„Es ist kein Schimpf, sondern es hat seine besondere Ehre, Politiker oder auch Kirchenpolitiker zu sein. Es ist aber etwas anderes, Theologe zu sein“ – Ernst Wolf über Karl Barths „Politischen Gottesdienst“

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Immer noch lesenswert ist, was Ernst Wolf 1966 aus Anlass des 80. Geburtstags Karl Barths über dessen „politischen Gottesdienst“ in den Blätter für deutsche und internationale Politik geschrieben hatte:

„Barth als Politiker“, das meint in der Tat nicht einen „politisierenden“ Theologen, sondern den Mann, der, gewiß auch auf Grund seiner Herkunft und Erziehung als Schweizer Bürger, d.h. als Bürger überhaupt, politisch lebhaft interessiert ist, dem es als Theologen aber dabei im wesentlichen darum geht, die Kirche unaufhörlich an ihre politische Verantwortung zu erin­nern. Er hat ihr immer wieder zu zeigen versucht, daß ihre politische Verantwortung nicht nur geboten sei, sondern daß sie diese in der Predigt selbst wahrzunehmen habe, nicht, indem nun etwa auf der Kanzel „politisiert“ wird, sondern dadurch, daß die Predigt kein Privatchristen­tum pflegt. Die Predigt darf auf keinen Fall absehen von den politischen Bindungen, in denen die Gemeinde lebt und denen sie verpflichtet ist, und sie muß sich mit der Christengemeinde zusammen bemühen, auf die bedrängenden Fragen der politischen Existenz vom Wort Gottes her Antworten zu gewinnen, die sie gemeinsam mit den Nichtchristen in der Bürgergemeinde vertreten kann. Ein Beispiel für einen solchen Versuch ist heute die sogenannte Ost-Denk­schrift der EKD. Zweifellos auch eine Frucht der von Barth so nachdrücklich gestellten For­derung des „politischen Gottesdienstes“, mag man das auch aus überkommenen Ressenti­ments ihm gegenüber bestreiten wollen. Es geht nicht an, daß die Kirche sich dieser ihrer Verantwortung praktisch dadurch entschlägt, daß sie meint, möglichst „unpolitisch“ predigen und die politischen Dinge durch diejenigen politischen Parteien besorgen lassen zu sollen, in denen sie noch einigen Einfluß ausübt. Karl Barth hat sich andererseits stets darum bemüht, gerade bei dem ihm abgenötigten politischen Handeln die theologische Existenz nicht zu ver­lieren. Von Anbeginn steht ihm das eindeutig vor Augen. Und in jenem so entscheidenden Aufsatz „Theologische Existenz heute!“ (1934) hatte er es auch ausdrücklich gesagt:

„Es ist kein Schimpf, sondern es hat seine besondere Ehre, Politiker oder auch Kirchenpolitiker zu sein. Es ist aber etwas anderes, Theologe zu sein. Es kann immer den Verlust der theologi­schen Existenz bedeuten, wenn ein Theologe Politiker oder Kirchenpolitiker wird. Es scheint heute in ganz besonderer Weise das bedeuten zu wollen. Und dann ist es an der Zeit, dies zu sagen: daß wir unter keinen Umständen unsere theologische Existenz verlieren, unser Erstge­burtsrecht gegen ein Linsengericht vertauschen sollten…“

Nur dann wird der Theologe sein „politisches Wächteramt“ fern von allen klerikalen Tendenzen und schulmeisterlichen Ab­sichten recht wahrnehmen können, so wie es Barth beispielsweise auch gegenüber den Kir­chen im Osten nach 1945, speziell in Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR mit seinen Ratschlägen getan hat, wie und in welcher Weise sie sinnvoll und in echter politischer Verant­wortung die neuen Situationen wirklich „annehmen“ und das heißt positiv bewältigen könn­ten. Eine durch christliche Ideologie oder Anti-Ideologie, also durch bestimmte Zweck­vor­stellungen gelenkte „Politik“ hat daran immer wieder Anstoß genommen und sich geär­gert. Gelegentlich freilich ist ihr hinterher ihre Kurzsichtigkeit doch bewußt geworden. Denn die im abendländischen Kulturkreis seit Jahrhunderten sehr enge Verbindung und Überkreu­zung von Theologie und Politik hat zur unausweichlichen Folge, daß beide in einem stetigen, viel­fach unbewußten Gespräch miteinander bleiben und bleiben müssen. Wer so tut, als habe poli­tisches Handeln nicht im Allerletzten auch ganz entscheidende theologische Hintergründe und Untergründe, sucht seinen eigenen geschichtlichen Bindungen zu entlaufen. Aber wer hier zur Ordnung ruft, wird unausweichlich Widerspruch und Undank ernten. Im kirchlichen wie im weltlichen Lager, etwa bei Barth’s nüchternen Thesen zum „Heimatrecht“. Er muß allen de­nen äußerst unangenehm werden, die ihre „politische“ Existenz in den Bereich nahezu meta­physischer Träume von Staat und Volkstum, Heimat und geschichtlichem Auftrag zur Groß­macht verlagern, die in enthusiastischem Wunschdenken die Härte der Realitäten ver­kennen und die strenge Sachlichkeit des Umgangs mit ihnen überspringen, die „christliche“ Ideale dem schlichten Dienst des Christen am Mitmenschen zu dessen Wohl in Gerechtigkeit, Frie­den und Freiheit vorziehen und dabei das Recht in all seiner irdischen Relativität mehr als Anspruch, denn als immer neue Aufgabe im Munde führen.

Karl Barth mußte der kulturprotestantischen, weithin lutherischen Tradition – auch der eines Friedrich Naumann und der Liberalen –, er mußte einem christlichen Nationalismus und einer kirchlichen Interessenpolitik in Deutschland einfach anstößig werden, denn er hat ihre Tabus angegriffen und zum Teil dann sogar entmachtet. Gerade damit aber hat er dem Christen in der Daseinsgemeinschaft mit Nicht- und Nichtmehr-Christen zu jener dienstbaren Freiheit verholfen, aus der allein echtes politisches Handeln am Gemeinwohl in Partnerschaft, an der salus publica sinnvoll und auch realisierbar ist, sofern es seine reine Weltlichkeit erkennt und bejaht.

Trotz allem Widerspruch und Widerstreben ist mancherlei von dem, was der „Politiker“ Karl Barth gerade als Theologe kritisch und wegweisend, mahnend und ermutigend an Erkennt­nissen und Forderungen anzumelden hatte und immer noch anzumelden weiß, für nicht weni­ge fast zu einer „Selbstverständlichkeit“ geworden. Man sollte darüber aber nicht zu schnell vergessen, wem solche „Selbstverständlichkeit“ zuletzt zu danken ist.

Hier der vollständige Text als pdf.

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