„Es ist uns ärgerlich, daß wir nicht unsere eigenen Herren sein sollen. Und doch liegt eine unerhörte Freiheit in der Bindung an Gottes größte Gabe, – an Christus“ – Aus Diether Kochs Kurzbiographie über Gustav W. Heinemann

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Gustav W. Heinemann (1899-1976)

In seiner Kurzbiographie über Gustav Heinemann in Martin Greschats Gestalten der Kirchengeschichte resümiert Diether Koch über dessen Leben:

Von der Vielfalt und Intensität des Lebenswerks Heinemanns geben über 2000 Reden und fast 1300 Veröffentlichungen Zeugnis, die sich auf die verschiedenen Disziplinen des Rechts, der Politik, Theologie und Geschichtsschreibung bezie­hen. Ein Überblick zeigt, wie einige Grundlinien durchlaufen, aber Schwer­punkte wechseln, ohne daß eine Sache gänzlich domi­nierte. Durchgehend war Heinemanns Engagement und sein Aufruf zum Engagement in Kir­che und Staat. Hier wie dort galt es, alte Schuld zu erkennen und umzukehren, Menschen in Not zu sehen und ihnen zu helfen. Welche Versäumnisse und Schuld die schwersten, welche Nöte die größten waren, das mußte jeweils neu kritisch erkannt, Umkehr und Hilfe mußten konkret geplant und durchgesetzt werden.

Mit einer solchen Haltung vertrug sich keine Festlegung auf kirchen- oder parteipolitische Prinzipien als letzte Werte. Heinemann blieb gegenüber konfessionalistischen Grundsätzen in den Kirchen reserviert und sah in politischen Parteien Plattformen zum pragmatischen Han­deln, die man aus Sachgründen wechseln konnte. Ideologien bedeuteten ihm nichts, er lehnte z. B. aus konkre­ten Gründen Aufrüstung ab oder schlug militärische Ausklammerung vor, ohne »Pazifist« oder »Neutralist« zu sein. Ihm lag an der Differenzierung, auch im Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Er suchte seine beiden Betätigungsfelder weder zu trennen noch zur Deckung zu bringen.

In seiner Person vereinigte er Gegensätze. So ernst er meistens wirkte, konnte er doch auch herzhaft lachen (und Witze erzählen); so ungeduldig er zeitlebens war, konnte er doch auch warten, bis seine Stunde gekommen war; so selbstver­ständlich er mit anderen Menschen gemeinsam handelte, konnte er doch auch lange als Einzelgänger seinen Weg verfolgen; so kompromißfähig und -willig er sich vielfach erwies, blieb er doch in einigen Entscheidungen (wie gegen Todes­strafe und Atombewaffnung) kompromißlos.

Dieses Bild Heinemanns kann einerseits auf seine Charakteranlage und Entwick­lung zurück­geführt werden. Tatsächlich findet sich viel von dem, was er als Student vertrat, bis an sein Lebensende in Variationen wieder. Sein Leben erscheint dann als Lernprozeß in Kirche und Staat. Andererseits muß aber ergänzt werden, daß seine Haltung auch mit seiner Grundüber­zeugung als Christ zusammenhing.

Seit er Christ wurde, ging Heinemann vom »Weltregiment Gottes« aus: »Gott [241] bleibt im Regiment.« »Welt und Menschheit bleiben in Gottes Hand.« (W. Koch, 31) Er vertraute auf die geschehene Zuwendung Gottes zu den Menschen in Christus: »Christus starb für uns alle, für Kapitalisten und Kom­munisten in gleicher Weise.« »Gottes Reich lebt in dieser Zeit nur von einer Sensation: der Auferstehung Jesu Christi.« Für die Zukunft war er sich dessen ge­wiß: »Das Ziel der Geschichte ist die Wiederkehr Jesu Christi. Zu diesem Ziel trägt der Mensch nichts bei, auch nicht durch christliche Politik.« (G. H. 8, 232) Den Menschen, dem diese Zuwendung Gottes gilt, sah Heinemann illusionslos; die »totale Nüchternheit« der Bibel bestimmte sein Menschenbild (W. Koch, 25).

