„Man kann über Gott sinnvoll so wenig reden wie man über Liebe reden kann“- Rudolf Bultmanns Vortrag „Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?“ von 1925 (vollständiger Text)

Rudolf Bultmann
Rudolf Bultmann (1884-1976)

„Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?“ heißt einer der klassischen Aufsätze Rudolf Bultmanns, der 1925 veröffentlicht wurde. Gleich zu Beginn schreibt Bultmann:

Versteht man unter „von Gott“ reden „über Gott“ reden, so hat solches Reden überhaupt kei­nen Sinn; denn in dem Moment, wo es geschieht, hat es seinen Gegenstand, Gott, verloren. Denn wo über­haupt der Gedanke „Gott“ gedacht ist, besagt er, daß Gott der Allmächtige, d. h. die Alles bestimmende Wirklichkeit sei. Dieser Gedanke ist aber überhaupt nicht gedacht, wenn ich über Gott rede, d. h. wenn ich Gott als ein Objekt des Denkens ansehe, über das ich mich orientieren kann, wenn ich einen Standpunkt einnehme, von dem aus ich neutral zur Gottesfrage stehe, über Gottes Wirk­lichkeit und sein Wesen Erwägungen anstelle, die ich ablehnen oder, wenn sie einleuchtend sind, akzeptieren kann. Wer durch Gründe bewogen wird, Gottes Wirklichkeit zu glauben, der kann sicher sein, daß er von der Wirklichkeit Gottes nichts erfaßt hat; und wer mit Gottesbeweisen etwas über Gottes Wirklichkeit auszusagen meint, disputiert über ein Phantom. Denn jedes „Reden über“ setzt einen Standpunkt außer­halb dessen, worüber geredet wird, voraus. Einen Standpunkt außerhalb Gottes aber kann es nicht geben, und von Gott läßt sich deshalb auch nicht in allgemeinen Sätzen, allge­meinen Wahrheiten reden, die wahr sind ohne Beziehung auf die konkrete existentielle Situation des Redenden.

Man kann über Gott sinnvoll so wenig reden wie man über Liebe reden kann. In der Tat, auch über Liebe kann man nicht reden, es sei denn, daß dies Reden über Liebe selber ein Akt des Liebens wäre. Jedes andere Reden über Liebe ist kein Reden von Liebe, da es sich außerhalb der Liebe stellt. Also eine Psychologie der Liebe würde jedenfalls von allem andern reden als von Liebe. Liebe ist keine Gegebenheit, woraufhin ein Tun und Reden, ein Nichttun oder Nichtreden möglich wäre. Sie besteht nur als eine Bestimmt­heit des Lebens selbst; sie ist nur, indem ich liebe oder geliebt werde, nicht daneben oder dahinter. Ebenso steht es mit dem Verhältnis von Vaterschaft und Kindschaft. Als Naturgegebenheit gesehen — so daß man darüber reden kann — offenbart es gerade nicht sein eigent­liches Wesen, sondern ist der Spezialfall eines bestimmten Naturgeschehens, das sich zwischen Individuen einer Gattung abspielt. Wo das Verhältnis wirklich besteht, ist es nicht von außen zu sehen, d. h. nicht etwas, woraufhin z. B. der Sohn dies oder jenes sich ge­statten oder auch lassen, sich zu die­sem oder jenem verpflichtet fühlen kann. Tritt die Reflexion auf dies „Woraufhin“ in das Ver­hältnis ein, so ist es zerstört. Es ist nur, wo der Vater als Vater, der Sohn als Sohn in seinem Leben bestimmt ist.

Ist das richtig, so würde z. B. der etwaige Atheismus einer Wissenschaft nicht darin bestehen, daß sie die Wirklichkeit Gottes leugnet, sondern sie wäre ebenso atheistisch, wann sie ,sie als Wissenschaft behauptete. Denn in wissenschaftlichen Sätzen, d. h. in allgemeinen Wahrheiten von Gott reden, bedeutet eben, in Sätzen reden, die gerade darin ihren Sinn haben, daß sie all­gemeingültig sind, daß sie von der konkreten Situation des Redenden absehen. Aber gerade indem der Redende das tut, stellt er sich außerhalb der tatsächlichen Wirklichkeit seiner Exi­stenz, mithin außerhalb Got­tes, und redet von allem andern als von Gott.

In diesem Sinne aber von Gott reden, ist nicht nur Irrtum und Wahn, sondern ist Sünde. Lu­ther hat in seiner Genesiserklärung sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, daß Adams Sünde nicht eigentlich die Tat war, mit der er, von der verbotenen Frucht essend, das Gebot übertrat, sondern dies, daß er sich einließ auf die Frage: sollte Gott gesagt haben? das „dispu­tare de deo“, das so sich außer­halb Gottes stellen und den Anspruch Gottes auf den Menschen zum disputablen Problem machen. Denn wollten wir uns dieser Konsequenz ent­ziehen und sagen: dies Disputieren braucht doch nicht schlimm gemeint zu sein; es kann im Gegenteil gut ge­meint sein; es kann ja der Wahrhaftigkeit, dem Verlangen nach Gott ent­sprin­gen, so würden wir wieder zeigen, daß wir den Gedanken Got­tes nicht erfaßt haben. Wir wären in den alten Fehler gefallen und stellten uns die Allmacht Gottes und unsere Bestimmt­heit durch sie wieder als eine Tatsache vor, die als allgemeine Wahrheit faßbar ist, etwa wie die Bestimmt­heit jedes irdischen Objekts durch die Kausalgesetzlichkeit. Aber gerade dann wäre nicht er­faßt, was die Bestimmtheit unserer Existenz durch Gott bedeutet; denn sie be­deutet zugleich den Anspruch Gottes auf uns, sodaß jedes sich stellen außerhalb Gottes eine Verleugnung des Anspruchs Gottes auf uns, also Gottlosigkeit, Sünde wäre. Das wäre nur anders, wenn es eben eine Neutralität Gott gegenüber gäbe. Damit aber wäre der Gedanke Gottes preisgegeben. Adam meint, vor Gott fliehen zu kön­nen; aber durch die Flucht wird Gottes Anspruch nicht getilgt. So wird ein Reden über Gott zur Sünde.

Und es bleibt dabei: Sünde auch dann, wenn es aus ehrlichem Suchen nach Gott hervorgeht. Und daraus wird nur klar, daß wenn wir in einer solchen Situation sind, in der wir ehrlicher­weise über Gott disputieren müssen, wir eben Sünder sind und von uns aus nichts tun können, um aus der Sünde herauszukommen. Denn es würde uns ja gar nichts helfen, wollten wir aus der richtigen Ein­sicht in den Gottesgedanken aufhören mit dem disputare de deo. Denn anders von Gott, nämlich aus Gott, zu reden, können wir uns offenbar nicht vornehmen. Denn als un­ser Unternehmen würde es wiederum Sünde sein, weil es eben unser Unternehmen wäre, in dem der Gedanke an Gottes allmächtiges Walten preisgegeben wäre. Von Gott reden als aus Gott reden kann offenbar nur von Gott selbst gegeben werden.

Hier der vollständige Text als pdf.

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