„Wo man meint, das Wasser aus dem Jakobsbrunnen schöpfen zu können, da hört die Kirche auf, Kirche zu sein“ – Iwands Predigtmeditation zu Johannes 4,5-14

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Auch wenn Hans Joachim Iwands Predigtmeditation über Johannes 4,5-14(15) zum dritten Sonntag nach Epiphanias aus dem Kirchenjahr 1951/52 stammt, ist sie noch immer hilfreich für die eigene Predigtvorbereitung. Iwand bleibt in seiner Besinnung wie kaum ein anderer am Text dran:

Predigtmeditation zu Johannes 4,5-15 (3. Sonntag nach Epiphanias)

Von Hans Joachim Iwand

Sero te amavi, pulchritudo tam antiqua et tam nova, sero te amavi. Et ecce intus eras et ego foris, et ibi te quaerebam; et in ista formosa, quae fecisti, deformis irruebam. Mecum eras et tecum non eram. Ea me tenebant longe a te, quae si in te non essent, non essent. Vocasti et clamasti et rupisti surditatem meam. Corrucasti, splenduisti et fugasti caecitatem meam. Fragasti et duxi spiritum et anhelo tibi. Gustavi et esurio et sitio. Tetigisti me et exarsi in pacem tuam. (Augustin Confessionen Lib. X, 27)[1]

1. Das Gespräch

Das Ganze steht vor uns als ein fest gefügtes und in seiner Dramatik — es handelt sich ja hier um die Dramatik des Reiches Gottes, das im Wort über uns kommt — kunstvoll ausgebautes Gespräch. Wobei die Frau die in ihrem Lebens- und vorstellungskreis verharrende ist, wäh­rend ihr Gesprächspartner mit einem Sprung ins Zentrum ihres Lebens gelangt und von dort her, von der verlorenen Mitte her, die Ewigkeit als Frage und Verheißung — immer als beides zugleich — über ihr groß werden läßt, hier ist der Punkt festgehalten, an dem die Ewigkeit in unser menschliches, irdisches Leben eintritt. Anders kann es wohl nie sein, wenn Jesus uns und wir ihm begegnen. Dieser Moment der Begegnung ist festgehalten. Es ist der „Augen­blick“, in dem meine Vergangenheit und meine Zukunft gegenwärtig sind. Darum dürfte diese Form — eben das Gespräch — durchaus etwas zu tun haben mit dem Inhalt (K. Barth hat mit Recht gesagt, es sei dies eine „Bekehrungsgeschichte“). Daß und wie mit Jesus die Ewigkeit in unser Leben eintritt, muß in dieser Form zur Darstellung kommen, in diesem von unserer Seite her immer wieder ausweichenden, ins Banale und Alltägliche, auch religiös-traditionelle (ins „Uneigentlice“ sagt Bultmann) abirrenden, dafür aber von Ihm her immer wieder apo­diktisch, fordernd, keinen Ausweg lassend aufgenommenen Gespräch. Man sieht, was es heißt, Gott im Gespräch zum Partner zu haben. Der Mensch als solcher versteht gar nichts. Daß das Gespräch zum Ziel kommt, ist nicht das Verdienst der beiden Redenden, wie sonst im Leben, sondern einzig und allein Gnade. Mit Gott kann man nicht reden, wie man mit anderen Menschen redet. Und doch, wo es dazu kommt, bleibt nichts verborgen. Das Alltäg­liche wird beiseite geräumt, alle [291] Auswege und Ausflüchte werden abgeschnitten. Das Letzte wird enthüllt, das ganze Leben, sein endgültiger Sinn und seine größte, uns in Jesus nahe gekommene Möglichkeit. Es ist etwas anderes, wenn der Mensch in sich mit der Lebens­frage konfrontiert wird (das ergibt die reflektierende Religiosität) — oder wenn, wie hier, die­se Konfrontierung extra nos in Jesus Christus Ereignis wird, doch so, daß ich hier meinem Leben in seiner ewigen Möglichkeit begegne.

