verklagen, sie haben keine Macht und kein Recht mehr an ihm; denn er steht im Schutze der Liebe Gottes in Jesus Christus (vgl. Röm 8, 1). Der Glaube macht dem Gericht ein Ende, er rühmt sich des Erretters aus allem Gericht. Die vergebene Sünde kann mir nicht mehr schaden, mich nicht mehr verklagen, sie wird nicht mehr gegen mich ins Feld geführt, auch am jüngsten Tag nicht. Dessen macht mich der Heilige Geist gewiß.

2. Vers 18 b–20. a. Kam auch Jesus nicht in die Welt, um zu richten, sondern selig zu machen, so vollzieht sich doch notwendig durch sein Kommen eine Scheidung und damit auch das Gericht. Das Ziel der Sendung Jesu ist von ihrer Wirkung zu unterscheiden. Wer Jesus nicht glaubt, wer in ihm nicht die Liebe Gottes findet, der schließt sich selbst von dieser Liebe Gottes aus und überliefert sich dem Gericht. Er verurteilt sich selbst. Nicht erst Jesus braucht das Urteil zu sprechen. „Wer nicht Glaubt“, der hat es schon gesprochen und vollzogen, der nämlich, „der an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat“. Aus dieser auffallenden Wiederholung (dem hóti-Satz) geht hervor, daß eine Begegnung zwischen dem Menschen und dem Namen Jesu stattgefunden haben muß und daß es die bewußte Ver­wer­fung (ob aus Stolz oder Verzweiflung) dieses Namens ist, die das Selbstgericht bedeutet. So wird die Predigt des Namens Jesu Christi zur Entscheidung über ewiges Leben und Ge­richt. b. Obwohl Christus zum Retten, nicht zum Richten kam, kam mit ihm das Gericht in die Welt. Daß Christus als der Retter kam, eben dies war das Gericht, daß das Licht in die Welt kam, eben dies war das Urteil über die Finsternis. Nicht ein Ideal, nicht eine neue Norm oder ein Gesetz ist das Gericht, sondern Jesus Christus. Daß ein Mensch geboren wurde allen Men­schen zum Heil, daß das Licht in die finstere Welt eintrat, und daß die Menschen dem Licht auswichen und lieber in der Finsternis blieben, das ist das Gericht für alle Zeiten. [575] Also, nicht Jesus kam zum Gericht, er war ja das Licht, das selig machen wollte, aber durch dieses Licht wurde die Finsternis der Menschen offenbar. Sie hatten ihre Finsternis liebgewonnen und wollten darin bleiben (das mãllon – „mehr“ ist hier, wie häufig, nicht komparativisch, sondern exklusiv zu verstehen!). Wie kann es sein, daß Menschen die Finsternis mehr lieben als das Licht? Weil das, was in Jesu Urteil Finsternis ist, für unsere Augen strahlendes Licht ist, während das Licht Jesu unsern Augen dunkel erscheint. Auf der einen Seite: die glänzen­den Werke der Menschen, ihre Güter, Erkenntnisse, ihre ethischen Leistungen, ihre Religio­nen, auf der anderen Seite: das arme Kind im Futtertrog, der Sünderfreund, der Verbrecher am Galgen, wo ist das Licht und wo die Finsternis? Weil aber Jesus sich das Licht und alles ande­re die Finsternis nannte, darum haßten die Menschen dieses Licht und liebten ihre strahlende Finsternis. Sie verwarfen, sie töteten Jesus, so verdammten sie sich selbst. Das aber konnte nicht anders sein, weil ja „die Werke der Menschen böse waren“. Ob nun diese bösen Werke in groben sinnlichen Übertretungen oder in heimlichsten geistlichen Sünden bestanden, sie mußten vielleicht gerade in der feinen Gestalt mehr noch als in der groben das Licht Jesu scheuen und die Finsternis lieben. Aber nicht nur vergangene böse Werke, sondern erst recht gegenwärtiges oder geplantes Tun des Bösen, Beharrenwollen in ihm (beachte das Partizip praesens prássōn, machen das Licht verhaßt und hindern den Zugang zu ihm, weil auch in seiner glänzendsten Gestalt das Böse hier seine Enthüllung fühlt. Im Lichte Jesu werden die Werke der Menschen als böse erkannt und überführt; das ahnt auch die Finsternis. Jesus, das bedeutet Aufdeckung und Bekenntnis der Sünde, auf sich nehmen der Schmach des Bösen. Weil aber das Böse nur solange Bestand hat, als es seine Bosheit unter dem Schein des eige­nen Lichtes (das vor dem Lichte Jesu doch Finsternis ist) rechtfertigen kann, darum kämpft es mit äußerster Kraft gegen dieses Licht. Dieser Kampf aber ist das Selbstgericht des Menschen, der Jesus ausweicht. [576]

