„Wer auf diese Weisheit der großen eigenen Gerechtigkeit baut, kann es erleben, daß er darin zu­grunde geht“ – Kommentar von Walther Zimmerli zur neuen Predigtperikope Prediger 7,15-18

pieter-claesz-1597-1660-vanitas
Pieter Claesz (1597-1660) – Vanitas

In der neuen Perikopenordnung ist für den Sonntag Septuagesimae nunmehr in der ersten Predigtreihe Prediger (bzw. Kohelet) 7,15-18 vorgesehen. Dazu der ATD-Kommentar von Walther Zimmerli:

Prediger 7, 15-22: Sei nicht allzu gerecht!

Von Walther Zimmerli

15 Beides sah ich in meinen nichtigen Lebenstagen: Da ist ein Gerechter, der in seiner Gerechtigkeit zugrunde geht, und da ist ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit. [206]

16 Sei nicht allzu gerecht und gebärde dich nicht als ein Über-Weiser warum willst du dich zugrunde richten? 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor – warum willst du vor deiner Zeit sterben? 18 Es ist gut, daß du dich an dieses haltest und auch von jenem deine Hand nicht lässest; denn wer Gott fürchtet, entgeht allem beidem.

19 Die Weisheit gibt dein Weisen mehr Kraft
als zehn Machthaber, die in der Stadt sind.

20 Denn unter den Menschen gibt es keinen Gerechten im Lande[1], der (nur) Gutes täte und nicht sündigte. 21 Auch gib nicht acht auf alles Gerede, das sie reden, damit du nicht hörest, wie dein Sklave über dich flucht; 22 denn du weißt doch selber, daß auch du viele Male über andere geflucht hast.

Der Wortzusammenhang setzt zunächst im persönlichen Stil mit dem Bericht über eine Wahr­nehmung an, um daran in V.16f. zwei sich gegenseitig ergänzende Mahnworte, die ihrerseits in einem begründeten (nicht komparativen) tob-Spruch zusammengefaßt werden (V.18), anzu­schließen. Über den allgemeinen Weisheitsspruch V.19 hinweg, dessen Ursprünglichkeit im Zusammenhang vom Inhalt her zu prüfen sein wird, formuliert V.20 erneut eine sachliche Wahrnehmung, von der her die begründete Mahnung V.21f. sinnvoll wird.

15. Der Gedankengang von V.15-22 setzt wieder bei einer Wahrnehmung an, die Kohelet in sei­nem nichtigen Leben gemacht hat und die den etwa in den Sprüchen Salomos mit stärkster Gewißheit vertretenen Satz, daß der Gerechte besteht und der Gottlose vergeht, Lügen straft. Vgl. auch 8,12. Die allgemeineren Feststellungen vom Unrecht, das auf Erden vorkommt (3,16; 4,1; 5,7), sind hier zu der Aussage verschärft, daß auch das von Gott selber zu erwar­ten­de Endurteil (vorzeitiger Untergang – langes Leben des Menschen) anders fallen könne, als es die fromme Lebenskunde lehrt. Wieder will Kohelet damit nicht einem Dogma der Weisen ein Gegendogma entgegensetzen, indem er wider die Regel von der „Gradheit“ der Dinge, nach welcher die böse Tat auch ihr böses Schicksal wirkt, die feste Regel der Verkrümmung der Dinge (V.13) setzt. Wohl aber muß er dem Dogma der gerechten Vergeltung die unbe­streit­bare Lebenserfahrung entgegensetzen, daß es auch anders zugehen kann.

16. Damit ist aber alle „Übergerechtigkeit“, die meint im eigenen Gerechtsein den Schlüssel künftigen Wohlergehens in der Hand zu haben, zerbrochen. Gerechtigkeit ist dabei in der Parallelaussage ganz im Sinne der allgemeinen Weisheit mit der Weisheit gleichgesetzt. Wer auf diese Weisheit der großen eigenen Gerechtigkeit baut, kann es erleben, daß er darin zu­grunde geht. Wieder ist es bezeichnend, daß dieses möglicherweise geschehende Scheitern nicht thetisch als Lehrsatz behauptet, sondern lediglich in Form der Frage als Möglichkeit hingestellt wird: „Warum willst du dich zugrunde richten?“ 17. Und darum: Wenn nun umge­kehrt einer kommen und entschlossen auf den Erfolg seines Unrechtes bauen wollte, so befän­de sich dieser in seiner frechen Sicherheit des Unrechttuns und der Torheit (Jak. 1,21 redet vom „Übermaß, perisseía, der Bosheit“) ganz ebenso in der Lüge und könnte [206] dann wohl erfahren, daß Gott ihn vor der Zeit zugrunde gehen ließe. Wie schon in 5,5 ist auch hier von dieser möglichen Strafreaktion nur in der Form der Frage geredet.

18. Es wird erschrecken, daß Kohelet in dem dann folgenden tob-Spruch fordert, daß man am einen wie am anderen festhalten soll – d.h. aber doch wohl: an der von ihrem Übermaß und ihrer Sicherheit herabgeholten Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Weisheit und Torheit. Wer darin nur die Schlauheit des berechnenden Klüglings, der möglichst alle Eisen im Feuer be­halten möchte, sieht, hat aber Kohelet gründlich mißverstanden. Der abschließende Satz: „Wer Gott fürchtet, entgeht allem beidem“, zeigt, daß es sich hier nicht um einen neuen, nur charakterloseren Weg der Sicherung geht, sondern erneut um. den Weg dessen, der „wahr“ und d.h. in der Furcht vor Gott dastehen möchte. Und Furcht vor Gott heißt Absage an alles Titanentum und alle Versuche, sich mit – oder auch gegen – Gott in einem eigenen Großtun zu behaupten. Das gilt auch da, wo es um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit geht. Daß·die beiden nicht einfach logisch gleichgewichtig nebeneinander liegen und Kohelet nicht in einem ethischen Nihilismus zynisch in der Nacht alle Katzen grau sieht, zeigt die Weiterführung.in V.20-22 deutlich genug.

