„Der Flücht­ling wird unser eigenes Gericht sein! Was ihm heute geschieht, wird uns morgen geschehen!“ – Hans Joachim Iwands Ansprache „Menschen ohne Heimat“ von 1952

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Kinderspielplatz im Flüchtlingslager Freiburg-Betzenhausen, aufgenommen im März 1953. Foto: Staatsarchiv Freiburg

Es ist gut, wenn wir uns klarmachen, daß es sich nicht nur um ein deutsches Problem handelt. Eine große Völkerbewe­gung erschüttert die Welt, wie sie nur in den Völkerwande­rungen längst vergangener Jahrhunderte ihresgleichen hat. Einige Zahlen geben ein erschreckendes Bild: In China gibt es in den letzten Jahren etwa 50 Millionen heimatloser Men­schen auf der Wanderung, in Indien, seit die Moslems die Teilung durchgesetzt haben, 18 Millionen. Grie­chenland hat 1 Million Flüchtlinge. 840.000 Araber mußten ihre Wohn­sitze verlassen, 50.000 Türken sind aus Bulgarien vertrieben. Diese Flüchtlingszüge bedeuten ein unvorstellbares Maß an Elend. Die meisten träumen von Rückkehr oder von Rück­eroberung als ihrem guten Recht und schüren den Haß gegen diejenigen, die sie vertrieben haben. Dadurch wird unser soziales und geistiges Leben unsicher. Diese Völkerbewe­gung und die ungeheuren Nöte, die damit verbunden sind, haben nicht etwa materielle Voraussetzungen. Im Gegenteil! Sie sind in erster Linie nicht wirtschaftlich, sondern geistig bedingt. Ein neuer Nationalismus und Konfessionalismus sind erwacht, vor allem in den östlichen Räumen. Infolge­dessen werden Fremdstämmige und Andersgläubige als un­erträglich empfunden. In Indien z. B. ging der Teilung eine jahrzehntelange Hetze der Moslems gegen die Hindus voran [92] und umgekehrt. Religiös, weltanschaulich, politisch setzt sich ein Teil vom andern ab, bis die Mehrheit die Minderheit vertreibt und ihr kein Recht auf Menschenwürde mehr zuer­kennt. Eine Land­schaft, ein Volk, eine Gruppe wird uniform wie eine Herde – jedes fremde Tier stört und wird ausgesto­ßen und niedergetrampelt (wie es den Juden bei uns erging). Bestialische Instinkte werden wach. Ein Rückfall in massenmäßiges und instinkthaftes Denken vollzieht sich. Es ist die Zeit, von der es in der Bibel heißt: »Die Liebe erkaltet« [Mt 24,12].

Die Flüchtlingszüge mit ihrem Elend sind also nur die letzten Auswirkungen. Die Ursachen liegen oft weit zurück: darin, daß jahrzehntelang ein politischer und religiöser Kon­fessiona­lismus fanatisch gepredigt wird, der sich dann in die­ser Weise entlädt. Darum gilt es, das Übel an der Wurzel zu bekämpfen, hellhörig zu werden für die geistige Situation. Wenn frühere Geschlechter sich vor allem von Naturkata­strophen abhängig fühlten, so sind wir durch Pres­se, Radio, Technik viel stärker von der Gesellschaft abhängig. Die Ge­sellschaft ist heute der eigentliche Unruheherd. Jetzt stehen der Westen und der Osten einander feindselig gegenüber. Hüben gilt ein völlig anderer Moralkodex als drüben. Was hier Licht heißt, heißt drüben Fin­sternis und umgekehrt. Man kann sich kaum getrauen, zu sagen, daß man dabei nicht mitma­che. Es soll keine Mitte, kein Dazwischentreten, keine Versöhnung, keinen Frieden geben. Und eines Tages kommt es zu einem neuen Ausbruch dieser furchtbaren gei­stigen Hetze. Die Saat muß aufgehen – dann steht uns aufs neue Wanderung und Heimatlosigkeit bevor. Seit der Mensch aufhörte zu wissen, daß seine Heimat im Himmel ist, seitdem er prometheisch die irdische Heimat sich aus­baute mit dem gestohlenen Feuer, ist er hier heimatlos ge­worden. Es ist ein Unterschied zwischen der christlichen Gelassenheit in dem Wissen: »Wir haben hier keine blei­bende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« [Hebr 13,14] – und dem fausti­schen Unbehaustsein, dem Flüchtlingsein. Als wir wußten: wir haben diese irdischen Dinge nur für diese vergehende Zeit, nicht für die Ewigkeit, da hatten wir sie wirklich. Heute diktiert uns die Presse, was wir zu glauben haben. Und der moderne Mensch ist sehr anfällig dafür. Er wagt nicht, sich dagegen aufzulehnen; er läßt sich hineinzwingen in Entscheidungen, die viel­leicht nur Entscheidungen zwischen zwei Verführern sind! Wo das be­ginnt, wird uns unsere Heimat genommen. Alles Spätere ist nur die Folge davon! Es kommt darauf an, daß wir diese Zusammenhänge sehen! Das Schicksal der Juden in Deutschland (für sie hatte sich Deutsch­land in ein Schlacht­haus verwandelt), das Schicksal der aus Polen vertriebenen Polen, das Schicksal der vertriebenen Ostpreußen und Schlesier – alles steht in einem Zusammenhang!

