„Mir bleibt als sicherer Trost nur übrig, mich mit Schleiermacher im Himmelreich in dessen erst kommender Gestalt über alle diese Fragen ein paar Jahrhunderte lang ausgiebig zu unterhalten.“ Karl Barths Nachwort zur Schleiermacher-Auswahl von 1968

Schleiermacher-Auswahl-mit-einem-Nachwort-von-Karl-Barth-1968

Zu der aus Anlass des 200. Geburtstags von Friedrich Schleiermacher 1968 herausgegebenen Schleiermacher-Auswahl (Siebenstern Nr. 113/114) bittet Heinz Bolli Karl Barth um ein Nachwort. Es wird einer der letzten Veröffentlichungen Barths zu Lebzeiten, bevor er selbst am 10. Dezember 1968 verstirbt. Ein launig guter Text, in dem Barth seinen eigenen theologischen Werdegang erzählt, sein (respektvolles) Verhältnis zu Schleiermacher beschreibt, seinen bleibenden Widerspruch zu Anthropologisierung der Theologie erläutert und zeigt, dass er bis zu seinem Lebensende die theologische Diskussion aufmerksam verfolgt hat. Ein höchst lesenswertes Nachwort also:

Es kann aufgefallen sein, daß ich mich in der Sache mit Schleierma­cher nicht einig erklärt habe: rebus sic stantibus nämlich, »bis auf wei­teres«, »bessere Belehrung« vorbehalten. Man hört da mit Recht so etwas wie einen Vorbehalt, eine gewisse Unsicherheit. Die Türe ist in der Tat nicht ins Schloß gefallen. Ich bin in der Tat bis auf diesen Tag nicht ein­fach fertig mit ihm. Auch nicht im Blick auf seine Sache. So wie ich ihn bis jetzt verstanden habe, meinte und meine ich einen ganz anderen Weg antreten und gehen zu müssen als den seinigen. Mei­nes Weges und meiner Sache bin ich gewiß. Ich bin aber meiner Sache nicht ebenso gewiß, sofern mein Ja ein Nein der Sache Schleiermachers gegenüber impliziert. Denn: habe ich ihn richtig verstanden? Könnte er nicht viel­leicht anders verstanden werden, so daß ich seine Theologie nicht ableh­nen müßte, sondern mir freudig bewußt sein dürfte, im Grunde mit ihm einig zu gehen?

Ich versuche es im Folgenden viermal je zwei Fragen zu formulieren und zu ventilieren, um meine Verlegenheit kenntlich zu machen. In ihrer dialektischen Beantwortung könnte meine Geschichte mit Schlei­ermacher möglicherweise heute weitergehen.

Erstens: Handelt es sich in Schleiermachers Unternehmen (1) notwen­dig, esoterisch, eigent­lich um eine auf Gottesdienst, Predigt, Unter­richt, Seelsorge ausgerichtete christliche Theolo­gie? Trägt diese nur zu­fällig, exoterisch, uneigentlich das Gewand einer dem Menschen seiner Zeit angepaßten Philosophie? Es ist klar, daß ich dann über die Beja­hung dieses Unterneh­mens — alles Einzelne vorbehalten — jedenfalls mit mir reden lassen müßte. Aber hätte ich es dann richtig verstanden? Ich meinte Schleiermacher bis jetzt nicht so verstehen zu können, mich darum sachlich nicht mit ihm einig zu finden.

Oder handelt es sich bei ihm (2) primär, esoterisch, eigentlich um eine Aristoteles, Kant und Fichte abgewendete, dafür in der Nähe von Plato, Spinoza und Schelling errichtete, zwischen Logos und Ethos ver­mittelnde und ästhetisch beide überhöhende, christlich indifferente Phi­losophie, die sich nur zufällig, exoterisch, uneigentlich in das Gewand einer, der christlichen Theologie gehüllt hätte? Es ist klar, daß ich dann Schleiermacher gegenüber nur eben Distanz nehmen und wahren könn­te. Aber habe ich ihn so richtig verstanden? Und habe ich ihn so nicht [308] richtig verstanden, tue ich dann wohl daran, mich von ihm und seinen Unterneh­men zu distanzieren?

