Wer die Theodizeefrage selbst stellt, sitzt am Schreibtisch oder auf der Schulbank. Sind Menschen vom Leiden selbst eingeholt, klagen sie, verbittern, schweigen oder beten

Theodizee

Ist Gott dann nicht ungerecht, wenn er zürnt?“ (Römer 3,5) Die Frage nach der Theodizee – die Rechtfertigung Gottes angesichts menschlichen Unglücks und Leidens  – ist weithin eine theoretische. Wer sie stellt, sitzt am Schreibtisch oder auf der Schulbank. Sind Menschen vom Leiden selbst eingeholt, klagen sie, verbittern, schweigen oder beten. So beispielsweise Hiob, der in seinem Leiden den Gott anklagt und zugleich sich vor Gott bloßstellt (vgl. Hiob 7,1-10,22). Hiob fragt nicht, warum das alles, sondern er befragt den Gott und befindet sich damit in einer Zwiesprache mit ihm. Und nur in dieser Zwiespra­che findet er am Ende sein Vertrauen zu dem Gott neu (Hiob 42,1-6).

Die philosophische Theodizeefrage hingegen entstammt dem Denken des Einen als höchste Idee. Wenn der gedachte Gott allmächtig und allwissend zu sein hat, ist er zugleich allwirklich. Ist er allwirklich, muss alles Geschehen ihm zugeschrieben werden, auch das, was wir als ungut oder böswillig erfahren. Zumindest zugelassen hat der gedachte Gott das Unheil in seiner Allmacht bzw. in seiner Vorsehung. Hinter all dem, was geschieht, wird er als Erstursache (prima causa) gesehen, so dass menschliche Handlungen bzw. natürliche Geschehen als „Zweitursachen“ (causae secundae) auf ihn zurückgeführt werden. Damit entsteht ein grund­legender Konflikt zu einer weiteren „Gotteseigenschaft“, nämlich die Güte bzw. die Barm­herzigkeit. Alles, was der gedachte Gott will, hat gut zu sein, schließlich gilt er der menschli­chen Vernunft selbst als das „höchste Gut (summum bonum)“. Im Angesicht des Leidens kann jedoch die Güte nicht menschlicherseits erkannt werden. Klassisch ist das Problem von Epi­kur benannt worden. Epikur stellte in seiner Religionskritik im Hinblick auf die universale Kausalität Gottes eine Reihe von Sätzen auf, die vom christlichen Philosophen Lactantius festgehalten wurden:

„Kann Gott das Übel nicht beseitigen, ist er ohnmächtig; will er es nicht beseitigen, ist er neidisch; will und kann er es nicht, ist er ohnmächtig und neidisch; dass er wolle und könne, widerspricht der allgemeinen Erfahrung“ (De ira Dei 13).

Die atheistische Antwort ist, dass die Idee des Allmächtig-Gütigen nicht wirklich gedacht werden kann, womit der Gottesgedanke selbst hinfällig wäre. Religionsphilosophen und Theologen hingegen versuchen sich an Theodizee-Antworten, die Gott denkbar sein lassen:

Das moralische Übel (malum moralum), also böswillige oder moralisch verfehlte Handlungen werden der menschlichen Willensfreiheit zugeschrieben, mit der der Mensch von Gott geschaffen worden ist. In der christlichen Lehre vom Sündenfall wird dies dahingehend erweitert, dass der Mensch nicht länger in paradiesischen Ver­hältnissen lebt, weil er sich selbst gegen Gott aufgelehnt (Genesis 3) und damit sich die Erbsünde zugezogen hat (non posse non peccare). Aber daran schließt sich die Frage an, warum Gott diesen Sündenfall zugelassen hat und warum durch moralisch verfehltes Handeln auch das Leben anderer in Mitleidenschaft gezogen wird.

