„Es ist der Trost eines Lebens, das mit Jesus ge­lebt wird, daß es auch über ihm heißen muß: Es wurde er­füllt, was der Herr gesagt hat“ Dietrich Bonhoeffers Predigt über Matthäus 2,13-23

Unschuldige Kinder
Der Bethlehemitische Kindermord (Pieter Breughel d. Ä., um 1565)

Auch in der neuen Perikopenordnung ist Matthäus 2,13-18(19-23), also Kindermord zu Bethlehem und Flucht nach Ägypten, als Predigttext vorgesehen, nunmehr in der Predigtreihe 1. Dazu eine Lesepredigt von Dietrich Bonhoeffer aus dem Jahr 1940:

Lied: Hilf, Herr Jesu, laß gelingen.

Matthäus 2, 13-23: Da sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und flieh nach Ägyptenland und bleib allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, daß Hero­des das Kindlein suche, dasselbe umzubringen. Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich nach Ägyptenland. Und blieb allda bis nach dem Tod des Herodes, auf daß erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ Da Herodes nun sah, daß er von den Weisen betrogen war, ward er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder zu Beth­lehem töten und an seinen ganzen Grenzen, die da zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er mit Fleiß von den Weisen erlernt hatte. Da ist erfüllt, was gesagt ist von dem Propheten Jeremia, der da spricht: „Auf dein Gebirge hat man ein Geschrei gehört, viel Kla­gens, Weinens und Heulens; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.“ Da aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum in Ägyptenland und sprach: Stehe auf und nimm das Kind­lein und seine Mutter zu dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kin­de nach dem Leben standen. Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich und kam in das Land Israel. Da er aber hörte, daß Archelaus im jüdischen Lande König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dahin zu kommen. Und im Traum em­pfing er Befehl von Gott und zog in die Örter des galiläischen Landes und kam [474] und wohnte in der Stadt, die da heißt Nazareth; auf daß erfüllt würde, was da gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazarenus heißen.

Liebe Gemeinde! Es ist uns gewiß beim Lesen dieser Ge­schichten von der Flucht nach Ägyp­ten, vom bethlehemitischen Kindermord und von der Rückkehr der heiligen Fa­milie nach Nazareth aufgefallen, daß jedesmal am Ende die­ser Geschichten ein Wort aus dem Alten Testament steht und daß dieses Wort jedesmal eingeleitet wird mit dem kurzen Satz: „Auf daß erfüllet würde, was gesagt ist.“ Wir haben wohl oft darüber hinweggelesen und gemeint, das sei nur so eine nebensächliche Formel. Damit übersehen wir aber etwas besonders Wichtiges und Schönes an unserem Text. „Auf daß erfüllt würde“ — das heißt ja, es kann Jesus nichts gesche­hen, als was Gott selbst vorher beschlossen hat, es kann auch uns, wenn wir mit Jesus sind, nichts geschehen, als was Gott selbst mit uns vorhat und uns verheißen hat. Da mögen allerlei menschliche Gedanken, Pläne und Irrtümer mithineinwirken, da mag selbst ein mör­derischer Herodes seine grausamen Hände im Spiel haben, es muß zuletzt doch alles gehen, wie Gott es zuvor gesehen, gewollt und gesagt hat. Gott gibt das Regiment nicht aus der Hand. Das ist ein starker Trost: Gott erfüllt nur, was Gott selbst verheißen hat. Wer die Heili­ge Schrift in der Hand und im Herzen hat, der findet in ihr immer neue Bestätigung dieses. Trostes. Die Weisen aus dem Morgenlande hatten Jesus angebetet und ihm kostbare Gaben gebracht. Gibt es nun einen erschrecken­deren Gegensatz, als wenn es noch im selben Satz heißt, daß der König der Juden, Herodes, nach dem Kinde sucht, um es umzubringen?“ Hero­des, der auf dem Thron Davids sitzt, König und zugleich Tyrann über das Volk Gottes, Hero­des, der die Geschichte, Verheißung und Hoffnung dieses Volkes kennt, sinnt auf Mord, als er hört, daß Gott seine Verheißun­gen wahrmachen und seinem Volk den König der Gerech-[475]tigkeit, der Wahrheit und des Friedens schenken will. Der mächtige, schon oft mit Blut befleckte, brutale Herrscher sucht das ohnmächtige unschuldige Kind zu töten, weil er sich vor ihm fürchtet. Alle irdischen Machtmittel sind auf der Seite des Herodes. Aber Gott ist auf der Seite des Kindes.