Zweitens: Fühlt, denkt und redet der Mensch in Schleiermachers Theo­logie bzw. Philosophie (1) im Verhältnis zu einem unaufhebbaren An­deren, in Entsprechung zu einem seinem eige­nen Sein, Fühlen, Erken­nen, Wollen und Tun überlegenen Gegenstand, demgegenüber Anbe­tung, Dank, Buße, Bitte konkret möglich, ja geboten sind? Wäre dem so, so würde ich aufhor­chen und freudig bereit sein, mir Weiteres über dieses Andere erzählen zu lassen — in der Hoffnung, mich mit Schleier­macher im Grunde einig zu finden. Aber hätte ich ihn, wenn ich solches bei ihm — etwa in der dunklen Stelle in den »Reden«, wo er eine »Ahn­dung von etwas außer und über der Menschheit« zur Sprache bringt, oder in der jener berühmten späte­ren Definition Gottes als »das Woher des Gefühls schlechthiniger Abhängigkeit« — zu finden meinte, richtig verstanden? Bis jetzt meinte ich ihn anders verstehen zu müssen, mich ihm also nicht anschließen zu können. Geschah und geschieht dies tö­richterweise oder eben doch wohlweislich?

Oder fühlt, denkt und redet der Mensch bei Schleiermacher (2) in und aus einem souveränen Bewußtsein seines eigenen Zugleichseins, ja Einsseins mit allem, was als Gegenstand, als ein von ihm verschiede­nes Anderes oder gar als ein Anderer in Frage kommen könnte? Wäre dem so, dann wäre die Türe zwischen ihm und mir doch ins Schloß ge­fallen, sachliche Kommuni­kation wäre dann unmöglich. Aber habe ich ihn richtig verstanden, wenn ich ihn bisher auf dieser Linie meinte ver­stehen zu sollen? Hätte ich ihn ganz anders zu verstehen, um dann eine sachliche Kommunikation zwischen ihm und mir doch nicht als unmög­lich ansehen zu dür­fen?

Drittens: Fühlt, denkt und redet der Mensch nach Schleiermacher (1) primär im Verhältnis zu einer besonderen, konkreten und also bestimm­ten und bestimmbaren Wirklichkeit und erst von daher, sekundär ver­allgemeinernd, abstrahierend, im Blick auf Wesen und Sinn dessen, wozu er sich in Beziehung findet? Dann wären Schleiermacher und ich sachlich in großer Tie­fe einig. Aber habe ich ihn in diesem Punkt so richtig ver­standen? Wie schön, wie hoff­nungs­voll wäre das! Wie aber, wenn ich ihm dann doch etwas angedichtet hätte, was seiner eigenen Ansicht und Absicht durchaus nicht entspricht, das mit der meinigen durchaus nicht in Kon­kordanz, geschweige in Deckung zu bringen wäre?

Oder geschieht das Fühlen, Denken und Reden des Menschen nach Schleiermacher (2) primär im Verhältnis zu einem allgemeinen, zum vornherein eruierten und festgestellten Wesen und Sinn der Wirklich­keit und erst von daher, nur sekundär in der Aufmerksamkeit auf ihre beson­dere, konkrete, bestimmbare und bestimmte Gestalt? Dann müßte [309] ich freilich sofort Pro­test einlegen. Dann wären Schleiermacher und mei­ne Wenigkeit von Anfang je ganz anders­wo. Aber hätte ich ihn so – ich verstand ihn bis jetzt so — richtig verstanden? Und wenn er anders als so zu verstehen wäre, dann würde mein Protest gegen ihn in der Luft hängen. Ich hätte ihm dann mit einem »Pater, peccavi!« zu begegnen und ihm seine mir zu erteilende Be­lehrung bescheiden abzunehmen. Ach, wenn ich doch in dieser Lage wäre!

Viertens: Ist der den fühlenden, redenden, denkenden Menschen be­wegende Geist, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, (1) ein schlecht­hin partikularer, spezifischer, von allen anderen Geistern ’sich immer wieder unterscheidender, ein ernstlich »heilig« zu nennender Geist? Hätte ich Schleiermacher so richtig, d. h. seiner eigenen Meinung ent­sprechend verstanden, wie sollte ich mich dann nicht — statt mich mit ihm (wie das bekannte blöde Wort lautet) aus-einander-zusetzen — viel­mehr zu weiterer Beratung des Sachverhaltes und seiner Konsequen­zen mit ihm zusammen-setzen können, dürfen, müssen? Aber eben: habe ich ihn so richtig verstanden? Könnte ich dieses Verständnis von Schlei­ermachers Position als gewissenhafter Ausleger verantworten?

