„Hütet euch! Indem ihr Jesus von Nazareth in euer Haus nehmt, werdet ihr Partei und gehört nun auch zu der Sekte der Nazarener“ – Iwands Predigt über Lukas 10,38-42 (Maria und Martha) vom Sommer 1945

he qi
He Qi – Maria und Martha

Eine unkonventionelle Predigt zu Lukas 10,38-42 (Maria und Martha) hatte Hans Joachim Iwand im Sommer 1945 in Cappenberg/Westfalen gehalten, wenn es dort heißt:

Hütet euch! Indem ihr Jesus von Nazareth in euer Haus nehmt, werdet ihr Partei und gehört nun auch zu der Sekte der Nazarener. Man muß schon wissen, was man tut, wenn man das tut, was diese Frau wag­te. Man muß wissen, daß man damit den in sein Haus einlädt, der auf dem Wege zum Kreuz ist, dem Gericht gehalten wer­den wird im Namen des Staates und der Kirche zugleich. Man muß wissen, daß dies ein Verfemter und ein Verfolgter ist, der unstet und flüch­tig durch die Welt geht. Ich dächte, wir hätten etwas davon erfah­ren können, daß sein Name eine gefährliche Sache ist, daß man da­mit teilhat an der «unterirdischen Verschwörung, die es ja gegeben hat», wie einer, der die Sache begriffen hat, gesagt hat. Ihn auf­nehmen heißt, daß wir damit den in unser Leben ein­lassen, der al­les, was wir sonst haben, bei uns in Frage stellt. Ihn aufnehmen heißt — daß uns auf­geht, daß alles, worauf wir stolz sind, nichts, aber auch gar nichts ist, daß es nichts ist mit Reichtum und Glück, mit dem, was wir Tugend und Gerechtigkeit nennen. Alles das ist auf einmal nichts. Ober all das kommt damit, daß wir ihn einlassen, ein so helles und klares Licht, daß wir erkennen, wie schal und leer und nichtig das alles ist. Ihn aufnehmen heißt ja, das Gericht Got­tes selbst annehmen und all das preisgeben, was wir selbst vor uns und anderen sind. Darum findet er soviel verschlossene Türen, weil das, was wir sind, vor ihm nicht beste­hen kann. Weil wir vor ihm alle in unserer gänzlichen Armut und Gottesferne offenbar wer­den. In unserem Sünder-sein, wie die Bibel sagt. Weil damit, daß er seinen Fuß über die Schwelle unseres Hauses setzt, das fatale Dop­pelspiel aufhört, in dem wir leben, weil dann diese Mischung von Finsternis und Licht aufhört, in der wir uns verstecken. Ihn auf­nehmen heißt, sich Gott ganz unterwerfen, auf Gnade und Un­gnade, heißt, daß die Stunde kommt, in der alles, unser ganzes Le­ben, unter das Licht von oben tritt und kein Winkel mehr bleibt, in dem wir uns verstecken können.

Es heißt in unserem Text: Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria, die setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seiner Rede zu. Da­mit wird deutlich, was es heißt, den Herrn aufnehmen. Es heißt of­fenbar, ein Hörender werden. Es heißt, sich so demütigen, daß wir nur noch Hörende sind. Oder man könnte auch sagen: diese ganze Geschichte ist offenbar nur darum der Nach­welt, der Gemeinde aufbewahrt, um, wie Calvin sagt, deutlich zu machen, daß Jesus, wohin er immer kommt, nur eintritt, um die Gabe zu bringen, die ihm sein Vater gegeben. Jesus redet und Maria hört. Und sie hört als eine, die zu seinen Füßen sitzt. Man kann ihn auch anders hören, man kann stehen und widerstehen, man kann hören und doch nicht hören. Man kann ihn hören wie einen der vielen, die von Gott re­den, um hernach doch wieder andere zu hören. Maria hört offen­bar anders. Sie hört den, der ihr Herr ist, dem sie gehört.

