„Die gesamte Sprache beruht so auf einem einzigen Namen, der als solcher unaussprechlich ist: dem Namen Gottes“ – Giorgio Agamben über die Idee des Namens

Name

Idee des Namens

Von Giorgio Agamben

Für den, der über das Unsagbare nachdenkt, ist die Beobachtung lehrreich, daß die Sprache das, wovon man nicht sprechen kann, gleichwohl vollständig benennen kann. Die antike Phi­losophie schied darum sorgfältig die Ebene des Namens (onoma) von der der Rede (logos) und hielt die Entdeckung dieses Unterschieds für so wichtig, daß sie das Verdienst dafür Pla­ton zuschrieb. In Wirklichkeit war sie schon früher erfolgt: es war Antisthenes, der als erster bemerkt hat, daß es für die einfachen und ersten Substanzen keinen Logos, sondern nur Na­men geben kann. Unsagbar ist dieser Auffassung zufolge nicht das, was in keiner Weise von der Sprache bezeugt wird, sondern das, was in ihr nur benannt werden kann. Sagbar dage­gen ist das, wovon man in begrifflicher Rede sprechen kann, auch wenn dafür, unter Umständen, der Name fehlt. Die Unterscheidung zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren verläuft im Innern der Sprache und teilt sie wie ein schmaler Grat mit beiderseits steil abfallenden Wän­den.

In diesem Bruch der Sprache ist die antike Weisheit begründet, die, unter dem Namen der Mystik, über die Unmöglichkeit wacht, die Ebene der Namen auf die der Sätze abzubilden. Gewiß, der Name tritt in die Sätze ein, aber das, was diese sagen, fällt nicht mit dem zusam­men, wonach der Name gerufen hat. Wörterbücher und die unermüdliche Arbeit der Wissen­schaft mögen jedem Namen eine Definition zur Seite stellen: doch was sich auf diese Weise sagen läßt, wird nur unter der Voraussetzung des Namens gesagt. Die gesamte Sprache beruht so auf einem einzigen Namen, der als solcher unaussprechlich ist: dem Namen Gottes. In [106] allen Sätzen enthalten, bleibt er in jedem Satz notwendig ungesagt.

Anders dagegen die Geste der Philosophie. Sie teilt den Argwohn der Mystik gegen die allzu rasche Angleichung der beiden Sphären, aber sie gibt den Versuch nicht auf, auf ihre Weise dem, was der Name genannt hat, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Daher hält das Denken an der Schwelle des Namens nicht inne, noch kennt es jenseits von ihm andere, geheime Na­men: im Namen vielmehr sucht es die Idee auf. Wie in der hebräischen Legende des Golem ist der Name, durch den das Formlose ins Leben gerufen wurde, der Name der Wahrheit. Und wenn der erste Buchstabe dieses Namens auf der Stirn des schrecklichen famulus getilgt ist, blickt das Denken unverwandt auf jenes Antlitz, auf dem jetzt das Wort »Tod« geschrieben steht, so lange, bis auch dieses gelöscht ist. Die stumme, unlesbare Stirn ist nun seine einzige Lehre, sein einziger Text.

Quelle: Giorgio Agamben, Idee der Prosa (Idea della prosa), aus dem Italienischen von Dagmar Leupold und Clemens-Carl Härle, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2003, 105f.

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