„Das Ziel unsrer Wege ist, dass Gott selber rede“ – Karl Barths Vortrag „Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie“ (vollständiger Text )

Elgersburg
Die Elgersburg in Thüringen, wo Karl Barth am 3. Oktober 1922 seinen Vortrag „Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie“ gehalten hatte.

Karl Barths Vortrag „Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie“ von 1922 ist ein theologischer Klassiker – expressive Sprache und Pathos inklusive. Man wird rückblickend nicht zu allen Not-Theologischem Ja und Amen sagen, aber sein Anliegen gilt weiterhin für die Theologie: Keine hochreflexive Sprache, die sich schlussendlich als autistisch erweist, sondern direct speech: Gottesrede oder besser NAMENSrede, die ansprechend und zusprechend ist. Andernfalls erübrigt sich die akademische Theologie. Hier der Schlussteil seines Vortrags:

Das Wort Gottes ist die ebenso notwendige wie unmögliche Aufgabe der Theologie. Das ist das Ergebnis des Bisherigen, und das Bisherige ist das Ganze, was ich zu diesem Thema zu sagen habe. Was nun, angesichts dieses Ergebnisses? Zurückkehren in die Niederungen, wo man scheinbar Theologe und in Wirklichkeit etwas ganz Anderes ist, etwas, was die Anderen auch sein könnten und wozu sie uns im Grunde nicht brauchen? Ich fürchte, auch wenn wir eines solchen Gewaltakts fähig wären, die Logik der Sache würde uns bald eben dahin zurückführen, wo wir stehen. Oder vom redenden zur Abwechslung zum schweigenden Dienst übergehen? Als ob es etwa leichter und möglicher wäre, vor Gott (wirklich vor Gott) zu schweigen, als von ihm zu reden! Was soll das Spiel? Oder der Theologie Valet sagen, unser Amt an den Nagel hängen und irgend etwas von dem werden, was die glücklichen Andern sind? Aber die Andern sind nicht glücklich, sonst wären wir nicht da. Die Bedrängnis unsrer Aufgabe ist nur das Zeichen der Bedrängnis aller menschlichen Aufgaben. Wenn wir es nicht wären, müßten eben andere Theologen sein unter denselben Umständen. Die Frau kann auch nicht von den Kindern weglaufen und der Schuster nicht von seinem Leisten, und wir können überzeugt sein, daß die Dialektik etwa der Kinderstube nicht minder angreifend ist als die Dialektik unsrer theologischen Studierstube. Die Theologie aufgeben hat so wenig Sinn wie sich das Leben zu nehmen; es wird nichts, gar nichts anders dadurch. Also aushar­ren, nichts weiter. Wir sollen eben Beides, die Notwendigkeit und die Unmöglichkeit unsrer Aufgabe wissen. Was heißt das?

Den Blick fest und unverwandt auf das richten, was von uns erwartet ist, da wir nun einmal dahingestellt sind, wo wir stehen. Was daraus wird und ob man mit uns zufrieden ist, sind keine Fragen. Einordnen läßt sich unsre Aufgabe in das Ganze des bekannten Menschenle­bens, in Natur und Kultur nur dort, wo die Frage entsteht, wie sich dieses Ganze etwa seiner­seits in die Welt und Schöpfung Gottes einordne. Diese Frage kann vom Menschen aus gese­hen immer nur eine Frage sein. Einordnen läßt sich also unsre Aufgabe nur als das Nichtein­zuordnende. Von daher die Logik, der kategorische Imperativ der Sachlichkeit, der unserm Beruf innewohnt so gut wie jedem Beruf, der nun aber für unsern Beruf diesen Inhalt hat. Mehr kann nicht von uns verlangt werden, als daß wir diesen kategorischen Imperativ starr ins Auge fassen, wie z.B. jeder Eisenbahnbeamte es auch tun muß. Das aber ist von uns verlangt.