Und Gott hat andere Mittel als Herodes. Er sendet dem Joseph im Traum seinen Engel und befiehlt ihm, nach Ägypten zu fliehen, wo die Macht des Herodes ihre Grenze hat. Geheim­nisvoll wie Gott selbst sind seine Mittel. Es fehlt ihm nicht an unsichtbaren Kräften und Die­nern, durch die er die Seinen seine Wege wissen lassen kann. Zwar hat er uns sein Wort, gegeben und uns in ihm seinen ganzen Willen offenbart. Aber in besonderer Stunde hilft er uns auch auf besondere Weise, damit wir den rechten Weg nicht verfehlen. Wer hätte solche besondere Hilfe und Führung Gottes nicht erfahren? Des Nachts im Traum befiehlt Gott dem Joseph die Flucht nach Ägypten; und ohne einen Augenblick zu zö­gern, gehorcht Joseph der göttlichen Weisung und bricht mit dem Kinde und seiner Mutter — in dieser Reihenfolge nennt unsere Geschichte zweimal Jesus und Maria! — auf, um zu fliehen. Soll Gottes Wort an uns in Erfüllung gehen, so müs­sen wir ihm gehorsam sein und, wenn es sein muß, des Nachts aufstehen, um seinen Willen zu tun. So tat Joseph.

Das Jesuskind muß mit seinen Eltern fliehen. Hätte Gott es nicht auch in Bethlehem vor Hero­des behüten können? Ge­wiß, aber nicht danach haben wir zu fragen, was Gott alles wollen und tun könnte, sondern was er wirklich will. Gott will, daß Jesus nach Ägypten flieht, er zeigt damit, daß der Weg Jesu gleich von Anfang an ein Weg der Verfolgung ist, aber er zeigt auch, daß er Jesus behüten kann und daß Jesus nichts zustoßen wird, solange es Gott nicht zu­läßt. Jesus lebt nun in Ägypten, dort, wo sein Volk einst in Knechtschaft und Not hatte leben müssen. Der König soll nun sein, wo sein Volk war. Er soll die Geschichte seines Volkes am eige-[476]nen Leibe durchleben. In Ägypten litt Israel Not, in Ägypten fing die Not Jesu an, in Ägypten mußte Gottes Volk und sein König in der Fremde, im Elend leben. Aus Ägypten aber führte Gott sein Volk ins Gelobte Land, und aus Ägypten rief Gott seinen Sohn zurück in das Land Israel. Was einst der Prophet im Blick auf das Volk Israel gesagt hatte, das erfüllt sich nun an Jesus: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ Die Flucht nach Ägypten war kein blinder Zufall, sondern göttliche Verheißung und Erfüllung. In Ägypten wurde Jesus ganz eins mit den Leiden und den Freuden seines Volkes, des Volkes Gottes, unser aller. In Ägypten ist er mit uns in der Fremde, mit ihm werden wir auch aus der Fremde ausziehen in das Land Gottes. Der Zorn des Herodes war groß geworden, als die Weisen aus dem Morgen­lande auf Gottes Befehl nicht wieder durch Jerusalem zurückzogen, um ihm zu melden, wo er Jesus finden könnte. In maßloser Angst und Eifersucht befiehlt er jetzt den Mord aller Kinder Bethlehems unter drei Jahren. Hierin sieht er den einzig sicheren Weg, das göttliche Kind zu treffen. Aber so klug und grausam sein Schlag ist, er verfehlt sein Ziel. Herodes will Christus beseitigen, aber Christus lebt, und an seiner Stelle und für ihn fallen die ersten Blutzeugen. Die unschuldigen Kinder von Bethlehem schützen das Leben ihres gleichaltrigen Königs und Herrn. Sie werden die ersten Mär­tyrer der Christenheit, die sterbenden Zeugen für das Le­ben Jesu Christi, ihres Heilandes. Alle Verfolgung hat die endgültige Beseitigung Jesu Christi zum Ziel, sie will den Christusmord, aber sie kann doch Christus keinen Schaden tun. Christus lebt und mit ihm leben die Blutzeugen aller Zeiten.

