„Ich habe die Welt überwunden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Ich! Das Kind in der Krippe zu Bethlehem sagt uns das — in größter Demut, aber auch in größter Macht und Bestimmt­heit.“ Karl Barths Predigt an Heiligabend 1963

Albrecht Altdorfer - Heilige Nacht
Albrecht Altdorfer – Heilige Nacht (1511)

Die letzte Predigt Karl Barths zu Weihnachten (die im Rundfunk live übertragen wurde) hatte dieser über Johannes 16,33 an Heiligabend 1963 in der Strafanstalt Basel gehalten. Da wird die „Welt“ und das ereignisreiche Jahr 1963 mit dem Christuswort konfrontiert:

Wir sind an diesem Heiligen Abend beieinander, um uns gemeinsam darauf vorzubereiten, morgen die Weihnachtsbotschaft zu vernehmen. Ihr wißt, daß diesmal unsichtbar auch viele andere Menschen am Radio zuhören, wie wir hier beten, singen und Gottes Wort zu uns reden lassen: draußen in der Stadt, in der übrigen Schweiz, auch in großen Teilen von Deutschland. Das soll uns hier nicht stören, sondern freuen. «Alle Luft jauchzt und ruft: Christus ist geboren», haben wir ja eben gesungen. So grüßen wir auch diese mit uns Hören­den.

Ich habe die Welt überwunden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Ich! Das Kind in der Krippe zu Bethlehem sagt uns das — in größter Demut, aber auch in größter Macht und Bestimmt­heit. Ich, der Sohn Gottes, des allmächtigen Vaters, des Schöpfers des Himmels und der Erde! Ich, den er euch Menschen als Menschensohn wie ihr selbst gegeben hat, damit er euer Gott sei und ihr sein Volk seid — damit das Heil, der Friede, die Freude dieses Bundes über euch komme! Ich habe die Welt überwunden. Nicht ihr bösen und auch nicht ihr guten Menschen, ihr Dummen nicht und ihr Gescheiten auch nicht, ihr Gläubigen nicht und auch nicht ihr Un­gläubigen! Kein Papst und kein Konzil, keine Regierung und keine Universität hat das getan, keine Wissenschaft und keine Technik — und wenn es euch gelänge, übermorgen auf der Milchstraße Schlitten zu fahren. Ich habe das getan.

Ich habe die Welt überwunden. Es geht um die Welt in der Weihnachtsbotschaft. Die Welt: das ist unser großes Wohnhaus, als Gottes Schöpfung so gut und herrlich gebaut und geordnet — und nun doch so voll Finsternis, eine Stätte von so viel Übeltat und Traurigkeit. Die Welt: das sind wir selber, wir Menschen, auch wir von Gott gut geschaffen und von Anfang an dazu bestimmt, seine Kinder zu sein — und nun doch von ihm abgefallen, seine Feinde, darum auch Feinde untereinander, darum ein jeder sein eigener Feind. Eben diese Welt hat Gott so sehr und in der Weise geliebt, daß er ihr mich, seinen Sohn — so spricht das Kind von Bethlehem — schenken wollte und geschenkt hat [vgl. Joh. 3, 16].

Ich habe die Welt überwunden, sagt dieses Kind. Es brauchte wohl einen großen Herrn dazu, um das zu tun! Ja, aber da ist er. Ein wunderlicher Herr freilich, ganz anders als die anderen großen Herren, die wenigstens diesen oder jenen Weltteil überwinden, unterwerfen, durch Schlauheit und Gewalt sich zu Füßen bringen zu können meinen. Ein Herr, der als armer Leute Kind in der Fremde, in einem Stall geboren, in der Nähe von Ochs und Esel in eine Krippe gelegt wurde — und wer weiß, ob das Holz dieser Krippe nicht aus dem gleichen Wald genommen war, in welchem später wieder Holz geschlagen wurde, um ein Kreuz zu zimmern? Denn damit und so hat dieses Kind die Welt überwunden, daß es sich für ihre Sün­de und Schuld dem Tod der Schande ausliefern ließ. So hat es sie dem Verderben ent­rissen. So hat es sie mit Gott versöhnt. So hat es sie für Gott gewonnen. So hat es sie wieder­herge­stellt. So hat es uns Menschen uns selbst herrlicher als zuvor wiedergegeben.

Ich habe die Welt überwunden, hören wir. Nicht: ich werde das irgendeinmal tun! Sondern: Es ist vollbracht [Joh. 19, 30], es ist geschehen, ich habe es getan. Euch bleibt nur übrig, zu bemerken und euch darauf einzustellen und einzurichten, daß ihr in der von mir überwun­denen Welt lebt — von mir überwundene Menschen schon seid!

Das ist die Weihnachtsbotschaft. Das zu vernehmen, gelten zu lassen, in uns aufzunehmen, damit zu leben — dafür wollen wir uns an diesem Heiligen Abend alle miteinander bereit machen: Ich habe die Welt überwunden.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

Dave Jäggi hat dankenswerterweise die Tonaufnahme dieses Gottesdienstes „Aber seid getrost“  auf seinem Blog online gestellt.

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