„Darin, daß in keinem anderen Namen Heil ist, sind alle entthront aus dem Herzen der Gotteskinder, die sich als Herren der Welt aufspielen“ – Iwands Predigtmeditation zu Johannes 1,1-14

Köder - Und das Wort ist Fleisch geworden
Siger Köder – Und das Wort ist Fleisch geworden

Zum Christfest bzw. dem 1. Weihnachtstag 1954 hatte Hans Joachim Iwand eine höchst anspruchsvolle Predigtmeditation über Johannes 1,1-14 verfasst:

Luther in seiner großartigen, bis heute nicht erreichten Auslegung unseres Textes in der Kir­chenpostille 1522 beginnt mit der Behauptung, daß der Text nicht, wie etliche mei­nen, „finster und schwer“ sei, daß vielmehr hier „der hohe artickel von der gottheyt Christi auffs aller klerist gegrundt ist“. Das ist ein wesentlicher Punkt für jeden Prediger, er sollte diesen Glauben an die „claritas scripturae“ auch über sein Unvermögen walten lassen und sich nicht vor den „Problemen“ scheuen, womöglich meinen, der Text sei für die Gemeinde oder für die Menschen von heute zu hoch. Wie kann ein Text zu hoch sein, dem es darum zu tun ist, die Gottheit Jesu Christi für den Glauben herauszustellen! Der Text gliedert sich offensichtlich in drei Stücke, einmal in das, was vom Wort, das bei Gott war gesagt ist, dann in das, was vom Zeugnis des Johannes gesagt ist, das den Zeugen in seiner rechten Stellung aufzeigt (er war nicht das Licht!) und schließlich V. 9-14 der Inhalt dieses Zeugnisses, der im Bekenntnis V. 14 seinen Höhepunkt erreicht.

V 1-5. Am Anfang steht der in sich selbst redende, offenbare, der Leben und Licht in sich selbst tragende Gott. R. Bultmann sagt mit höchstem Recht: „Hinter das ho lógos ēn pròs tòn theón wird nicht zurückgegangen; dem lógos ging keine sigḗ voraus.“ Das bedeutet aber weiter, daß „gott und seyn wort tzweyerleq seyn müssen“ (Luther). Genau so interpretiert K. Barth das „Deus dixit“. Das bedeutet aber, um noch einmal mit Luther zu reden, daß „das Wortt kome von dem sprecher und habe seyne weszen nit von yhm selbs, szondern von dem sprecher, der sprecher aber kompt nit, hat auch syn weszen nit von dem wortt, szondern von yhm selbs“. Die Offenbarung, die in Jesus Christus Ereignis wurde, hat ihren Grund und ihren „Anfang“ jenseits der Weltzeit. „In der Ewigkeit und Einheit des göttlichen Willens ist Welt- und Heils­geschehen begründet“ (Bultmann). Ähnlich wie Hebr. 1,2; 1. Kor. 8,6; Kol. 1,16 wird deutlich gemacht, daß alles, was ist, von diesem Wort her seinen Bestand hat. Es wäre nicht, wenn es nicht von ihm her wäre. Darum gibt es eine „Beziehung“ alles dessen, was ist, auf das Wort und seine Offenbarung. Es kommt, wo es kommt, wirklich „in sein Eigentum“. Es kommt nicht als Usurpation, als Vergewaltigung, sondern als der Herr, der mit Recht Glau­ben und Anerkennung verlangen kann. Es folgt die These, daß Leben und Licht in dieser bedachten Zuordnung! — soweit sie uns zuteil werden, nicht aus uns, sondern aus dem Wort kommen. Leben heißt Dasein, Leben als Licht aber bewußtes, erhelltes, vernünftiges Dasein, das um sich selbst wissend ist. Finsternis aber heißt, daß die Erkenntnis und das Leben, das aus dem ewigen, schaffenden Wort stammt, gegen dasselbe ausgespielt und geltend gemacht wird. Selbstmächtigkeit der Ratio! Verlust des Lebens an sie. Die Perversion der Schöp­fung vollzieht sich im Geistigen, auf der höchsten Ebene im Religiösen durch Geltendmachen des Nomos gegen die Gnade.