Großes Leid, Geschrei, Klagen, Weinen und Heulen kommt über die Menschen, wenn der Herr Jesus Christus verfolgt wird, wie es über ganz Bethlehem kam, als die unschuldigen Kin­der sterben mußten. Immer wieder sind Tränen geflossen, [477] wenn das Volk Gottes in Not und Bedrängnis kam. Dann war es, als stünde die Mutter Rahel, die Mutter des Volkes Israel, aus ihrem Grabe, das nahe bei Bethlehem lag, auf und weinte über das Leid aller ihrer Kinder. So hatte es einst der Prophet Jeremia geschaut in der letzten Stunde vor dem Untergang Jeru­salems. Jetzt aber, als Bethlehems Mütter um ihre Kinder weinten, die für Jesus Christus gestorben waren, war das Prophetenwort erst ganz in Erfüllung gegangen: „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört, viel Klagens, Weinens und Heulens. Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.“ Die Klage um die Blutzeugen Jesu Christi hebt an, und sie wird nicht mehr verstummen bis ans Ende der Zeit. Es ist die Klage über die gottentfremdete, christusfeindliche Welt, über das Blut der Unschuldigen, über die eigene Schuld und Sünde, um derentwillen Jesus Christus selbst ins Leiden kam. Aber mitten in dieser untröstlichen Klage gibt es einen gro­ßen Trost: Jesus Christus lebt, und wir werden mit ihm leben, wenn wir mit ihm leiden.

Der Kindermord zu Bethlehem, so gottlos und grauenvoll er war, mußte zuletzt doch wieder Gott dienen, der seine Verheißung zur Erfüllung bringt. Leid und Tränen kommen über Gottes Volk, aber sie sind Gott kostbar, denn sie sind um Christi willen dargebracht, und Christus nimmt sich ihrer in Ewigkeit an.

Von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr wartet Joseph in Ägypten auf den göttlichen Befehl zur Heimkehr. Joseph will nicht aus eigenen Entschlüssen handeln. Joseph wartet auf Gottes Weisung. Da schickt Gott dem Joseph des Nachts im Traum abermals den Befehl, aufzuste­hen und heimzukehren mit dem Kind und seiner Mutter. „Sie sind gestorben, die dem Kind nach dem Leben standen.“ Der mächtige Herodes ist tot, ohne sein Ziel erreicht zu haben, Jesus aber lebt. So ist es allemal in der Geschichte der Kirche gegangen. Zuerst [478] Not, Verfolgung, Todesgefahr für die Kinder Gottes, für die Jünger Jesu Christi, dann aber kam die Stunde, da es hieß: „Sie sind gestorben.“ Nero ist gestorben, Diokletian ist ge­storben, die Feinde Luthers und der Reformation sind ge­storben, aber Jesus lebt, und mit ihm leben die Seinen. Ver­folgungszeit nimmt plötzlich ein Ende, und es stellt sich heraus: Jesus lebt.