Der heimatlose Mensch ist wie ein Zeichen, daß wir daran erkennen sollen, wohin unser Weg führt. Wir müssen alles daransetzen, den Flugsand zum Stehen zu bringen, damit nicht Europa versteppt wird. Wir nomadisieren – alle Sitte und Ordnung zerbricht. Wir werden Abenteurer, Räuber, Diebe, Ehebrecher. Was heißt heute noch mein und dein? Und zwar ist nicht nur der, der nichts hat, angefochten. Auch unsere Situation, sofern wir nicht zu den Vertriebenen ge­hören, ist von Grund auf dadurch geändert, daß uns der Flüchtling vor die Tür gelegt wird. Der Mensch, der auf der Straße zwischen Jerusalem und Jericho ging, hatte ein gutes Recht, seinen Geschäften nachzugehen – bis er den unter die Räuber Gefallenen sah [vgl. Lk 10,31]. Da war das Vorüber­gehen Sünde. An der Frage der Flüchtlinge hängt für uns alles. Der Prie­ster, der, ohne sich um den Mißhandelten zu kümmern, weitergeht, kommt als ein anderer in Jerusalem an, nämlich als ein von Gott Gerichteter. Ähnlich ist es heute mit dem Bauern, der sich gegen den Flüchtling ver­schließt. Und was soll man dazu sagen, wenn eine Gutsbesit­zertagung mit dem Entschluß endet: »Wir geben keinen Morgen her, solange wir nicht ge­zwungen werden!«?

In einer völligen Verkennung der Lage gilt es heute als Vernachlässigung der eigenen Berufs­pflichten, wenn man sich um die Flüchtlinge kümmert, dafür sind doch die Regie­rungsstellen da! So beruhigte man sich im Dritten Reich: »Ich erfülle meine Pflicht – für das andere (z. B. für das [94] Schicksal der Juden) ist die Regierung verantwortlich«. Und so lebt heute unser Bürgertum in größter Gefahr, die ihm von Gott gestellte Aufgabe nicht zu sehen. Der Flücht­ling wird unser eigenes Gericht sein! Was ihm heute geschieht, wird uns morgen geschehen! Es wird sich an uns erfüllen, was Jesaja den einst so sicher dahinlebenden Frauen von Jerusa­lem zurief: »Bald gibt’s statt der Wohlgerüche Moder­geruch – statt der Schärpe den Strick – statt der Prachtge­wänder den Bettelsack!« (Jes 3,16ff). Die Bibel ist das einzige Buch, das recht behält, alle Parteiprogramme erweisen sich als Lügen.

Ein Beispiel für die Überwindung der Flüchtlingsnot kann uns das kleine Finnland sein. Es hat im Laufe von drei Jahren alle aus Karelien vertriebenen Flüchtlinge unterge­bracht und ihnen Arbeit verschafft. Und heute konnte es die Steuern senken. Die Tat der Liebe hat dem Land geholfen. Finnland ist heute das einzige sichere und nicht-kommuni­stische Land – es ist übrigens auch das einzige wirklich pro­testantische Land.