19. Voraus geht in V.19 noch ein Spruch, der in ganz traditioneller Weise von der überragen­den Kraft der Weisheit redet. Vgl. dazu Spr. 21,22; 24,5, auch Pred. 9,16.18a. An die staat­liche Institution der déka prȭtoi der hellenistischen Polis, die Josephus Ant. XX 8,11 auch für Jeru­salem zu belegen scheint, wird man bei dem Vergleich der Weisheit mit den „zehn Machtha­bern in der Stadt“ kaum zu denken haben (so etwa Levy, Gordis u.a. nach Gerson). Wer die­sen Spruch nicht einfach als Ehrenrettung der Weisheit durch einen jüngeren Glossa­tor aus­klam­mern (Podechard) oder ihn an anderer Stelle einordnen will (Galling 1: hinter V.12, anders Galling 2), wird ihn als Aussage über die von Kohelet eben in seiner Anweisung gege­bene „Weisheit“ der echten Gottesfurcht, die auch die Torheit der „geringen Gerechtig­keit und geringen Ungerechtigkeit“ nicht scheut, zu verstehen haben.

20. Die Weiterführung in V.20, die inhaltlich an V.18 anschließt, macht die „Wahrheit“, zu der in V.16-18 gerufen worden war, noch von einer anderen Seite her deutlich. Das Übermaß an Gerechtigkeit ist auch von innen her nicht wahr. Daß kein Mensch auf Erden ganz gerecht ist, wird nicht nur im Tempelweihgebet Salomos 1.Kön. 8,46, bei Hiob (15,14-16) und im Psalter (130 u.a.) ausgesprochen, sondern auch gerade in der Weisheit erkannt (Spr. 20,9). Ist dann aber die Jagd nach der übermäßigen Gerechtigkeit und vor allem das Vertrauen darauf nicht eine von innen her unwahre Angelegenheit? 21. 22. In einem ganz konkreten Beispiel, das den Blick auf einen der Geringen in der eigenen Umgebung richtet, wird zur echten Kon­sequenz gegenüber dieser Erkenntnis gemahnt. Der Blick auf Spr. 30,10, wo auch vom flu­chenden Sklaven geredet ist, läßt vermuten, daß es sich hier um ein Schulbeispiel handelt. Wenn jeder Mensch, so argumentiert Kohelet, doch darauf angewiesen ist, daß auch Gott das am Menschen unvermeidliche Maß an Bosheit erbarmend erträgt, soll dann nicht, was Jesus später im Gleichnis vom Schalksknecht (Mt. 18,21ff.) aus seiner vollen Erkenntnis der göttli­chen Barmherzigkeit heraus formuliert hat, für jeden Menschen gelten? Die Rede von dem ehrlichen Stehen auch zu seiner eigenen Ungerechtigkeit in V.17f. enthüllt sich von hier [207] aus als das Wort eines Mannes, der etwas von dem gnädigen göttlichen Übersehen weiß, auf das jeder angewiesen ist.

Die Mahnung zur barmherzigen Nachsicht auch dem eigenen Sklaven gegenüber läßt etwas von der sonst bei Kohelet nur selten erkennbaren Menschlichkeit (vgl. etwa 4,1) sehen, die in seinem Ruf zur Bescheidung Raum hat. Es ist bezeichnend, daß die Mahnung zu solcher Menschlichkeit bei Kohelet nicht im Rahmen einer am Gesetz orientierten Lebensbelehrung auftritt, sondern in der Erkenntnis der eigenen Fragwürdigkeit begründet ist. Weil Kohelet nichts von einer Freundlichkeit Gottes weiß, die dem Menschen in der Geschichte des Kom­mens Gottes begegnet, darum wird auch diese Mahnung nicht zum vollen Aufruf zum Liebes­erweis am Nächsten, sondern bleibt in der Sphäre einer Erbarmensregung, die in der Not der eigenen Hinfälligkeit gründet.

Es ist nicht zu verkennen, daß Kohelets Wort zur „Gerechtigkeit“ des Menschen in einer deut­lichen Beziehung zu seinen Erwägungen über das „Gute“ (6,10-7,14) steht. Hier wie dort ver­wehrt er es dem Menschen, sich in eine gesicherte Bastion sei es der Erkenntnis des Guten, sei es der eigenen Gerechtigkeitsleistung zurückzuziehen. Hier wie dort wird der Mensch daran erinnert, daß er ganz in der Hand Gottes steht und darum unter Verzicht auf alle Selbst­heroi­sierung allein „Gott fürchten“ (V.18 b), und d.h. sich seiner undurchschaubaren Verfügung überlassen soll.

Quelle: Sprüche / Prediger übersetzt und erklärt von Helmer Ringgren und Walther Zimmerli. ATD 16/1, 3., neubearbeitete Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1980, 204-207.

[1] Wörtlich: „Denn ein Mensch – kein Gerechter ist im Lande (auf Erden?)“.

Hier Zimmerlis Auslegung als pdf.

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