Wir können Jesus nicht besser und mutiger aufnehmen, als diese Frau es tut. Die beiden Schwestern rivalisieren miteinander, wie al­lezeit die Menschen, die Jesus aufnehmen, darin miteinander riva­lisieren, daß sie ihm auf mancherlei Weise dienten. Die eine, indem sie ihn als den Herrn bedienen und versorgen will, die andere, in­dem sie sich von ihm dienen läßt. Und das ist nun das Merkwürdige an unserer Geschichte, daß die eine über solchem Dienen zur Rich­terin der anderen wird, daß es einen Streit gibt und Jesus selbst zum Richter in sol­chem Streit aufgerufen wird. Was ist das Chri­stentum? Diese Frage ist offenbar noch nicht damit entschieden, daß wir begriffen haben: Gott wird Mensch, dieser Jesus ist Gottes Liebe zu uns, sie ist auch noch nicht damit entschieden, daß wir ihn zu uns aufnehmen, daß wir sei­ne Sache zu unserer eigenen machen, daß wir begriffen haben: Gott sucht und besucht uns, Gott will in unse­rem Leben und in unserem Dasein seinen Platz haben. Jetzt kommt diese Frage noch einmal, jetzt taucht sie auf unter denen, die ihn aufgenommen haben, mitten in der Gemeinde, mitten in der Chri­stenheit. Diese Maria wird Martha zum Ärgernis.

Meine Freunde, die Geschichte dieses Ärgernisses geht durch die ganze Kirchengeschichte, auch durch die Kirchengeschichte unserer Tage. Die Maria ist durch ihre eigene Schwester bedroht. Die eigene Schwester begreift nicht, was mit Maria geschieht. Sie begreift nicht, daß da Jesus als der empfangen wird, der er ist, daß da — nichts geschieht — daß da das Wort Gottes ist, daß da nichts, ist als das Wort — und der Mensch nur noch ein Hörender. Martha meint, daß, wo Jesus in unser Leben eintritt, der Mensch zum Wirken, zum Dienen, zum Schaffen gerufen ist. Maria aber scheint, an diesem Maßstabe gemessen, nichts zu sein, — sie geht ganz auf im Hören. Immer wieder haben sich die Ausleger an diesem Gegensatz gesto­ßen. Nicht nur in einem vielgesungenen Kirchenlied heißt es: «Dir zu dienen früh und spät, und zugleich zu deinen Füßen sitzen wie Maria tat» — wie soll denn das «zugleich» möglich sein? —, auch Maria kommt hier nicht ganz mit unserem Text überein. Und schon die ersten Abschreiber unseres Textes haben versucht, das «eins ist not» zu vermeiden und zu ergänzen.

Aber alle diese Versöhnungen des Gegensatzes greifen fehl — nur einer ist hier der Versöh­ner: Der Herr selbst! Der Herr versöhnt die beiden Schwestern, der Herr versöhnt den Zwist, der über seine Gegenwart ausgebrochen ist. Er versöhnt ihn mit einem einzigen dort: Eins ist not! sagt Jesus und damit streicht er alles weg, was Martha mit ihren vielen Nöten und Sorgen rechtfertigen könnte. Nicht vieles — eins ist not! Das hat Maria begriffen! Das in deinen Au­gen Überflüssige, das Unnötige — das allein ist not. Der Sabbath Gottes ist not — daß mitten in euer Mir-dienen-wollen, Für-mich-wirken-wollen dieser Sabbath Gottes eintritt, das ist not. Daß Martha einmal ruhte und das Wort Gegenwart wird, das ist not. Daß du alles andere ver­gessen könntest, lassen könntest, daß es dir unwichtig, unangebracht, unzeitgemäß erscheinen könnte — das ist not! Daß ihr einmal all eure großen und kleinen Veranstaltun­gen, mit denen ihr meinem Namen Ehre machen wollt, beiseite las­sen könntet, daß mitten in den christlichen Aktionen und Save-Europe-Unternehmungen eine Stille eintreten und mein Wort ver­nehmlich würde, das ist not. Daß du an dich dächtest, daran, daß ich dich suche, daß Gott dich bei dei­nem Namen ruft — das ist not. Daß der Mensch, der dem Wort entfremdete, dem Hören des Wor­tes Gottes entwöhnte Mensch von allen seinen Werken und Leistun­gen «fei­ert», das ist not. Das ist es, was die große, schwere und letzte Not eures Lebens auslöscht. Das Wort ist wieder bei euch, das Wort ist nahe, ohne das ihr nicht glauben, nicht leben, nicht wir­ken könnt.