Das Kind Jesus kehrt ins Land Israel zurück, von Gott geru­fen. Jesus kommt, um sein Reich einzunehmen, seinen Thron zu besteigen. Joseph will Jesus zuerst nach Judäa bringen, von wo der König Israels erwartet wird. Aber eine beson­dere göttliche Weisung hindert ihn daran und befiehlt ihm, nach Nazareth zu gehen. Nazareth ist für das Ohr des Israeli­ten ein Ort mit einem schlechten und geringen Klang. „Was soll aus Nazareth Gutes kommen?“ Dennoch oder eigentlich gerade darum soll Jesus in Nazareth aufwachsen, „auf daß er­füllt wird, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazarenus heißen“. Diese Weissagung scheint schwer verständlich, zumal wir sie in dieser Form nirgends finden. Aber wir müs­sen lernen, genau auf den biblischen Text zu achten. Es heißt hier nicht, daß ein einzelner Prophet, sondern daß die Pro­pheten diese Weissagung enthalten. Dabei ist gewiß daran gedacht, daß immer wieder im Alten Testament verheißen war, daß der zukünftige König in Niedrigkeit und Unansehn­lichkeit erscheinen werde. Freilich steht hier noch nichts von Nazareth. Diese Beziehung fin­det der Evangelist aber an jener bekannten Stelle des Jesaja, in der es heißt, daß aus der Wur­zel Isais ein Zweig, ein Schößling, ein unansehn­liches Reis entspringen werde und daß dieser schwache, ge­ringe aus dem Wurzelstumpf ausschlagende Zweig der Mes­sias Israels sein werde. Das hebräische Wort für Zweig aber heißt „nezer“, dies aber sind gerade die Stamm­laute für den Ortsnamen Nazareth. So tief verborgen also findet das Evan­gelium die Verhei­ßung im Alten Testament, daß Jesus arm, [479] verachtet und gering sein werde. In dem für Joseph und alle Welt so schwer begreiflichen Weg nach dem armseligen Na­zareth erfüllt sich also abermals Gottes Weg mit dem Hei­land aller Welt. In tiefster Armut, Verborgenheit und Nied­rigkeit soll er leben, das Leben der Unangesehenen, Verach­teten soll er teilen, damit er das Elend aller Menschen tra­gen und ihr Heiland werden könne.

Wir haben aus unserer Geschichte gelernt, wie Gott drei große Verheißungen an dem Kinde Jesus in Erfüllung gehen läßt: Jesus erfährt die Geschichte des Volkes Gottes am eige­nen Leibe; er bringt über die Menschen, die zu ihm gehören, nicht nur Freude, sondern auch Lei­den und Tod um seinet­willen; er lebt in Verborgenheit und Niedrigkeit, um ein Helfer aller Menschen zu werden. Alles dies aber geschieht nach der Verheißung Gottes. Es ist die Erfül­lung der Rat­schlüsse Gottes zum Heil der Welt.

Wir gehen in ein neues Jahr, viele menschliche Pläne und Fehler, viel Feindschaft und Not werden unseren Weg be­stimmen. Solange wir aber bei Jesus bleiben und mit ihm gehen, dürfen wir gewiß sein, daß auch uns nichts wider­fahren kann, als was Gott zuvor ersehen, gewollt und ver­heißen hat. Es ist der Trost eines Lebens, das mit Jesus ge­lebt wird, daß es auch über ihm heißen muß: Es wurde er­füllt, was der Herr gesagt hat. Amen.

Gebet: Wir preisen dich, Herr, daß du alle Dinge in deiner Hand hast und alles so herrlich regierst. Du führst die Deinen um Christi willen durch alle Bedrängnis und Feindschaft sicher nach deinem Rat. Leite auch im neuen Jahr deine Ge­meinde und alle ihre Glieder auf rechter Straße um deines Namens willen. Amen.

Lied: Von Gott will ich nicht lassen.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, Band 4: Auslegungen – Predigten 1933 bis 1944, hrsg. v. Eberhard Bethge, München: Chr. Kaiser 1961, Seiten 473-479.

Hier Bonhoeffers Predigt als pdf.

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