In diesem evangelischen Horizont zwischen Gott und Mensch hatten theologi­sche wie poli­tische Ideologien keinen Platz, konnten keine Personen, Ereignisse und Mächte im Positiven oder Negativen verabsolutiert werden. Weil Heinemann auf die Weltherrschaft Gottes baute, behielt er Raum zur ständigen Prüfung der Lage und Mut, neue Wege zu suchen. Weil er da­rauf vertraute, daß das Liebesgebot Christi allen Menschen gilt und Christus für alle Men­schen gestorben ist, konnte er für eine Umkehr in Kirche wie Staat eintreten, sich immer neuer bedürftiger Menschengruppen annehmen und auch seine Gegner ernstnehmen. Weil er auf die Wiederkehr des auferstandenen Christus vertraute, sah er sich und andere Menschen zum hoffnungsvollen Denken und Handeln aufgerufen.

Von hier aus erklärt sich auch Heinemanns komplexe Verhältnisbestimmung von Kirche und politischer Welt. Er sah die Kirche primär als Ort, wo das Heil Gottes zu verkündigen war, aber doch stets auch ihre menschliche Unzuläng­lichkeit, ihre gesellschaftliche Bedingtheit (»auch Schrift und Bekenntnis spre­chen nur in konkreten Lagen«, W. Koch, 210). Umgekehrt sah er Politik, vernunftgemäßes Vorgehen um des Nächsten willen, auch als wichtiges Betäti­gungsfeld des Christen (an K. Barth: »Was du Allotria nennst, ist mein Tage­werk«). So ent­hält sein Widerspruch gegen die geplante Aufrüstung 1950, der prophetische Augenblick in seinem Leben, eine rationale Beweisführung im christlichen Gesamthorizont.

Es gehört zu diesem evangelischen Horizont, daß er weder dauernde Sicherheit noch Problem­losigkeit garantierte. So kannte auch Heinemann Resignation, der er in Privatbriefen und -ge­sprächen auch gelegentlich, selten genug, nachgab. Entscheidend war, daß er sich auch in Be­drängnis immer neu zum Dienst berufen sah: ob er nun 1951, von Magengeschwüren ge­plagt, um des Friedens willen vom Krankenbett aus einen »Aufruf an das deutsche Volk« for­mulier­te oder ob er 1976, schon durch die Nierenvergiftung geschwächt, um der Gerech­tigkeit will­len eine Lanze für die bedrängten »Extremisten« brach. Zu diesem Dienst gehörte auch, ande­ren Mut zu machen. »Gottes Weltregiment bleibt, auch wenn Mitspieler aussche­ren«, tröstete er seinen Mitstreiter Erhard Eppler, als dieser im Wahlkampf durch einen Unfall ans Kranken­bett gefesselt wurde. [242]

Heinemann hat mit Bedacht entschieden, vor welchem Publikum er seinen Horizont als Christ nannte und vor welchem er sich auf die Darlegung von Vernunftgründen beschränkte; das tat er im politischen Raum in zunehmendem Maße (»Was soll ich den Leuten mit Propheten kommen?«). Trotzdem war weder seine politische noch seine theologische Argumentation einlinig genug, daß sie hätte ohne Mißverständnisse aufgenommen werden können. Manche Journalisten und Politiker konnten oder wollten in ihm einen etikettierbaren Menschen sehen, den Quietisten, den Pazifisten etc. Es scheint, als ob nun auch Historiker mit ihm Schwierig­keiten haben, erinnert er sie doch an die verdrängte Frage nach Gott und der Geschichte, und das zugleich mit einer vielschichtigen rationalen Argumentation.

Aber auch Christen tun sich mit der Aufnahme Heinemanns schwer. Es liegt näher und ist griffiger, um konfessionalistische Lehren wie die Zweireichelehre zu streiten oder einfach, auch als Christen, für »die Freiheit«, für »den Frieden« oder für »den Sozialismus« einzutre­ten, als das Geflecht historischer, politischer und theologischer Bezüge zu untersuchen und zwischen Prophetie, Pragmatis­mus und Eschatologie schrittweise einen Weg zu verfolgen. So harrt Heinemann in Kirche und Staat noch der Entdeckung. Sie kann schwerlich in einer Mode­welle erfolgen. Vielmehr werden es, wie bisher, einzelne sein, die ihm etwas abgewin­nen, ob sie sich nun auf politischem Felde von ihm zum Denken und Tun anregen und ermuti­gen lassen oder ob sie auch seine Erfahrung als Christ aufnehmen und sich, mit ihm, auf das biblische Fundament stellen lassen, um von daher zu glauben, zu denken und zu handeln.

Hier der vollständige Text von Diether Koch über Heinemann als pdf.

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