Nicht erklärt ist damit außerdem, warum natürliche Katastrophen Menschen in Mitlei­denschaft ziehen (malum physicum). Hier wird mitunter eine göttliche Pädagogik bemüht. Unglück und Leidzufügung dienen als göttliche Erziehungs-, wenn nicht gar als Strafmaß­nahmen. Menschen soll vergolten werden, was sie selbst Sündiges bzw. Böswilliges getan haben. Ein solches Gericht soll die Davongekommenen zur Umkehr zu Gott bewegen (vgl. dazu die prophetischen Bücher im Alten Testament). Aber auch da stellt sich die Frage, warum junge Kinder, die selbst keine „Fehlgeschichte“ haben (und nur eingeschränkt lernfähig sind), in Mitleidenschaft gezogen werden. Zumindest bei einer lebensbedrohlichen Krankheit, die überwunden worden ist, können manche Betroffenen von sich sagen, dass sie aus der Krankheit etwas für das Leben gelernt haben und dass durch die überstandene Krankheit sich ihr eigenes Leben vertieft hat.

Mitunter wird versucht, das Böse als eigenständige Wirklichkeit einer widergöttlichen Macht zuzuschreiben – der Teufel bzw. Satan als Versucher und Verursacher. Aber dies führt in letzter Konsequenz zu einem religiösen Dualismus, wo irdisches Gesche­hen in der Spannung von Göttlichem und Widergöttlichem verstanden wird. Die gött­liche Allmacht bzw. Allwissenheit wird damit denkerisch preisgegeben.

Man könnte schließlich das Böse bzw. das Übel in dem Gegensatz von metaphysi­schem Geist und physischer Materie zu verstehen suchen. Leibliches Leben hat in seiner Endlichkeit und Unvollkommenheit gegenüber der göttlichen Ewigkeit bzw. Vollkommenheit ein Seinsdefizit (malum metaphysicum, vgl. Leibniz). Je weiter das geschaffene Leben von Gott in seiner Sinnlichkeit und materiellen Gebun­denheit vom Göttlichen und damit vom wahren Sein entfernt ist, umso stärker ist es im Bösen bzw. im Übel gefangen. In Bezug auf das Sein wird das Böse als nichtig ange­sehen. Denkerisch kann sich ein Mensch aus dem Bösen und seiner Vergänglichkeit lösen.

Man könnte weiterhin argumentieren, dass menschlichen Urteilsvermögen göttliche Güte nicht zureichend beurteilen könne, so dass man hinter dem vordergründigen Leid und Unheil Gottes wahre „Güte“ nicht erkennen könne.

All diese Theodizee-Versuche überzeugen nicht wirklich, nehmen den Gott als Idee aus dem Geschehen heraus, lassen ihn wie einen Modelleisenbahnbauer denken, der zur seinen Werken keine lebendige Beziehung hat und selbst in das Geschehen nicht persönlich involviert ist. Für eine christliche Rechenschaft gibt es fünf Argumentationslinien:

  1. Das Böse erschließt sich für uns Menschen nicht in vernünftiger Weise.
  2. Menschen müssen mitunter den Gott in seiner Güte vermissen (deus absconditus) und erfahren stattdessen seinen (richterlichen) Zorn.
  3. Der Gott darf und muss im eigenen Gebet und in der Klage leidenschaftlich angegangen werden – warum, wo bist du, wie kannst du?
  4. Das Augenmerk und der Glaube gilt dem menschgewordenen Gottessohn, der die menschliche Schuld unschuldig für uns erlitten hat (deus revelatus)
  5. Die Apokalypse ist die göttliche Ansage, dass das Weltgeschehen am Ende der Tage umfassend eingeholt wird und im Glauben an Christus den Menschen zum Heil wird.

Hier mein Text als pdf.

1 Kommentar

  1. wenn wir gott als einen lenkenden denken …

    ob schöpfungsmythos oder intelligent design:

    jeder gedanke an einen allmächtigen gott
    scheitert an der frage nach seiner gerechtigkeit.
    es sei denn, das leiden der kreatur sei unvermeidlich.
    dann haben wir gott wohl zu mächtig gedacht.

    jeder gedanke an einen gott als schöpfer der welt
    scheitert an der frage nach seiner unfehlbarkeit.
    es sei denn, leiden gehöre zum bauplan.
    können wir gott dann als einen liebenden denken?

    jeder gedanke an einen mitleidenden gott
    scheitert an der frage nach dem sinn seines leidens.
    es sei denn, sein leiden wäre sein schuldbekenntnis.
    dann haben wir gott wohl sehr menschlich gedacht.

    doch selten nur sind wir selber so ehrlich, wie wir ihn dann denken.

    Dierk Schäfer 03/2007

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