Ist es nicht wahr, wir haben in der Tat viel Mühe und Sorge, gerade weil wir gerne möchten, daß Jesus Christus als unser Herr uns bekannt wird. Man muß nur einmal hineinschauen in das Sorgen und Mühen, derer, die etwas tun möchten! Ist es nicht auch wahr, daß der Platz der Maria von da aus heute gerade in der Kir­che ein sehr umstrittener Platz ist — daß da auf einmal behauptet wird, auf das Wort käme alles an, darauf, daß der Mensch ein Hörender wird? Daß nach all den vielen bösen und verführerischen Worten, nach der Sünde wider das Wort, die unser ganzes öffentliches und persönliches Leben so tief verseucht und ver­giftet hat – wieder offenbar würde: Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir im Leben und im Sterben zu hören haben! Man muß nur ein­mal sehen, wie sie alle, die Männer der Kirche und die Männer der Welt, Bischöfe und Politiker, in ihrer besorgten und aufregen­den Geschäftigkeit diesen ihren Sabbath nicht nehmen möchten. Man muß nur einmal sehen, wie wenig der Mensch, auch der Fromme, der christliche, der kirchliche Mensch begreift, daß das Unnötige, das Überflüssige allein not ist, um zu begreifen, wie schwer es ist, den Platz einzu­nehmen, den Maria einnimmt. Man muß nur einmal hineinhören in das Zweifeln und Müde-Werden am Sinn des evan­gelischen Gottesdienstes, man muß nur einmal begreifen, warum sie alle behaupten, daß das Wort zu wenig, zu leer, zu trocken sei. Man muß hinein­hören in das Bemühen, das Christentum anzubieten als Hilfe in den tausend- und abertausend Sorgen und Nöten un­serer Zeit, unserer Kultur, unserer Gesellschaft, unserer Bildung, und man weiß, wie weit der Zwist dieser beiden Schwestern reicht.

Christus aber erhebt sich und rechtfertigt das arme Weib zu sei­nen Füßen. Wie er die Sünder in Schutz nimmt gegen die Gerech­ten, so nimmt er hier die Frau in Schutz, der über seinem Wort die ganze Welt versunken ist. Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden. Wird nicht einmal der Tag kommen, da alles andere nichts ist? Was wird bleiben von allem, was wir getan und geleistet, wenn die Stunde kommt, da wir ab­treten müs­sen von dieser Bühne? Wissen wir wirklich, ob wir Europa retten? Ist es gut, das Christentum auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal der abendländischen Kultur zu verflechten — kann uns das nicht alles genommen werden?

Das gute Teil soll uns nicht genommen werden! Sonst wäre es wohl kaum das gute Teil! Was auch kommen mag, es gibt eine Gabe, die kein Tod und kein Schrecken dir nehmen wird. Wer das be­griffen hat, der hat Jesus nicht umsonst aufgenommen.

Was ist das Christentum — wissen wir nun, was wir auf diese Frage zu antworten haben? Wissen wir nun, daß das Christentum da begriffen ist, wo an die Stelle der vielerlei Sorgen das andere tritt: eins ist not! Wo wir in dieser Not die Einheit unseres Lebens wiederge­winnen, die verlorene Einheit unseres ganzen Lebens! Wissen wir nun, daß das, was Jesus bringt, das überflüssige ist, das in den Augen der anderen überflüssige und gerade nicht Nöti­ge, wissen wir nun, daß der selig zu sprechen ist, der das überflüssige als das ein­zige begriffen hat, das not ist!

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

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