„Das Fesselnde an Menschen des universalisierenden Glaubens und des in Gott gegründeten Selbst ist, daß sie – im stillen oder auch öffentlich – so leben, als ob das Reich Gottes bereits unter uns Wirklichkeit wäre“ – James Fowlers Stufen des Selbst und des Glaubens (vollständiger Text)

stufen des glaubens

Das ist eine Verführung – Stufen des Glaubens. James W. Fowler hatte sie mit seinem Buch Stages of Faith 1981 angelegt. Auf Deutsch ist es 1991 unter dem Titel Stufen des Glaubens: die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Eine Zusammenfassung erschien bereits 1989 im Christian Kaiser Verlag 1989 in James W. Fowlers „Glaubensentwicklung“ unter dem Titel Stufen des Selbst und des Glaubens. Darin beschreibt Fowler die „höchste“ Glaubenstufe wie folgt:

Wir kommen nun zur letzten uns bekannten Stufe in diesem Prozeß. Ich nenne sie die univer­salisierende Stufe des Glaubens. Kegan geht auf diese Stufe nicht ein. Um der Sym­metrie und Anschaulichkeit willen werde ich jedoch von der zum universalisierenden Glauben gehören­den Stufe des Selbst als vom in Gott gegründeten Selbst sprechen.

Wir beobachten auf dieser Stufe einen Schritt über das paradoxe Bewußtsein und über die Integration polarer Spannungen in der verbindenden Stufe hinaus. Die universalisierende Stufe erhält ihre Strukturierung von der radikalen Vollendung eines auf allen Stufen vorfind­baren Dezentierungsprozesses des Selbst. Vom noch fehlenden Dualismus und ersten Glauben des Kleinkindes und vom Egozentrismus der intuitiv-projektiven Stufe an konnten wir eine stetige Erweiterung der sozialen Perspektivenübernahme innerhalb der Stufenabfolge feststel­len. Allmählich wird der Kreis derer, die für die Bedeutung des Glaubens und des Selbst »zählen«, größer, bis er schließlich auf der verbindenden Stufe weit über die Grenzen sozialer Schicht, Nation, Rasse, ideologischer Zugehörigkeit und religiöser Tradition hinausgeht. Im universalisierenden Glauben kommt dieser Prozeß in gewissem Sinne zum Abschluß. Zwar ist schon die Stufe des verbindenden Glaubens offen für den Fremden und folgt der Verpflich­tung auf ein jenseits aller unserer gegenwärtigen Gemeinschaften [108] existierendes Gemein­wesen von Liebe und Gerechtigkeit. Die Personen auf dieser Stufe leben jedoch weiter in der Spannung zwischen der Offenheit und Erneuerung ihrer Perspektiven auf eine neue letztgül­tige Ordnung hin und ihrer Verwurzelung und Loyalität gegenüber ihrem Teil der bestehen­den Ordnung. Das verbindende Selbst ist voller Spannungen.

Bei den Menschen, die über die verbindende Stufe hinaus zur universalisierenden Glaubens­stufe gelangen, scheint sich eine Bewegung abzuzeichnen, in der das Selbst über sich hinaus­ gezogen wird und auf qualitativ neue Art in Gott oder dem Prinzip des Seins gründet oder an ihm teil hat. Mit der Vollendung der Dezentrierung vom Selbst ist auf dieser Stufe nicht mehr das Selbst der Hauptbezugspunkt für Erkenntnis und Wert im Glauben. Figur und Grund haben sich umgedreht: Wo das Selbst vorher als Figur auf dem Grund des Seins wahrgenom­men wurde, wird es nun als epistemologisches und axiologisches Zentrum aufgegeben. Ein­facher gesagt: Auf der universalisierenden Stufe werden Menschen zu einer Identifikation mit Gott gebracht, in der die Grundlagen von Identität, Erkenntnis (Epistemologie) und Wert (Axiologie) erneuert werden. Es kommt zu einem Entlassen des Selbst in den Grund des Seins hinein, zu einer Umkehrung von Figur und Grund, in der der Glaubende, wenn auch als end­liches Geschöpf, gleichsam an einer Identifikation mit der Art, wie Gott andere Geschöpfe erkennt und bewertet, teilhat. Mit einer solchen Perspektive werden die früheren Feinde in neuer Weise als Kinder Gottes, die radikaler und erlösender Liebe bedürfen, gesehen. Diese Umwertung des Wertens führt zu Strategien gewaltloser Opposition gegen das Böse, das im Inneren des einzelnen und in der Gesellschaft wurzelt. Sie hat das aktive Bemühen zur Folge, durch die Hingabe des Selbst die gegenwärtigen sozialen Zustände in Richtung auf Gottes Gemeinwesen von Liebe und Gerechtigkeit zu verändern.