Ist es nicht so, als ob bei diesem Gespräch der auf dem Brunnenrand sitzende Mann wüchse, als ob seine Gestalt den Rahmen des Üblichen sprengt, den die Frau wahren möchte, um zu fassen, was nicht zu fassen ist, — als ob sein „Ich“, das johanneische „Ich bin“, zur Mitte würde, zur geheimnisvollen, verheißungsvollen Mitte (zur Quelle V.14), um die alles schwingt. Aus dieser Mitte kommt das Wort, weshalb es beides zugleich ist, Offenbarung und Gabe. Jesus begegnen, heißt erkennen und nehmen in einem. Ohne Erkennen kein Nehmen und ohne die Bereitschaft, sich beschenken zu lassen, kein Erkennen. Wer glaubt, der hat!

Eine nicht unwichtige Frage für die Verkündigung ist nun die, ob wir den Charakter dieses außerordentlichen Gesprächs in der Auslegung zu wahren wissen. Jede Predigt ist — im Ver­hältnis zum Text — ein Wagnis. Sie kann ihm dienen oder ihn zerstören, wie bloße Genauig­keit oder Exaktheit, die dogmatische oder konfessionelle Korrektheit nützt gar nichts. Im Gegenteil, wir werden erfahren — worin ja die tiefste Not unserer Verkündigung liegt — daß sich nur allzuleicht der Text unter unseren Händen in etwas Lebloses, Totes, nicht mehr von ihm selbst her Redendes und Verheißungsvolles verwandelt. Es geht dann wie in der Anato­mie. Die Exaktheit der Untersuchung ist die Kehrseite dessen, daß wir es mit etwas Totem zu tun haben. Sie ist der Anfang der anhebenden Verwesung. Das „riecht“ dann die Gemeinde auch. Einem solchen Exegeten und Prediger zerfällt der Text in lauter „Einzelhei­ten“. Das Ganze aber ist nie die Summe seiner Teile.

Das Gespräch aber — und zwar dieses Gespräch, bei dem Gott der Partner ist und nicht etwa zwei Menschen sich „über“ Gott unterhalten — ist die Grundform, die Wurzel, die Mitte aller Verkündigung. Irgend etwas von dem, was hier geschieht, muß jeder Verkündigung zugrunde liegen. Das ist das Geheimnis der Predigt und der Kirche schlechthin. Wo das nicht mehr ge­wollt, gewußt und geglaubt wird, wo man an die Stelle des „lebendigen Wortes“ eine Sache setzt (auch das Dogma kann eine solche Objektivierung sein), wo man meint, das „Wasser“ aus dem „Jakobsbrunnen“ schöpfen zu können, da hört die Kirche auf, Kirche zu sein; da be­ginnt der Streit, wo man Gott anbeten soll, ob in Jerusalem oder auf dem Berge Garizim, dem „heiligen Berg“ der Samariter.

2. Das Wasser des Lebens

Die samaritanische Frau, die zum Brunnen kommt, repräsentiert eine andere Welt und ist von einer ganz anderen Not bewegt als der im orthodoxen Judentum stehende Nikodemus. Aber auch ihr begegnet Jesus. Auch für sie ist Jesus gekommen. Daß er ihr am Rande des Jakobs­brunnens begegnet, daß er mit ihr ein Gespräch über Lebenswasser und den mit dem hier geschöpften Wasser nicht zu stillenden Lebensdurst hat, gehört streng in den Zusammenhang seiner Mission. Es wird hier deutlich, daß Jesus nicht etwa nur Lehren und Erkenntnisse bringt, sondern — genau wie bei Nikodemus — das Leben selbst. Und daß alle nach diesem Leben dürsten müssen, bis sie es von ihm empfangen. Er mit seiner Gabe steht hier in klarem [292] Kontrast zu dem Wasser, welches das arme Weib aus dem Brunnen schöpft. Denn die­ses Wasser, „das vornehmste und unentbehrliche Lebensmittel der Welt“ (Bultmann), stillt den Durst nach Leben nicht, sondern entfacht ihn immer neu. Es erzeugt jene „cupiditas“ (Augustin), die den Menschen im Genuß vor Begierde verschmachten läßt. Typisch ist diese Krau auch insofern, als sie eine stark ethnisierte, lokal gebundene, obschon „biblische“ Reli­giosität beseelt. Aber die Vätersage ist ganz und gar petrefakt geworden, sie ist eben nur noch Auszeichnung des Ortes, ist lokale, territorial gebundene Tradition. Es wird so manches Dorf und manche Stadt ihren Jakobsbrunnen haben. Die Lebensfragen sind damit nicht beantwor­tet. Sie treiben die Menschen auf ganz andere Wege. Diese Frau ist durch den Durst nach Leben in die Hände der Männer geraten, im Mann und im Wechsel der Männer sucht sie den Durst nach Leben zu stillen. Auf der einen Seite versteinerte, in der Form der Sage hochgehal­tene Tradition und andererseits heidnische Triebhaftigkeit, das ist die zwiefache Not, der Jesus in diesem Weibe begegnet.