3. Vers 21. Wer kommt zum Licht? Der die Wahrheit tut! Was heißt das? Wahrheit soll ge­schehen, sie soll nicht nur gedacht werden oder gewollt, sondern getan werden. Wahrheit entsteht durch das Tun, das im Gegensatz zum Schein, zur Finsternis steht, in der das Böse geschieht. Wie aber soll, wer im Finstern lebt, die Wahrheit tun? Wird hier nicht der Satz des Katechismus aufgehoben: Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist …? Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß dieses seltsame Wort an Nikodemus gerichtet ist, dem das Wort der Schrift nicht unbekannt ist und der doch zum Licht noch nicht gekommen ist. Für ihn gilt es nun wie für uns, sich nicht mit ungelösten oder schwer verständlichen Gedan­ken abzuquälen, sich nicht mit Fragen und Problemen zu begnügen, sondern alsbald und un­verzüglich zum Tun des göttlichen Wortes, soweit es uns offenbar geworden ist, überzugehen. In der Problematik verstecken wir uns vor dem Ernst der Tat. Nicht durch Denken wirst du zum Licht kommen, sagt Jesus, sondern durch das, was du tust; freilich nicht durch irgendein Tun, sondern durch das Tun der Wahrheit. Die Wahrheit selbst wird dich durch dein Tun zum Licht bringen. Zu betonen ist in dem Worte Jesu also zuerst das Wort Wahrheit und erst dann das Wort Tun. Bei alledem liegt der Gedanke an eine Werkgerechtigkeit ebenso fern wie an eine Denkgerechtigkeit. Gesagt aber wird, daß für uns, wollen wir zum Licht kommen, wollen wir, daß es auch für uns Pfingsten werde, keine Zeit zu verlieren ist, sondern daß der Augen­blick zum Handeln, zum Gehorchen, soweit wir es dem Worte Gottes gegenüber vermögen, gekommen ist. Dadurch sind wir festgehalten auf der Flucht in die endlosen Fragen und auf der Stelle zum ernsthaften Handeln, zum Leben unter dem Wort, genötigt. Willst du zum Licht und du hast es noch nicht gefunden, so „tue die Wahrheit“, und es wird sich zeigen, daß du so zum Licht geführt wirst; denn die Wahrheit in deinem Tun wird ganz von selbst nach dem Licht verlangen, in dem sie offenbar werden will. Ja, so wird es offenbar werden, daß deine Werke, die du auf dem Wege [577] zum Licht getan hast, „in Gott getan sind“ denn sie geschahen im Gehorsam gegen sein Wort unter der Leitung der Wahrheit. So ruft uns der Text, der uns anfangs in der offenen Frage zu lassen drohte, wie wir denn des Lichtes teilhaf­tig werden können, mit aller Klarheit zum Tun. Das Kommen zum Licht ist nur möglich, weil das Licht, weil die Wahrheit zu uns gekommen ist, aber wiederum werden wir nicht anders als handelnd, gehorchend, die Wahrheit tuend zum Licht kommen.

In drei Abschnitten läßt sich dieser – wirklich nicht einfache –Text in der Pfingstpredigt be­handeln. Vers 16–18 a. Der Heilige Geist offenbart uns Jesus Christus als die Liebe Gottes zu aller Welt und wirkt in uns den Glauben an ihn. Vers 18 b–20: Der Heilige Geist, die Predigt vom Heil in Christus, wird der nicht glaubenden Welt zum Gericht. Vers 21. Der Heilige Geist weist uns den Weg der Wahrheit zum Licht.

Verfasst für den zweiten Pfingsttag 1940; zuerst abgedruckt in dem von Georg Eichholz herausgegebenen ersten Band der Predigthilfe „Herr, tue meine Lippen auf“.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 571-577.

Hier der Text als pdf.

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