Das internationale Arbeitsamt hatte einen großzügigen Plan für Auswanderung ausgearbeitet; er wurde gestrichen, weil entgegen den Bestimmungen unter den vielen Staaten sechs kom­munistische beteiligt waren! Das bedeutet: Not und Arbeitslosigkeit werden wachsen und damit die Voraus­setzungen für Diktatur und Zerstreuung. Aber: »Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muß er sterben« [Joh 19,7]. Und das nennen wir christlich und anständiges Denken! So verstockt und verhärtet sind wir!

In der Genfer Flüchtlingskommission versucht man alles, um dem Flüchtlingselend entgegen­zuwirken. Aber ihre Stimme verhallte ungehört; denn die Welt ist von Rüstungs­fieber ge­packt. Amerikaner und Engländer – an der Spitze Elfan Rees[1] – kämpfen für uns – aber wir sind bereit, unseren Verteidigungsbeitrag zu zahlen, ehe wir das Flüchtlingspro­blem in An­griff genommen haben! Muß man nicht sagen: eine westdeutsche Regierung, die Milliarden für Rüstungs­zwecke bewilligt, ohne entsprechende Mittel für die Flücht­linge bereitzustellen, handelt nicht mehr verantwortlich für [95] uns?! Nach dem Bericht des Amerikaners Christian Sonne[2] genügt eine einmalige Zahlung von 12,5 Milliarden, um un­ser ganzes Flüchtlings­problem zu lösen durch Bau von Wohnungen, durch Beschaffung von Bauernstellen, Arbeits­plätzen, Stellen für Heimarbeit, Werkstätten usw. Dieser Plan wurde abgelehnt, weil es un­möglich sei, diese Summe aufzubringen! Und jetzt verpflichten wir uns, jährlich die gleiche Summe für den Verteidigungsbeitrag zu leisten! Die Bischöfe – von zwanzig Kirchen in Westdeutschland waren es neun! – haben sich für einen Wehrbeitrag entschieden – sie hätten das aber nur sagen dürfen, nachdem sie erklärt hätten: zuerst muß Entsprechendes für die Flüchtlinge getan werden! In dem Wort obiger Bischöfe ist dieser Satz unter­blieben. Wenn in Amerika 300 Milliarden für die Rüstung bewilligt sind und 10 Millionen, um Flüchtlingen die Aus­wanderung zu ermöglichen, muß man da nicht sagen: da hat der Teufel die Hand im Spiel? Wohin wird sie sich wenden? Es ist kein karitatives oder bloß soziales Problem, son­dern das politische Problem unserer Tage! Bedenken wir auch, daß die Flüchtlinge vom Aus­land benutzt werden können als Unruheelemente, mit denen man die deutsche Politik diri­giert.

Einige Städte in Deutschland versuchen, das Flüchtlings­problem positiv zu lösen: Espelkamp, Heilsberg bei Frank­furt und das Haus der helfenden Hände in Beienrode. Wenn Ideologien und Prinzipien uns das Wesentliche sind, dann werden wir Menschen ohne Heimat! In diesem gigantischen Ringen der Ideologien kommen wir um. Aber Verheißung hat die Gemeinschaft der Leidenden, die sich mit Jesus Chri­stus verbunden wissen. Da leben wir nicht mehr im Haß, der uns gegeneinander uniformiert, sondern wir fangen an, uns zu verstehen und zu lie­ben und Brücken zu schlagen von Mensch zu Mensch.

Ansprache bei der Eröffnung der volksmissionarischen Woche in Frankfurt/M. am 2. März 1952. Erstmals veröffentlicht in: Bekennende Kirche auf dem Wege 3, 1952 [H. 3, 15. März 1952], Sp. 1-4.

Quelle: Gerard C. den Hertog (Hrsg.), Hans Joachim Iwand – Frieden mit dem Osten. Texte 1933-1959, München 1988, 91-96.

[1] Elfan Rees (geb. 1906 in Brecon/Wales) wurde Direktor of the Refugee Division of the Department of Relief and Reconstruction of the World Council of Churches. In dieser Funktion war er organisatorisch an der ökumen­ischen Flüchtlingstagung in Hamburg im Februar 1949 beteiligt.

[2] Hans Christian Sonne (geb. 1891), amerikanischer Bankier, war Vorsit­zender der ECA, Technical Assistance Commission for the Integration of Refugees into the German Federal Republic, die auf Einladung der BRD-Regierung die Eingliederungsprobleme der Vertriebenen in West-Deutschland untersuchte.

Hier der Text als pdf.

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