Dieser Frau verheißt Jesus „lebendiges Wasser“ (V. 10). Man muß genau hinsehen, wie die Verheißung über ihr ausgesprochen ist. Erstens ist sie selbst um Wasser gebeten — um das Wasser, das sie geben kann — dann wird ihr gesagt, wenn sie wirklich die Gottesgabe kennte (ihr ist ja das Zisternenwasser des Jakobsbrunnens die Gottesgabe!) und den kennte, der sie bat, ihm zu trinken zu geben, dann würde sie ihrerseits ihn bitten und er würde (zweimaliges án) ihr das lebendige Wasser geben. Es geht also um ein doppeltes Geben! Der sie Bittende ist zugleich der ihr das ihr Fehlende Gebende, was die modernen Ausleger meist übersehen, hat Luther geradezu zum Mittelpunkt seiner Auslegung gemacht, Wechsel von Bitte und der Gabe, „ehr wil sagen: das ich bettele, da thu ich darumb, das du essen und trincken kriegest. Drumb gebrauche ich auch euer hulffe, das ihr mich und die meinen speiset, auff das ihr denen erkennen mochtet, der den wahrhafftigen, ewigen trunck und wasser gibt, und was ehr für ein wortt hat“ (WA. 47 230,32). Die Armut Christi, die in seiner Kirche weitergehen wird (man denke an das Wort von dem Schluck Wasser Mt. 10,42), steht in einem grellen Kontrast zu der Gabe, die gerade die verschmachtende Kirche und der auf solche Hilfe angewiesene Jün­ger zu geben vermag. Vielleicht darf man daran erinnern, daß Jesus, als er aller Welt das ewige Leben erwarb, schrie: „Mich dürstet.“ Das ist die unter dem Kreuz verborgene Nähe der großen Gabe Gottes. Daß er uns bittet, soll uns nicht abhalten, ihn zu bitten. Was wir ihm geben können, ist nichts gegenüber dem, was er uns geben kann und will.

„Lebendiges Wasser“ ist im Unterschied von dem in Brunnen gesammelten ein fließendes, bewegendes, aus einer Quelle entspringendes Wasser, „aqua viva, quae de fonte exit“ (Augu­stin z. St.). Die Ausleger der alten Kirche haben sich durchweg dieses Bild in die Sprache der Theologie überseht. Wahrscheinlich ist das richtig. Das bloße Bild muß so ausgelegt werden, daß die Gabe Christi erkennbar wird. Sie nennen sie „gratia spiritus Sancti“. Sie reden darum hier von der Gabe des heiligen Geistes, weil dieser ein lebenschaffender, bewegender Geist ist. Diese Geistbegabung verwandelt den Lebensdurst und die Begierde des Menschen in ein Sich-Verschenken und Ausströmen des Lebens. Das Wasser, das Christus gibt (V. 14) er­schließt in ihm eine „Quelle“, oder „schafft“ sie geradezu, die nicht mehr versiegt. Jetzt soll von diesen Menschen Leben ausgehen, das wiederum für andere zur Erquickung innerhalb der Wüste dieser Welt wird. Es ist wohl nicht so, daß Jesus der Frau eine Gabe verheißt, durch welche lediglich ihr Lebensdurst gestillt wird. Der Satz: „Den Lebensdurst, der im körperli­chen Durst sich meldet, stillt der Offen-[293]barer radikal“ (Bultmann), ist mir weder nach seinem exegetischen, noch nach seinem faktischen Recht ganz einsichtig. Ist das wirklich so? Liegt nicht vielmehr die Verheißung darin, daß in dem von der Gabe Christi Erquickten ein Quellen anhebt, welches Kräfte des ewigen Lebens in einem sterblichen und hinfälligen We­sen entspringen läßt. Daß also jene Ausleger insofern recht hätten, als der Geist Gottes eine Ähnlichkeit herstellt zwischen Christus und den Seinen, wie Er lebendiges Wasser spen­det, so werden sie es auch vermögen. Es ist also die Kirche, die in unseren Blick tritt. Und zwar so, daß diese halb heidnischen, vom Lebenshunger und -durst umgetriebenen Men­schen diese Verheißung vernehmen: Ihr Begehren wird sich verwandeln in ein Ausströmen und Schenken. Sie werden sein „wie eine Wasserquelle“. Sie werden nicht mehr einander aussaugen und mit ihren Begierden verwüsten, sondern sich erquicken mit Gaben, die zum ewigen Leben dienen. Solche ins weite gehende Bewegung verheißt Jesus der Frau, wenn sie um die Gabe bäte, die er zu geben hat.