Und ebenso genau ist zu bedenken, daß es mit unsrer Aufgabe so steht, daß von Gott nur Gott selber reden kann. Die Aufgabe der Theologie ist das Wort Gottes. Das bedeutet die sichere Niederlage aller Theologie und aller Theologen. Auch hier gilt es, dem, was zu sehen ist, nicht auszuweichen, nicht links noch rechts auszublicken nach einer von den vielen erbau­lichen oder unerbaulichen Verschleierungen und Bemäntelungen des Tatbestandes, die aller­dings möglich sind. Wir müssen uns klar sein darüber, daß wir, und wenn wir Luther und Calvin wären, und welchen Weg wir auch einschlagen mögen, so wenig ans Ziel kommen werden, wie Moses in das gelobte Land gekommen ist. So gewiß wir irgendeinen Weg gehen müssen und so gewiß es sich wahrhaftig lohnt, wählerisch zu sein und nicht den ersten besten Weg zu gehen, so gewiß müssen wir bedenken, daß das Ziel unsrer Wege das ist, daß Gott selber rede, und dürfen uns also nicht wundern darüber, wenn uns überall am Ende unsrer Wege, und wenn wir unsre Sache noch so gut gemacht hätten, ja dann am meisten, der Mund verschlossen wird.

Dreierlei möchte ich zum Schluß noch sagen.

  1. Fast wage ich es nicht und wage es nun doch zu hoffen, daß Niemand nachher komme und mich frage: Ja, was sollen wir denn nun tun? wie denkst du dir’s nun, was in der Kirche und auf der Universität zu geschehen hätte, wenn das die Situation ist? Ich habe Ihnen keine Vor­schläge zu unterbreiten, weder über die Reform des Pfarramts noch über die Reform des theologischen Wissenschaftsbetriebes. Es handelt sich nicht darum. Es scheint mir, daß wir nicht darüber reden sollten, was zu tun ist, wenn unsre Situation die ist, sondern darüber, ob wir anerkennen wollen, daß unsre Situation die ist, die hier gezeichnet wurde. Auf Grund dieser Anerkennung würde dann vielleicht in der Kirche und auf der Universität Einiges an­ders zu machen sein, als es gemacht wird. Vielleicht auch nicht. Nur auf Grund jener Aner­kennung wäre ein Gespräch darüber möglich und nützlich. Aber noch einmal: es kommt jetzt nicht darauf an.
  2. Unsere Bedrängnis ist auch unsre Verheißung. Wenn ich das sage, so ist es ein dialektischer Satz wie ein andrer. Und wir wissen nun, wie es mit der Dialektik steht. Da kann Jeder sagen: ich danke für eine Verheißung, die ich nur als Bedrängnis erfahren kann!, und ich kann ihm nicht antworten. Aber es könnte ja sein, daß nicht nur ich das sage, daß unsre Bedrängnis uns­re Verheißung ist. Es könnte ja sein, daß das die lebendige Wahrheit wäre, die über Ja und Nein ist, die Wirklichkeit Gottes, über die ich nicht zu verfügen habe mit einer dialekti­schen Umkehrung, in der es aber aus eigener Macht und Liebe verfügt sein könnte, daß Ver­heißung eingegangen ist in unsre Bedrängnis, daß das Wort, das Wort Gottes, das wir nie sprechen werden, angenommen hat unsre Schwachheit und Verkehrtheit, so daß unser Wort in seiner Schwachheit und Verkehrtheit fähig geworden wäre, wenigstens Hülle und irdenes Gefäß des Wortes Gottes zu werden. Es könnte sein, sage ich, und wenn es so wäre, dann hät­ten wir allen Anlaß, statt von der Not, laut und stark von der Hoffnung, von der verborgenen Herrlichkeit unsres Berufes zu reden.
  3. Ich habe das eigentliche Thema meiner Darlegungen einigemal berührt, aber nie ausdrück­lich genannt. Alle meine Gedanken kreisten um den einen Punkt, der im Neuen Testament Jesus Christus heißt. Wer «Jesus Christus» sagt, der darf nicht sagen: «es könnte sein», son­dern: es ist. Aber wer von uns ist in der Lage, «Jesus Christus» zu sagen? Wir müssen uns vielleicht begnügen mit der Feststellung, daß Jesus Christus gesagt ist von seinen ersten Zeu­gen. Auf ihr Zeugnis hin zu glauben an die Verheißung und also Zeugen von ihrem Zeugnis zu sein, also Schrifttheologen, das wäre dann unsre Aufgabe. Mein Vortrag ist alttestament­lich gemeint und reformiert. Ich habe ja als Reformierter — und nach meiner Meinung natür­lich nicht nur als das — die Pflicht, gegenüber dem lutherischen est wie gegenüber der luthe­rischen Heilsgewißheit eine gewisse letzte Distanz zu wahren. Ob die Theologie über die Prolegomena zur Christologie je hinauskommen kann und soll? Es könnte ja auch sein, daß mit den Prolegomenen Alles gesagt ist.

Hier der vollständige Text „Das Wort Gottes und die Aufgabe der Theologie“ als pdf.

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