„Inwiefern kann die Bibel heutzutage gewinnbringend als ein kanonisch und narrativ einheitliches, auf sich selbst bezogenes und sich selbst auslegendes Ganzes aufgenommen werden?“ – George Lindbecks „Heilige Schrift, Konsens und Gemeinschaft“ (vollständiger Text)

lindbeck
George A. Lindbeck im Gespräch mit John Wright (Nazarene Theological Seminary in Kansas City, Januar 2007)

Die Frage nach einem biblisch geprägten Glaubenssinn (sensus fidelium) innerhalb der Kirche in der Gegenwart ist seinerzeit George A. Lindbeck (1923-2018) auf einer im Januar 1988 von Richard John Neuhaus initiierten Konferenz über biblische Interpretation – im Anschluss an eine öffentliche Vorlesung des damaligen Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre Joseph Ratzinger – in New York nachgegangen. Was Lindbeck dazu vorgetragen hatte, ist noch immer bedenkenswert:

Das Thema, mit dem sich der folgende Beitrag befaßt, ist die Notwendigkeit und Möglichkeit, in einem postkritischen Kontext jenes Grundmuster von Lektüre und Gebrauch der Bibel wie­derzugewinnen, das von der Frühzeit der Kirche bis weit ins 17. Jahrhundert vorherrschte. Diese Hermeneutik verlieh der Bibel ein konsens- und gemeinschaftsbildendes Potential, das immer wieder verwirklicht wurde, aber an dem es in neuerer Zeit sehr gefehlt hat. Sie brachte Interpretationen hervor, die sich von denen der modernen Bibelwissenschaft zwar unterschei­den, aber ihnen nicht notwendigerweise widersprechen. Ihr Hauptfeind war der rationalisti­sche und empiristische Literalsinn der Moderne, ihr Ende fand vor dem Einsetzen der histo­risch-kritischen Forschung im 18. Jahrhundert statt, und in den letzten zwei Jahrhunderten ist sie eher mißverstanden denn abgelehnt worden. So ist eine Neuaufnahme dieser Hermeneutik in unserer postmodernen Zeit vielleicht möglich; ihr konsens- und gemeinschaftsbildendes Potential ist auf jeden Fall nötig.

Diese Notwendigkeit tritt besonders deutlich an den Tag, wenn man den gegenwärtigen Zu­stand des „sensus fidelium“ in den meisten großen christlichen Glaubensgemeinschaften betrachtet. Ein Gemeinschaftsgefühl für das, was christlich bzw. nicht christlich ist, scheint immer mehr im Schwinden begriffen zu sein. Die orthodoxen Ostkirchen stellen vielleicht teilweise eine Ausnahme dar, aber auch ihr Gemeinschaftsgefühl wird durch moderne Ent­wicklungen angegriffen. Mit dem Abschwächen ethnischer, kultureller und religiöser Tradi­tionen zerfällt der Konsens, und die Autorität der Gemeinschaft nimmt ab. Die öffent­liche Meinung muß manipuliert werden, um Zustimmung zu erlangen; aber die öffentliche Meinung ist in der Kirche wie auch anderswo pluralisiert und polarisiert. […]  Auch in einzelnen Kirchengemeinden wird es schwer oder un­möglich, gemeinsame Ansichten über das, was wesentlich bzw. unwesentlich ist, zu entde­cken oder zu entwickeln. Die Kenntnis der Bibel (die durch allgemeine Kultur und Volkstum, Sprichwörter, Katechese und Liturgie vermittelt wird) nimmt immer mehr ab. Der Gebrauch der Hl. Schrift hat keinen Platz im Leben der Menschen, so daß sie eine nur geringe Wirkung hat, wenn sie sie tatsächlich lesen oder hören. Vielleicht ist dies der Grund dafür, daß die Einführung der Volkssprache und das größere Gewicht, das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Schrift erneut zugemessen wird, wenig dazu beigetragen haben, den „sensus fide­lium“ der römisch-katholischen Kirche mehr von der Bibel her zu durchdringen. Noch schwerwiegender ist das Fehlen einer allgemein verständlichen und eindeutig christlichen Sprache, in der Meinungsunterschiede erörtert und Streitfragen diskutiert werden können. So kann man sich auch dann, wenn er eigentlich – wie in demokratischen Gesellschaften – eine größere Rolle spielt, weniger auf den „sensus fidelium“ verlassen. Wenn das, was im folgen­den ausgeführt wird, zutrifft, hängt die Krise mit dem Verlust des einst klassischen hermeneu­tischen Rahmens zusammen.

