„Was ist das im Sinne des Na­mens und Anspruchs dieser Partei ‚Christliche‘?“ – Karl Barth über die CDU im Brief an einen Politiker namens Gustav Heinemann vom Februar 1946

karl barth und gustav w. heinemann (1951)
Karl Barth und Gustav Heinemann (1951)

Kann man christliche Politik machen, noch dazu mit einer Partei, die sich „christlich“ nennt? Das war eine Frage beim politischen Neubeginn Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg. Nachdem Gustav Heinemann, Mitgründer der CDU in Essen und Mitglied des neu gegründeten Rats der EKD die Druckfassung seines Vortrags „Demokratie und christliche Kirche“ am 31. Januar 1946 von Frankfurt aus an Karl Barth gesandt hatte, erhielt er folgende Antwort:

Basel, 16. Februar 1946

Sehr geehrter Herr Dr.!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeilen aus Frankfurt vom 31. Januar und für das mir zugäng­lich gemachte Schriftstück über Demokratie und christliche Kirche.

Ihre historische Grundle­gung mit ihrer Differenzierung der deutschen Entwicklung gegenüber der der andern Völker hat mich sehr interessiert, wobei ich dann doch erschrocken bin, als ich sah, daß Sie ausge­rech­net von der mir tief unheimlichen Gestalt von Stoecker aus via Christl. Volksdienst auf die Christl. demokratische Partei von heute hinauskommen. Und was diese Partei nun eigent­lich ist und will, das ist mir aus Ihrem Vortrag nicht deutlicher geworden als aus dem, was ich mir besonders in Freiburg ausführlich habe erzählen lassen. Wer wird da führen?: die „reiche politische Tradition” der römischen oder das nach Ihrer eigenen Darstel­lung so schwankende Gebilde der in Frage kommenden protestantischen „Kräfte”? Was ist das im Sinne des Na­mens und Anspruchs dieser Partei „Christliche”? Hatte das einstige Zentrum nicht auch seinen starken konservativen Flügel, ist also von daher für das „Demo­kratische” der neuen Partei irgendeine Garantie geboten? Und was hat der protestantische Eheteil in dieser Sache beizu­steuern, wo man auch unter den besten BK-Theologen die meisten schon vor dem Wort „Demokratie” noch immer scheuen sieht wie die Kuh vor dem neuen Scheu­nentor? Was ergibt sich endlich daraus, daß diese Partei nun immerhin den äußersten rechten Flügel in der ganzen Konstellation bildet? Wer wird da ganz zwangsläufig Anschluß suchen und finden? Und was wird sich da unter Mißbrauch des „christlich” und unter Verhöhnung des „demokra­tisch” aufs neue breit zu machen wissen? Sollte man in Deutschland aus der englischen, amerikanischen — ich kann hinzufügen: schweizerischen — Entwicklung nicht lernen, daß man die allerdings bitter notwendige Herstellung einer positi­ven Beziehung zwi­schen der Kirche und der politischen Aufgabe gerade nicht auf dem Wege einer christli­chen Partei­bildung realisieren wollen sollte? [99]

Mir scheint es, daß die Aufstellung eines Programms für sehr lange Sicht von der protestan­tischen Position her gesehen einem so kurzatmigen auf die provisorischen Bedürfnisse des Augenblicks eingestellten Unternehmen wie dem dieser „Union” gegenüber als sachlicher und auch realistischer vorzuziehen wäre. Ich stelle mir die Stadien dieses Programms so vor:

  1. Grundsätzliche Neubesinnung über die von der Schrift und vom Glauben her gebotene Gestalt der christlichen Gemeinden und ihres gesamtkirchlichen Zusammenschlusses (Aufbau von unten!)
  2. Schaffung entsprechender (und inmitten der deutschen Wirklichkeit für sich selber sprechender!) kirchlicher Tatsachen.
  3. Grundsätzliche Neuverständigung innerhalb der Kreise des gemeindlichen Amtes (Presbyter und Pastoren) über den Sinn und die Gestaltung des rechten Staates.
  4. Entsprechende Unterweisung der Gemeinde (vor allem der jungen Gemeinde) in Predigt und Unterricht.
  5. Die Christen haben die „Demokratie” zunächst auf ihrem eigensten Boden (1. und 2.) kennen und exerzieren gelernt; sie haben (3. und 4.) von da aus begriffen, daß eben das Gesetz, unter dem sie selbst stehen, mutatis mutandis dasselbe ist, unter dem auch das Volk (wenn durch Gottes Gnade überhaupt) allein genesen kann. Sie arbeiten, von da aus in einer unvergleichlichen Weise ausgerüstet und ausgewiesen, in einer der bestehenden Parteien oder sie bilden (aber ohne christlichen Titel und Anspruch) eine den bestehenden politischen Bedürfnissen nach ihrer politischen Einsicht besser entsprechende neue Partei.

Ich könnte mir vorstellen, daß Ihnen mein Gegenvorschlag reichlich theoretisch und im Ver­hältnis zu dem, was Sie dort bedrängt, unpraktisch vorkommt. (Es war immer mein Schicksal, daß meine Äußerungen zu den deutschen Dingen den Deutschen zunächst in diesem Lichte erscheinen mußten). Ich möchte diesmal nur dies dazu bemerken: Waren und sind die jetzt getätigten und noch zu tätigenden Wahlen eine Notwendigkeit von der prakti­schen Größen­ordnung, daß das „heute, heute!” nun gerade in Beziehung auf sie so dringend war und ist, daß man „husch, husch!” zu der bewußten Parteibildung schreiten mußte, damit nun ja nichts ver­säumt werde? Und war und ist es nun wirklich auch in der heutigen prakti­schen Lage sehr realistisch, sich einerseits auf dieses Bündnis mit Rom, andererseits gleich wieder auf diese Abgrenzung nach links so systematisch wie es mit einer solchen Parteibil­dung geschieht, festzulegen? Der evangelischen Kirche die Ellenbogenfrei­heit nach allen Seiten, deren sie jetzt so dringend bedürfte, [100] gleich wieder zu beschneiden? Mir kommt das Ganze, ent­schuldigen Sie, so gar nicht besinnlich vor.

Ich will mich dann aber gerne und in aller Offenheit aus der Nähe unterrichten lassen, wenn der Plan, nach welchem ich diesen Sommer in Bonn zuzubringen hätte, zur Ausführung kom­men sollte. Die Engländer, von denen ich nun wirklich Unterstützung erwartet hatte, machen mir zunächst Schwierigkeiten und ich bin ohne alle Nachricht darüber, was man eigentlich von Bonn aus (nachdem man mich ziemlich feierlich eingeladen hatte, nachdem ich hier Ur­laub verlangt und erhalten habe!) zur Beförderung der Angelegenheit getan hat oder zu tun gedenkt. Und dahinter steht die ernstere Frage, wie ich gegebenen Falles mit der heutigen deutschen Jugend — aber auch mit der offenbar in saftiger Reaktion machenden rheinischen Kirche — auch nur für ein paar Monate auf ein einigermaßen sinnvolles Geleise kommen werde.

Bitte grüßen Sie Ihre Frau und seien Sie selbst freundlichst gegrüßt von

Ihrem K. B.

Quelle: Karl Barth, „Der Götze wackelt“. Zeitkritische Aufsätze, Reden und Briefe von 1930 bis 1960, hrsg. von K. Kupisch, Berlin 1961, 98-100.

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