„und da ahnt die fromme Seele Gott im hehren Vaterland“ – Karl Barths Besinnung „Gott im Vaterland“ zum eidgenössischen Bettag 1910

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Wer nachvollziehen will, welche theologische Radikalisierung sich bei Karl Barth in seinen Safenwiler Jahren (1911-1921) vollzogen hatte, muss dessen Texte zur Kenntnis nehmen, die er 1909/1910 als junger Hilfsprediger (pasteur-suffragant) der Deutschen reformierten Gemeinde Genf verfasst hatte. So schrieb er zum eidgenössischen Bettag am 18. September 1910 im Genfer Gemeinde-Blatt folgenden nationalreligiösen Artikel „Gott im Vaterland“:

Gott im Vaterland (1910)

Von Karl Barth

Wir haben es oft gesungen und singen hören an den Gedenktagen unsres Landes, im kleinen oder großen Kreis, von alten und von jungen Schweizern, in der Heimat oder in der Fremde: Die fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland.

Und der Gedanke ist uns durch’s Herz und die Worte über die Lippen gegangen, wenn wir einsam hinüberblickten zu der Kette von ewigem Schnee, die der Eidgenossen Hort oder Wahrzeichen ist seit ältesten Tagen, oder wenn wir hinaussahen von den Zinnen jenes Walles auf das nahe und ferne Land, auf die Hügelzüge, die Wälder und Dörfer, die uns grüßten mit all der Lieblichkeit und all dem Reichtum, den wir in ihnen verborgen wußten. Die Farben Rot und Weiß flattern im Winde, die Berge, Täler und Seen der Heimat tauchen in deutliche­ren Umrissen auf aus den geheimnisvollen Nebeln des herbstlichen Sommermorgens, und da ahnt die fromme Seele Gott im hehren Vaterland.

Aber das ist ein großer Gedanke, der größte, der über das Vaterland gedacht werden kann. Und es ist das Schicksal gerade der großen und größten Gedanken, daß sie zu oft und zu leicht gedacht und ausgesprochen [140] werden und dann zu abgeschliffener Scheidemünze zu wer­den scheinen. So ist der Gedanke «Gott im Vaterland» im Munde mancher Schweizer zur Scheidemünze und Phrase geworden, und viele Aufrichtige wollen nichts mehr davon wissen. Es ist auch manchem, was in der Bibel zu lesen und in der Kirche zu hören ist, ähnlich ergan­gen. Aber ich meine, der gedankenlose Mißbrauch soll uns weder hier noch dort den Ge­brauch verleiden.

«Gott im Vaterland», wenn wir davon singen und sagen, so sprechen wir die einfache Gewiß­heit aus, daß wir unser Volk und Land mit seinen Nöten und Hoffnungen dem Ewigen, All­mächtigen befohlen wissen, der alles Daseins Grund und Wesen ist und der uns in Jesus sei­nen Willen und seine Liebe kundgetan hat. Wenn wir die Worte «Gott» und «Vaterland» nebeneinander stellen, dann bedeutet das, daß wir all unsere Gedanken und Gefühle, all die Regungen guten Willens, die wir unserer Heimat, unserem Staat widmen, in Beziehung und Verbindung setzen wollen mit der verborgenen Tatsache, die unserm innern Lebensgrund Trost im Leben und im Sterben geworden ist. Es ist Gott nicht gleichgültig, ob wir gute Schweizer sind oder das Gegenteil. Und wenn wir in unserm kleinen Ort in der Welt Gott anrufen im Geist und mit den Worten Jesu: Dein Reich komme! [Mt. 6,10 par.], dann beten, glauben und wollen wir normalerweise zunächst, daß Gottes Reich komme in den 22 Kanto­nen der Eidgenossenschaft. Gewiß auch und ebensosehr in Deutschland und Frankreich und auf den Südseeinseln. Aber hier, im Vaterland sind die starken Wurzeln unserer Kraft, hier hat Gott gerade uns hingestellt, hier sind die Lebenskreise, in denen gerade wir den Glauben, die Liebe und die Hoffnung betätigen und bewähren sollen und dürfen. Gar manches Herz ver­schwebt im Allgemeinen, Doch widmet sich das edelste dem Einen.