Ganz gleich wie die Ursachen diagnostiziert werden, wird kaum jemand die Notwendigkeit einer besseren und tieferen Bibelkenntnis leugnen. Auf diese Notwendigkeit werde ich zurückkommen, wenngleich das Schwergewicht meiner Ausführungen auf dem Nutzen der klassischen Hermeneutik in der Vergangenheit und gegebenenfalls auch in der Gegenwart liegt. Um es knapp und fachlich auszudrücken, geht es um folgende Frage: Inwiefern kann die Bibel heutzutage gewinnbringend als ein kanonisch und narrativ einheitliches, auf sich selbst bezogenes und sich selbst auslegendes Ganzes aufgenommen werden, ein Ganzes, das Jesus Christus zum Mittelpunkt hat und die Geschichte des Umgangs des Dreieinigen Gottes mit seinem Volk und seiner Schöpfung in einer Art und Weise, die typologisch (aber zumin­dest in der Meinung der Reformatoren nicht allegorisch) auf die Gegenwart anwendbar ist? Ich werde dabei ausführlich auf die Vergangenheit zurückkommen, weil ein Verständnis der historischen Rolle dieser Interpretations- und Benutzungsweise der Schrift das beste Argu­ment für ihre Notwendigkeit und ihre mögliche Anwendung in der Gegenwart bietet. […]

Die moder­ne Bibelwissenschaft kann uns zwar vieles über das, was Texte in der Vergangenheit nicht bedeuteten, sagen und – mit etwas weniger Sicherheit – ihren damaligen Sinn rekonstruieren, aber solange sie kritisch und historisch ausgerichtet bleibt, bietet sie uns keine Leitlinien zur Feststellung dessen, was sie in den sehr unterschiedlichen Situationen, in denen wir uns ge­genwärtig befinden, bedeuten sollten. Sie sagt uns höchstens, was Gott damals sagte, aber nicht, was er heute sagt. Eine exegetische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart scheint es nicht zu geben. Diese Lücke bildet, viel mehr als Fragen von Irrtumslosigkeit oder Inspiration, den Kern der heutigen Krise der Autorität der Schrift und die Quelle der sich widerstreitenden Auslegungen. […]

Die dritte und schwierigste Frage liegt jedoch in der Überlegung, ob die klassisch aber nicht anti-kritisch ausgelegte Bibel den „sensus fidelium“ durchdringen könne. Die Voraussetzung dafür ist die Entstehung von Interpretationsgemeinschaften, in denen Seelsorger, Bibelwissen­schaftler, Theologen und Laien gemeinsam in der Schrift von Gott gegebene Leitlinien für ihr Leben als Gemeinschaft wie auch als Einzelmenschen suchen. Ihre Schriftauslegung wird im Kontext eines gottesdienstlichen Lebens erfolgen, das in seinen grundlegenden Mustern von Eucharistie, Taufe und Verkündigung dem Leben in den ersten christlichen Jahrhunderten entspricht. […] In diesen Gemeinschaften wird erneut das Gefühl erwachen, daß alle Christen ein einziges Volk bilden, das dazu auserkoren wurde, in allem, was es ist, sagt und tut, unter den Völkern für das Heils­angebot in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Zeugnis abzulegen und getreu oder nicht getreu nach Ratschluß der göttlichen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit der verheißenen Voll­endung entgegenzustreben. Sie werden sich um die Mitglieder der eigenen Gemeinschaft kümmern und gleichzeitig um das Heil aller Christen zutiefst besorgt sein. Empfänglichkeit für Hilfe und Korrektur sowie die Verantwortung, diese Dienste anderen Kirchen anzubieten, werden in ihrem institutionellen und organisatorischen Gefüge fest verankert sein.

Das alles ist ein Traum, ein Lichtstreif am Horizont, doch würde man anfangen, ihn selbst nur an einigen wenigen verstreuten Orten zu verwirklichen, dann würde das den lebendigen Beweis dafür liefern, daß die Schrift ein zur Einheit führender und befolgbarer Text ist. Die Nachricht würde schnell bekannt werden (das geschieht heutzutage immer), und ihr Einfluß würde sich ausbreiten. Die öffentliche Meinung könnte in allen Religionsgemeinschaften weitgehend – und vielleicht sogar schnell – beeinflußt werden, und die Wandlung des „sensus fidelium“ (die länger braucht) könnte im Laufe der Zeit auch folgen.

Hier der vollständige Text „Heilige Schrift, Konsens und Gemeinschaft“ als pdf.

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