3. Erkennen und Nehmen

Schließlich soll auch noch darauf verwiesen werden, daß Jesus gegenüber das Erkennen un­trennbar verbunden ist mit dem Nehmen. Ihn kann niemand erkennen ohne zu nehmen, was er bringt. Und niemand kann sich das Leben nehmen, ohne den zu erkennen, der hier mit dieser Frau redet. Alles kommt darauf an, daß wir erkennen, daß in ihm Gott gegenwärtig handelt. Das heißt ihn erkennen! Erkennen, daß die Gabe Gottes für uns nicht in dem Jakobsbrunnen zu suchen ist, mag man auch aus ihm Menschen und Vieh tränken und so ihr Dasein auf Er­den fristen, sondern allein in diesem Menschen Jesus Christus. Es gibt kein Leben, das nicht aus ihm wäre. Das nicht von daher genommen sein will. Es gibt keine Schöpfungslehre, die „vorchristlich“ wäre. Was Leben genannt zu werden verdient, ist in ihm erschienen. Auch das Leben, das aus dem irdischen Wasser gespeist wird, ist in ihm. Dieser hier auf dem Brunnen­rand sitzende, so müde und durstige Jesus ist der, welcher uns das Leben bringt. Das Leben, das wir in uns nie bewahren können! Darum gehört beides zusammen: Die Erkenntnis, „wer Er ist“ und die Bitte um Gottes Gabe, das heißt: Das Leben. Wer nicht mit dieser Bitte ihm naht, kann ihn auch nicht erkennen. Die Erkenntnis, wer Jesus ist, ist darum innigst verbunden mit der Neugeburt des Lebens. Erkenntnis und Neugeburt sind untrennbar. Nicht darum, weil im Menschen eins auf das andere folgt, sondern weil wir, wenn wir erkannt haben, wer er ist, ihn um die „Gabe Gottes bitten“ müssen und er, wenn wir ihn darum bitten, sie uns geben will. Jesus erkennen heißt: wissen, worum wir ihn zu bitten haben! Und diese Bitte wird die Gewißheit bei sich haben, daß sie erfüllt ist, ehe sie über unsere Lippen kommt. Denn Jesus wird als der Sohn Gottes erkannt, damit wir von ihm diese Gabe erbitten, und wir erbitten sie von ihm, damit wir ihn damit als den, in dem das Leben erschienen ist, vor aller Welt bekannt machen. So bleibt das Gebet die Grenze, an der unsere Verkündigung halt zu machen hat. Aber das dürfen wir diesem Gebet zusichern, daß da, wo es geschieht, in der Erkenntnis, wer Jesus ist, seine Erfüllung gewiß ist.

Lieder: Ach daß ich dich so spät erkennet …
O Gott, o Geist, o Licht des Lebens … (besonders V. 6 und 7) Tersteegen

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 290-293.

[1] Spät hab ich dich geliebt, o Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät hab ich dich geliebt! Und siehe, tief innen warst du, da ich draußen war und da dich suchte. Und auf das, was du schön gestaltet, warf ich mich in meiner Ungestalt. Du warst bei mir und ich war nicht bei dir. Und was da lang mich fern von dir hielt, waren Dinge, die, wenn sie nicht in dir wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest und ich trank deinen Duft und atme nun in dir. Gekostet hab ich dich, nun hungre ich nach dir und dürste. Du hast mich berührt, ich aber bin entbrannt in Sehn­sucht nach deinem Frieden.

Hier der Text als pdf.

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