Gott im Vaterland, d.h. Gottes Gabe und Gottes Aufgabe in dem Land, das unser Heimatland ist, und unter den Brüdern, die mit uns [141] verbunden sind durch das Band des gemeinsa­men Staates. Nicht engherzig und ausschließlich wird das Christentum unter dieser Devise — das gerade Gegenteil —, wohl aber praktisch und bestimmt, und das ist schließlich Alles. Wenn einer ein international denkender Christ gewesen ist, so war es unser Calvin. Aber er hat den Staat Gottes nicht überall und nirgends gesucht und angestrebt, sondern zunächst ganz schlicht und bestimmt da, wo Gott ihn hingestellt, nämlich in der Republik Genf. Das soll uns zu denken geben. — Aber ebenso kann es keine wahre Vaterlandsliebe geben, die nicht in dem Grunde der Ewigkeit verankert wäre, die nicht von daher Lebendigkeit, Zielstrebigkeit, Fruchtbarkeit empfinge. Ohne das innere Leben in Gott, dem das Vergängliche Sinnbild und Mittel wird zum Unvergänglichen, ohne den Glauben, der dem Leben Sinn und Inhalt gibt, ist die Vaterlandsliebe ein roher und unklarer Naturtrieb, eine feinere Sorte Egoismus. Was sich Vaterlandsliebe nennt, ist dann in Wirklichkeit gemeinsamer Rasseninstinkt oder gemeinsa­mes Geschäftsinteresse. Das Übrige ist Draperie, und wir werden nicht bestreiten wollen, daß sie auch rot und weiß sein kann. Besser werden die Menschen dadurch nicht, sie bleiben, was sie sind: Deutsche, Franzosen, Schweizer und Arbeiter, Krämer, Fabrikanten — nein, sie wer­den schlechter; denn das heißt schlechter, wenn man das, was man ist, noch drapieren will. Darum Gott im Vaterland. Und das bedeutet, daß wir das, was wir sind und geworden sind, unsere nationale und staatliche Eigenart, unsere politischen und kommerziellen Einrichtungen und Interessen entgegennehmen sollen aus der Hand der ewigen Güte, die gerade uns gerade all das gegeben hat, damit gerade wir an unserer Stelle bessere, unseres Namens würdigere Menschen würden. Wenn uns das Vaterland und seine besonderen geistigen und materiellen Güter nicht ein fauler Besitz ist, auf dem wir es uns wohl sein lassen, sondern Mittel zum höheren Zweck, das zu werden, was wir noch nicht sind, das ist die wahre Vaterlandsliebe. Solche Ewigkeitsrichtung und Ewigkeitskraft empfängt sie vom Gottesglauben.