An einer dezentrierten Person werden die Früchte einer tiefen kenosis oder Selbstentäußerung sichtbar. Diese erwächst dar­ aus, daß unsere Zuneigung und Liebe mit Macht über die endli­chen Zentren von Wert und Macht, die uns bisher Sinn und Sicherheit geboten haben, hinaus­gehoben werden.

Ausgehend vom christlichen Verständnis der Zukunft, die Gott in seiner Schöpfung, Regie­rung, Befreiung und Erlösung will, können wir solche Menschen als Siedler des Gottesreiches bezeichnen. Da ihr Herz und ihr Wille zutiefst mit dem göttlichen Geist verbunden sind, leben sie, als ob Gottes Gemeinwesen von Liebe und Gerechtigkeit schon eine entscheidende Wirk­lichkeit unter uns wäre. In diesem Sinn wirkt ihre Existenz in unserer Mitte erneuernd und herausfordernd. Wir sehen in ihnen eine Annäherung an die mögliche Fülle und Vollendung des Menschen und fühlen uns davon angezogen. Gleichzeitig führen sie uns die für die per­sönlichen und sozialen Formen unseres eigenen Lebens charakteristischen Kompromisse sowie unsere Erstarrung und Feindseligkeit gegen über Gottes Zukunft vor Augen – und wir fühlen uns abgestoßen.

Wie sieht nun das Selbst auf dieser Stufe aus? Kegan hilft uns hier nicht weiter. Ich glaube, daß das Selbst auf dieser Stufe in einem radikalen Sinne jenseits seiner selbst in Gott neu gegründet ist. Ich meine damit nicht eine moralische Vollkommenheit oder perfekte psychi­sche Balance und Integration. Auch Personen des universalisierenden Glaubens bleiben end­liche Geschöpfe mit blindem Fleck, inneren Widersprüchen und beeinträchtigter Bezie­hungs­fähigkeit. Ich spreche vielmehr von einem Selbst, das die Last der Selbstintegration und Selbstrechtfertigung radikal auf Gott überträgt und deshalb eine neue Qualität der Freiheit im Umgang mit sich und anderen hat. Das in Gott gegründete Selbst geht über das an die Per­spektive des Selbst gebundene Strukturieren der Welt und der anderen Menschen hinaus – als ein Ort, an dem Systeme, Ideologien und Beziehungen zusammenkommen. Es überwindet die üblichen Formen der Defensivität und zeigt eine Offenheit, die auf seiner Verankerung im Sein, in der Liebe und im Wissen um Gott beruht. Ich denke – soweit ich mir ein Gespür dafür zutrauen darf –, daß sich die Sehnsucht dieser Stufe auf die Vollendung der ganzen Schöpfung und das Einssein aller Geschöpfe Gottes richtet. Es ist, neutestamentlich gesprochen, die Vision vom messianischen Mahl, wo alle im Glanze der Gegenwart Gottes zusammensitzen werden, wo Wunden geheilt und Feindseligkeiten getilgt sein werden und wo Nahrung genug für jeden ist. Das Fesselnde an Menschen des universalisierenden Glaubens und des in Gott gegründeten Selbst ist, daß sie – im stillen oder auch öffentlich – so leben, als ob das Reich Gottes bereits unter uns Wirklichkeit wäre. Sie schaffen dadurch Zonen der Befreiung und Erlösung in der Welt, die für uns andere sowohl bedrohlich als auch befreiend wirken.

Der vollständige Text Stufen des Selbst und des Glaubens findet sich hier als pdf.

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