„Kritisieren heißt einen Autor besser verstehen als er sich selbst verstanden hat“ (Schlegel) – Warum eine Hermeneutik der Unterstellung als Nachrede ethisch fragwürdig ist

Hermes, Eurydike und Orpheus (Relief in der Villa Albani, Rom)
Hermes, Eurydike und Orpheus (Relief in der Villa Albani, Rom)

In Diskussionen oder Feuilletonartikeln zeigt sich mitunter eine „Hermeneutik der Unterstellung“, wenn wörtlich Gesagtes oder Geschriebenes auf ein vermeintlich Gemeintes hintergangen wird. Diese allegorische Hintersinnigkeit ist ja als divinatorischer Anspruch in Friedrich Schleiermachers Hermeneutik „die Rede zuerst ebensogut und dann besser verstehen als ihr Urheber“[1] bzw. in Friedrich Schlegels Diktum: „Kritisieren heißt einen Autor besser verstehen als er s[ich] selbst verstanden hat“[2] schon angelegt.

Wer dem anderen „tatsächlich Gemeintes“ unterstellt, weiß ihn zu kritisieren, und zwar in einer sinnhaften Weise (sensus moralis), die Gegenargumente und Richtigstellungen nur schwerlich zulässt. Folgenreich ist die „Hermeneutik der Unterstellung“ dann, wenn dabei dem anderen eine bestimmte Gesinnung zugeschrieben wird, die ihn moralisch zu diskreditieren sucht. Wird diese Nachrede in der Öffentlichkeit toleriert oder gar akzeptiert, sieht sich der selbsterklärte Hermeneut in seiner vermeintlichen Deutungshoheit über den anderen bestärkt.

Die Alternative zu einer ethisch fragwürdigen „Hermeneutik der Unterstellung“ ist die eigene Frage an den Anderen: „Was meinst Du damit?“ oder „Könnte das von Dir Gesagte nicht auch in diesem Sinne … verstanden werden?“ Der Angefragte vermag auf solche Fragen selbst Rechenschaft geben. Wird im Gespräch gemeinsam einer Frage nachgegangen, lassen sich Missverständnisse klären. Die „Hermeneutik des Gesprächs“, wie sie Hans-Georg Gadamer entfaltet hat[3], zielt auf das Verstehen über die Verständigung. Da kann es im Gespräch durchaus geschehen, dass sich eine „Hermeneutik des Verdachts“ der Fragenden als zutreffend erweist. Aber das „tatsächlich Gemeinte“ ist dann vom Angefragten selbst zur Sprache gebracht worden.

[1] Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Hermeneutik und Kritik. Mit einem Anhang sprachphilosophischer Texte Schleiermachers hg. v. Manfred Frank, Frankfurt/M. 1977, S. 94.
[2] Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe (KFSA), Bd. 16: Fragmente zur Poesie und Literatur I, hg. v. Ernst Behler, Paderborn u. a. 1981, S. 168, Fragment Nr. 992.
[3] Vgl. Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, GW 1, Tübingen 61990, 387-393. Vgl. dazu Donatella Di Cesare, Das unendliche Gespräch. Sprache als Medium der hermeneutischen Erfahrung (GW 1, 387-441), in: Günter Figal (Hg.), Hans-Georg Gadamer – Wahrheit und Methode, Klassiker Auslegen, Bd. 30, Berlin 2007, 177-198.

Hier mein Text als pdf.

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