V. 6-8. Weil das Paradoxe eintritt, daß das Licht in der Finsternis scheint, aber diese es nicht „ergriffen, begriffen, sich zu eigen gemacht hat“ (W. Bauer), weil sie bleibt, was sie ist, weil sie nicht von sich selbst, von Natur aus schwindet, darum Johannes, als der dem Kommen des Wortes beigesellte Zeuge. Es wären Kirche, Predigt, Lehre und die Berufung bestimmter Menschen zu Zeugen nicht not, wenn das bloße Vorhandensein Jesu Christi in der Welt, das Kom­men und Gekommensein des Wortes an sich genügten. Dies als Warnung an alle, die das per­sönliche Zeuge-Sein untergehen lassen möchten vor der kultisch und sakramental gefaßten Objektivität des Christusgeschehens. Der Hinweis auf den Zeugen, der die Welt ihrer Sünde überführt, ihren Unglauben bricht, der der Botschaft Worte verleiht, die die Zeit und die Zeit­genossen treffen, dürfte heute eine unserer schwächsten Stellen treffen. Sind wir doch allzu­sehr auf dem Rückzuge auf das „Christusgeschehen als solches“ begriffen. Darum muß vor Joh. 1,14 von dem Zeugendienst die Rede sein. Über Zeugendienst ist ein von sich weg-, ein über sich hinausweisender Dienst. Erst im Zeugendienst kommt die echte, die dem Wort und der Sache gemäße Objektivität zur Darstellung: „Daß er zeugte von dem Licht.“ Noch deut­licher v. 15 ff. Prototyp der Christusbotschaft im Neuen Bunde!

V. 9-14. Es folgt nun die in dieser echten Objektivität, das heißt im Zeugnis der Gemeinde, vernehmbare Botschaft. Was V. 1-5 vom Worte her Umrissen ist, wird nun in concreto gesagt: das Kommen des Lichtes in die Welt und die Reaktion der Welt darauf. Wieder tritt das Paradoxon, und zwar nicht als rhetorisches, sondern als faktisches, schuldhaftes Parado­xon hart heraus. Sowohl, was die Welt angeht, wie auch die „Seinen“, also Israel, die Kirche. Jetzt ist „nicht erkennen“ Schuld. Der Ursprung alles Seins und Lebens ist mitten unter uns, aber wir wollen nicht von ihm her und auf ihn hin sein. Das isolierte Dasein behauptet sich ihm gegenüber in Finsternis und verfall. Das gegenwärtige Wort aber will „angenommen“ sein. Wo das geschieht, also das eigentlich Normale, aber um der Finsternis willen nun eben doch Exzeptionelle, persönliche, in der Entscheidung des Glaubens Rituelle sich ereignet, da verleiht der Herr den Seinen die Vollmacht der Gotteskindschaft, d. h. das sieghafte vermögen den Mächten der Welt gegenüber. Glaube hängt an seinem Namen (Mt. 1,21; Acta 4,12). Darin, daß in keinem anderen Namen „Heil“ ist, sind alle entthront aus dem Herzen und Ge­wissen der Gotteskinder, die sich als Heilbringer und Herren der Welt aufspielen. Evangelium heißt: Frohe Botschaft, Gott ist König geworden in Jesus Christus. Daß solche Einsetzung in die Gotteskindschaft die neue Geburt „aus Gott“ ist, wird von Johannes immer wieder aufs nachdrücklichste betont (3,3; 6,8f.; 1. Joh. 2,29; 3,9; 5,1 usw.).

Abschließend folgt V. 14 das Bekenntnis, welches die Offenbarung Gottes in Jesus Christus klassisch formuliert. Die predigt wird kaum dazu gelangen, dieses Wort noch im einzelnen auszulegen, denn das würde eine predigt für sich bedeuten. Wohl aber könnte es sein, daß bei rechter Auslegung die Gemeinde das Wort von V. 14 als ihr Bekenntnis aufnimmt und ver­steht, daß darin, wie es später im Apostolikum und besonders im Nicaenum ausgelegt und bekannt worden ist, die Mitte ihres Glaubens gewahrt ist.

Hier der vollständige Text der Predigtmeditation als pdf.

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