Oder ist der nach Schleiermacher die fühlenden, denkenden, redenden Menschen bewegende Geist vielmehr (2) zwar individuell differenziert, aber doch universal wirksam, im Einzelnen aber eine diffuse geistige Dynamis? Dann wären und blieben wir — er, der große, und ich, der Hei­ne Mann — geschiedene Leute. Aber verstehe ich ihn so recht, d. h. kon­genial? Oder belaste ich ihn damit mit einer fremden Meinung? Müßte ich, wenn ich diese Meinung fallen ließe, nicht erkennen und bekennen, daß er und ich doch keine ganz und gar geschiedene Leu­te sind?

Wer meiner Explikation dieser vier mal zwei Fragen besinnlich ge­folgt ist, wird nicht verken­nen: ich hätte ihn jeweils in der ersten Frage liebend gern verstanden und ich hätte ihn jeweils in der zweiten Frage ebenso liebend gern mißverstanden. Ich möchte ja mit Schleiermacher ums Leben gern auch sachlich im Frieden leben. Ich mußte aber in allen vier mal zwei Fragen mit einer Frage schließen! Und das bedeutet, daß ich mit Schleiermacher auf der ganzen Linie sachlich nicht fertig, nicht im reinen bin: nach der positiven Seite nicht und nach der negati­ven auch nicht! Obwohl und indem ich mich, mir selbst und anderen unver­kennbar, auf einem Weg befinde, der deutlich nicht der seinige ist. Ich bin der Sache dieses Mannes gegenüber tatsächlich in einer großen, für mich sehr schmerzlichen Verlegenheit. Und zu deren scharfer Beleuch­tung will ich es nicht unterlassen, noch ein letztes Fragen-Paar laut wer­den zu lassen. Also:

Fünftens: Sind die ganzen vier mal zwei Fragen als solche (1) richtig, d. h. der Intention Schleiermachers entsprechend gestellt? Kann also [310] ihre mögliche Beantwortung genügen zu einer gewichtigen (positiven, negativen oder auch kritischen) Stellungnahme zu der von ihm vertre­tenen Sache? Kann von diesen Fragen her eine sinnvolle sachliche Diskussion der Einzelheiten der Entfaltung seiner Sache stattfinden?

Oder sind alle die hier aufgeworfenen Fragen (2) falsch, d. h. der Intention Schleiermachers nicht entsprechend gestellt? Kann also ihre mögliche Beantwortung zu einer gewichtigen Stellungnahme zu seiner Sache nicht genügen? Kann also von diesen Fragen hier eine sub­stan­tielle, sachliche Diskussion der einzelnen Sätze und Satzzusammenhänge, in denen Schleiermacher seine Sache entfaltet hat, unmöglich stattfin­den?

Mir bleibt als sicherer Trost nur übrig, mich darauf zu freuen, mich mit Schleiermacher im Himmelreich in dessen erst kommender Gestalt über alle diese Fragen — vor allem natürlich über die fünfte — sagen wir einmal: ein paar Jahrhunderte lang ausgiebig zu unterhalten. »Dann werd ich das — mit so viel Anderem, auch das — im Licht erkennen, was ich auf Erden dunkel sah.« Ich stelle mir vor, daß das für beide Teile eine sehr ernste Sache werden wird, daß wir uns aber auch gegenseitig sehr festlich anlachen werden.

Beiläufig — aus dem angegebenen humanistischen Grund in einigem Abstand gesagt: das im Blick auf den »alten Hexenmeister« in escha­tologischer Ferne ins Auge Gefaßte bezieht sich natürlich (mit Einschluß des fünftens und letztlich Gesagten) mutatis mutandis auch auf seine heute Dörfer und Städte unsicher machenden weniger großen Zauberlehrlinge. Ich weiß, was ich im Unterschied auch zu ihnen gewollt habe und will, aber ich gestehe, daß ich mich auch ihnen gegenüber in einer ge­wissen Verlegenheit befinde. Sie meinen es ja sicher, ohne das Format Schleiermachers zu besitzen, in ihrer Weise auch gut. Sollten sie, in den Spuren Schleiermachers wandelnd (in großer humaner Ferne von ihm), mit ihm fallen, so könnten sie doch auch mit ihm stehen. Und von mei­nem eschatologischen Frieden mit Schleiermacher, auf den ich vorhin hindeutete, möchte ich auch sie wahrlich nicht ausgeschlossen haben. Nur, daß ich mir mein »Wiedersehen« mit ihnen nicht ganz so ernst und auch nicht ganz so fröh­lich vorstellen kann wie das mit ihrem Ahnherrn Schleiermacher. In Erwägung des großen Dann und Dort der kommenden Offenbarung auch an gewisse Abstufungen zu denken, dürf­te ja nicht nur erlaubt, sondern auch geboten sein.

Hier der vollständige Text des Barthschen Nachwortes als pdf.

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