„Es ist ja grundsätzlich dasselbe, ob ich das Christentum durch einen politischen Anbau vermenschliche oder durch eine liberale Aufweichung seines Offenbarungscharakters entkleide“ Gustav Heinemann in einem Brief an Wilhelm Röpke von 1935

gustav-w-heinemann
Gustav W. Heinemann vor einer Bundeswehr-Ehrenformation (1971)

Als Wilhelm Röpke in einem Brief an seinen Studienfreund Gustav W. Heinemann im Oktober 1935 ein „undogmatisches Christentum“ vertrat, antwortete ihm Heinemann an Heiligabend mit folgenden Zeilen:

„Ich muß Dir sagen, daß ,undogmatisches‘ Christentum eine Selbsttäuschung ist. Entweder wird Christus geglaubt als der für uns Menschen gestorbene und auferstandene Sohn Gottes oder er wird es nicht. Entweder wird die Heilige Schrift angesehen als Bericht über die von Gott den Menschen gegebene Offenbarung seines Willens oder sie wird es nicht. Wer und wo immer an diesen Kernstücken etwas abstreift, um sich die Dinge ,undogmatischer‘ = mensch­licher, d. h. weniger ärgerlich und unverbindlicher zu machen, sollte sich nicht Christ nennen. Denn das ist nun einmal der grundlegende Unterschied zwischen Christentum und sonstigen Religionen, daß das Christ-sein eine völlige Unterwerfung unter etwas bedeutet, was wir nicht gemacht, gedacht oder erfunden haben, sondern was uns gegeben ist. Und es kann deshalb nur die Frage sein, ob wir es annehmen, wie es ist, oder nicht. – Wenn gegenüber dieser Frage immer noch ein Widerstand bleibt, daß man Derartiges einem ausgewachsenen Europäer des 20. Jahrhunderts nicht zumuten könne, weil er doch viel zu aufgeklärt usw. sei, so sollte man wahrheitsgemäß feststellen und sagen: Ich – der Mensch – will mit meiner Vernunft, mit meinem Willen usw. der Herr der Situation bleiben. ,Ich will nicht, daß Dieser (= Christus) über mich herrsche.‘ Dann bedeutet das das Vorübergehen an Christus, seine Verneinung, die Ablehnung des Anspruches, den Gott durch ihn an uns erhebt, – ob wir wollen oder nicht. Wohl kann ich mich – mit Risiko – einem Anspruch entziehen, aber ich kann den Anspruch nicht beseitigen. Ich kann ihn auch nicht einmal ummodeln. Er bleibt, und all mein eigenes Abstreichen oder Zutun berührt ihn nicht. […]

Immer wieder kommt es darauf an, daß wir uns aus solcher Vermenschlichung herausfinden und zurückfinden zur Schrift als der alleinigen Quelle der Offenbarung. Das ist gerade jetzt wieder das Thema des Streites zwischen der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen in Deutschland. Diesen Kampf können wir nicht mit ,undogmatischem‘ Christentum führen, sondern nur mit biblischem Christentum. Denn es ist ja grundsätzlich dasselbe, ob ich das Christentum durch einen politischen Anbau vermenschliche oder durch eine liberale Aufweichung seines Offenbarungscharakters entkleide. Aus solchen Gründen heraus kann ich also mit ,undogmatischem‘ Christentum nichts anfangen. […]

Menschlicherseits sind wir alle geneigt, die Gabe zu nehmen, aber an dem anderen vorbeizugehen. Es ist uns ärgerlich, daß wir nicht unsere eigenen Herren sein sollen. Und doch liegt eine unerhörte Freiheit in der Bindung an Gottes größte Gabe, – an Christus. Es ist das die Freiheit, die Bestand hat inmitten aller Welt, wie sie auch sei. Das ist die Freiheit, die es ermöglicht, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Das ist die Freiheit, in der die Bekennende Kirche in Deutschland inmitten aller Anfechtung steht. Aus dieser Freiheit ruft sie alle, die der Anfechtung unserer Tage zu verfallen drohen, daß wir uns als Menschen zum Maß aller Dinge machen.

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s