„Was ich vermisse, ist irgend etwas Lehrreiches, Hübsches, Einladendes und Hilfreiches über die «Humanität ohne Gott»“ – Karl Barths Brief an Joachim Kahl in Sachen „Das Elend des Christentums“

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Nachdem Joachim Kahl 1967 an der Philipps-Universität Marburg mit der Arbeit Philosophie und Christologie im Denken Friedrich Gogartens zum Dr. theol. promoviert worden war, trat er aus der evangelischen Kirche aus, erklärte sich als Atheist und begründete dies in seinem Buch Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott (1968).

14 Tagen vor seinem Tod hatte Karl Barth an Dr. Joachim Kahl, c./o. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg folgenden Brief geschrieben:

Basel, den 26. Nov. 1968

Sehr geehrter Herr Dr. Kahl!

Mir hat jemand Ihr eben erschienenes rororo-Buch «Das Elend des Christentums…» zugesandt, und ich habe es sofort nicht nur durchgeblättert, sondern in seiner Gänze gelesen.

Durch einige Ihrer Bemerkungen habe ich mich jedenfalls aufrichtig amüsieren lassen. Zum Beispiel S. 105 durch das, was Sie als «hermeneutische Gehirnwäsche» bezeichnen, oder durch das, was Sie S. 130 von den Kathedralen und den Autobahnen, oder S. 33 vom Frieden von Nanking sagen.

Ich staune über den tempelstürmenden Eifer, mit dem Sie auf so viele faule Früchte am Feigenbaum des armen Christentums hinweisen. Neu war mir freilich nur das, was Sie S. 53 von den Nachthemden sagen — alles Übrige ist jedenfalls mir und doch auch wohl noch vielen Anderen längst Bekanntes.

Die philosophische und die historische Methode (sofern in Ihrem Buch von einer solchen die Rede sein kann), mit der Sie Ihr grimmiges Carthaginem esse delendam durchgeführt haben, ist mir freilich gänzlich schleierhaft geblieben. Ich wundere mich über die Breite des in Ihrem Buch dargestellten «Höllensturzes der Verdammten», verglichen mit dem das Entsprechende des Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle sich wie ein dünnes Bächlein ausnimmt: Von den biblischen Autoren über die Kirchenväter [529] und die Reformatoren bis hin zu Herbert Braun und Ihrer Gogarten-Mitschülerin Dorothee Sölle alle, alle auf verkehrtem Weg! «Fährmann, sag’s mir ehrlich …»: in welchem Umfang und in welcher Gründlichkeit haben Sie als 27 jähriger die von Ihnen samt und sonders so rauh Behandelten studiert, um zu solchem Tun legitimiert und autorisiert zu sein?

Endlich: Welche Alternative haben Sie dem von Ihnen aufgedeckten «Elend des Christentums» entgegenzustellen? Durch Ihr Ja allein könnte doch Ihr erschütterndes Nein interessant und glaubwürdig werden. Was ich vermisse, ist irgend etwas Lehrreiches, Hübsches, Einladendes und Hilfreiches über die «Humanität ohne Gott». Aber eben: Sie Glücklicher sind volle 55 Jahre jünger als ich, haben also noch weiten Raum vor sich, um diese m.E. bedenklichste Lücke Ihres Buches mit Hilfe der Philosophie, Soziologie und Politologie, der Sie sich nach Ihrem Ausgang aus der Theologie zugewendet haben, auszufüllen. Glückauf, tapferer Mann! Möge er sich auch als ein weiser Mann offenbaren!

Mit freundlichem Gruß

Ihr Karl Barth

Quelle: Karl Barth, Briefe 1961-1968, hrsg. v. Jürgen Fangmeier und Hinrich Stoevesandt (GA V.6), Zürich: Theologischer Verlag Zürich 1979, S. 528-529.

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