Damit ist es aber bereits ausgesprochen, daß dies «Gott im Vaterland» nicht eine festliche Parole neben andern sein kann. Wenn die Religion eines Volkes zur schönen Feierlichkeit wurde, dann war es immer das Zeichen, daß sie aufhörte, Religion zu sein, und Gott hat ihm dann wohl zu verstehen geben müssen, daß er davon nichts wissen wolle. [142] Das Volk Israel hat hier seine Erfahrungen gemacht, und sie bleiben vorbildlich. Gott bewahre uns vor der Eidgenossen-Religion der Schützenfeste! «Möge vielmehr Recht sprudeln wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nimmer versiegender Bach» (Amos 5,24). Damit erhält das «Gott im Vaterland» erst Wert und Sinn und Bestimmtheit innerhalb eines christlichen Volkes. Es wird dann aus einer Stimmung und Ahnung der frommen Seele zum bewußten Gedanken und Will­lensentschluß, und Gedanke und Entschluß heißen dann Recht und Gerechtigkeit. Es wird der Ruf zur Buße, zur Umkehr, zur sozialen Erneuerung. Hier kommt jener Zusammenhang zum Ausdruck zwischen rechter Religion und rechtem Patriotismus. Die Religion der Selbst­beschaulichkeit und Feierlichkeit wird zur Religion des innern Vorwärtsschreitens, und der Patriotismus des Schützenfestes wird zum Patriotismus der sozialen Arbeit. Mit dem Worte «sozial» ist das Feld abgesteckt, auf dem der seine patriotische Aufgabe zu suchen hat, der Ernst macht mit dem «Gott im Vaterland». Denn nicht auf den engen modernen Sinn der Klassenfrage ist jenes Wort einzuschränken, sondern es umfaßt ohne Ausnahme alles das, was Jesus als die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt [vgl. Röm. 1,17; 3,21.25-26; 10,3; 2. Kor. 5,21], unter den Menschen gelehrt und gelebt hat. Sozial denken und wollen heißt: sich grundsätz­lich abwenden von der Beschränktheit des gröbern und feinern Egoismus, heißt: seine Gedan­ken und Entschlüsse bis in die feinsten Regungen unseres Innern so dirigieren lernen, daß unsere Motive jederzeit die Würde in Anspruch nehmen können, maßgebend zu sein für alle Andern, daß wir also bei Allem, was wir denken und wollen, aufrichtig wünschen können, so möchte jedermann denken und wollen. «Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch, das ist das Gesetz und die Propheten» [Mt. 7,12]. So ist «gerecht» und «sozial» eins und dasselbe. So wird der Gottesglaube im Patriotismus zur schlichten prakti­schen Aufgabe des guten Willens, die jeder gerade an der Stelle aufnehmen kann und soll, wo er im Leben hingestellt ist. Und so wird das «Gott im Vaterland» zur Predigt der Buße, d.h. der Umkehr und des Neuanfangs. [143]

Aber unsere Gedanken dürfen noch weiter gehen. Wo der lebendige Glaube lebendige Vater­landsliebe geworden ist, wo Gottes Aufgabe erfaßt und verstanden ist, da lebt im innern Grun­de des Menschen die Gewißheit: Gott wirkt. Gott ist an der Arbeit. Sein Werk vollzieht sich unaufhaltsam, durch uns, mit uns, ohne uns, manchmal auch trotz uns. Er spricht: Es werde Licht! und es wird Licht [vgl. Gen. 1,3f.]. Und das ist schließlich das Beste in der Welt, diese Gewißheit, daß er es besser kann als wir. Ein alter politischer Sinnspruch ist mir immer recht tröstlich und stärkend gewesen: Hominum confusione et Dei providentia Helvetia regitur. Das heißt in freier Übersetzung: Der Menschen Unverstand und Gottes Vorsehung machen die Schweizergeschichte. Gottlob, daß die fromme Seele das nicht nur ahnt, sondern weiß, daß Gottes Vorsehung unsern Unverstand unter den Mantel nimmt, daß nicht nur unser bißchen besseres Wollen und Streben, sondern auch unsere Dummheit und Bosheit Instrumente sind der ewigen Weisheit, daß Gott mit gewaltiger Hand im Regimente sitzt, jenseits unseres guten Willens und jenseits auch unserer Torheiten. Es wäre übel um uns bestellt, wenn wir unsere vaterländischen Hoffnungen auf das Bißchen sozialer Vernunft, das wir haben, setzen würden, auf die erreichte Kultur, auf unsere politischen und ökonomischen Einrichtungen oder gar auf unsere Eisenbahnen oder auf die neue Militärorganisation. Man braucht noch kein Pessimist zu sein, um in dem Allem mehr Schatten als Licht zu sehen. Aber der Glaube befiehlt auch die eigenen Schatten und die Schatten in und über dem Vaterland Gott an, der der Vater der Lich­ter und in dem keine Finsternis ist (1. Joh. 1,5; Jak. 1,17).

Ihn wirken lassen, das sei unsere vaterländische Aufgabe und unsere vaterländische Hoffnung. Er macht die Schweizergeschichte. Und das [144] soll die Lektion sein, die wir am eidgenös­sischen Bettag überdenken wollen.

Quelle: Karl Barth Gesamtausgabe, Vorträge und kleinere Arbeiten 1909-1914 (GA III.22), hrsg. v. Hans-Anton Drewes & Hinrich Stoevesandt, Zürich: TVZ 1993, S. 139-144.

Hier der Text als pdf.

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