„Wir sind die Entronnenen, ‚wir sind noch einmal davongekommen'“ – Karl Barths Rede zum Volkstrauertag 1954

Bundesarchiv_B_145_Bild-F019313-0033,_Bonn,_Kranzniederlegung_zum_Volkstrauertag_retouched
Kranzniederlegung am Volkstrauertag 1964 in Bonn (Bundesarchiv, B 145 Bild-F019313-0033 / Steiner, Egon / CC-BY-SA 3.0)

Als Karl Barth 1954 von der hessischen Landesregierung  eingeladen worden war, im Rahmen eines Staatsaktes eine Rede zum Volkstrauertag zu halten, war dies eine politische Ansage. Da zeigt sich Barth durchaus sensibel für das Kriegsleiden der deutschen Bevölkerung, benennt scharfsinnig den Nationalsozialismus und dessen Rückhalt in der Bevölkerung als Urheber des Krieges und der millionenfachen Vernichtung von Juden, um dann sich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands zu wenden. Die Rede erwies sich als politischer Skandal, so dass die hessische Landesregierung sich nachträglich von ihr distanzierte. Hier ein Auszug aus der Rede:

Es ging aber auch um den Nationalsozialismus, von dem ja nicht nur das zu sagen ist, daß er nach dem Krieg gerufen, ihn in Bewegung gesetzt und bis zum bitteren Ende in Bewegung erhalten hat. Als Revolution hat er sich selbst von Anfang an bekannt und handgreiflich genug eingeführt. Nein, er war als solche nicht legitimiert: auch nicht durch das Schlimmste, was man als Erinnerung an die fatalen Folgen jenes früheren Friedens nennen könnte. Und er unterschied sich, wieder schon von seinem Anfang her, dadurch von allen anderen Revolutio­nen der neueren Weltgeschichte, daß er an der Stelle alles vorher geltenden Rechtes, aller vorher hochgehaltenen Werte nicht ein neues Recht und neue Werte, sondern ein Vaku­um schuf, in welchem sich die Dynamik der Willkür jenes Einzigen und seiner Gesellen aus­leben wollte und ausgelebt hat. Er war die Revolution des Ungeistes, der Menschenverach­tung, des Nihilismus. Er mußte zum Kriege führen. Er hätte aber Deutschland und Europa in einen unvorstellbaren Abgrund gestürzt, auch wenn er sich ohne Krieg durchgesetzt hätte. Es geschah — ich kann nur die Tatsachen aneinanderreihen —, daß jene Dynamik der Willkür sofort zur Epidemie wurde, daß dem Einen und seinen Wenigen alsbald Tausende von kleinen Nihilisten als schlagfertige Kampftruppe zur Seite traten. Es geschah, daß nicht nur die soge­nannten Massen weich wurden, daß vielmehr auch das Gefüge des Staates, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Armee, die Mächte der Kultur und leider weithin auch die des Glaubens dem Ausbruch des Chaos gegenüber nicht nur keine wirksame Widerstandskraft, sondern, aufs Ganze gesehen, eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an den Tag legten. Es geschah, daß so viele, nicht nur böswillige oder schlechte Menschen, und auch nicht nur solche, die um ihre Existenz und die ihrer Familien zitterten, sondern (das war es ja!) gerade so viele anstän­dige und wohlmeinende, auch intellektuell hochbegabte und hochgebildete Zeitgenossen den Ausbruch des Chaos nicht als solchen erkannten, ihm vielmehr mit allen möglichen plausiblen Gründen gute Seiten abzugewinnen, in ihm den Anbruch einer neuen besseren Welt zu ent­decken wußten. Es geschah (das war es ja!), daß da ein ganzes, fast unerschöpfliches Kapital von herzlichstem Hoffen und Vertrauen, von echter Begeisterung, von aufrichtig gutem Wil­len, von treuer, selbstloser Hingabe investiert wurde, ohne das der Nationalsozialismus auch mit den Mitteln seines Terrors niemals so groß und mächtig hätte werden können, wie er es geworden ist. […]

Und nun auch hier die Opfer. Suchen Sie es zu verstehen, wenn ich als Christ und Theologe die sechs Millionen europäischer Juden, denen der Nationalsozialismus das Leben gekostet hat, an erster Stelle nenne. Die Zahl ist gerade dreimal so groß wie die der im Krieg gefalle­nen Soldaten. Ich nenne aber diese getöteten Juden darum zuerst, weil die eigentliche Finster­nis der Sache, ihr Charakter als Auflehnung gegen die göttliche Ordnung, die die Vorausset­zung aller menschlichen Beziehungen, alles Friedens auf Erden ist, nirgends so deutlich wur­de wie in der nationalsozialistischen Todfeindschaft gegen das Volk der Offenbarung und des Bundes, das Volk des Alten Testamentes, das Volk, dessen Sohn und Herr Jesus Christus heißt. Unwissend wußten die Nationalsozialisten sehr wohl, was sie wollten, wenn sie gerade diese ausrotten wollten! Allen ihren anderen Unmenschlichkeiten war von hier aus freie Bahn gegeben. Es folgte der Opferung dieser Menschen das Quälen und Töten all der anderen: in den Gestapokellern und Konzentrationslagern, am 30. Juni 1934 und nach dem 20. Juli 1944 hier in Deutschland, im Kriege draußen in den besetzten Ländern, das ganze blutige Walten jener legalen und illegalen Justiz, die so oder so keine Justiz war noch sein konnte. Wie viele sind fast zufällig, kaum oder gar nicht wissend, wie ihnen geschah, unter diese Räder gekom­men! Zu den Opfern des Nationalsozialismus gehören ja, um nur ein großes Beispiel zu nen­nen, auch die Zehntausende von Schwachen und Kranken, die damals im Namen eines barba­rischen Begriffs von Volksgesundheit offen oder heimlich gemordet worden sind. […]

Wir halten inne. Das waren jene Ereignisse und ihre Opfer. Was aber heißt das: ihrer geden­ken, wie es der Sinn dieser Feier ist, bei der doch offenbar gemeint sein muß, daß dieses Gedenken nicht nur Sache einer Feier sein, sondern uns auch sonst begleiten und bestimmen sollte?

Muß Gedenken nicht vor allem schlicht und einfach heißen: jene Ereignisse und ihre Opfer im Gedanken und vor Augen haben, sie nicht vergessen — nicht etwa vergessen wollen! — son­dern, koste es, was es wolle, mit ihnen leben?

Jene Ereignisse zuerst. Es dürfte doch wohl nicht angehen, mit einem „Strich drunter!” oder „Schwamm drüber!” damit fertig werden, darüber zu den Traktanden übergehen zu wollen, daß sich das alles unter uns zugetragen hat: in unserer Zeit, für deren Geschichte wir verant­wortlich sind, für deren Hinterlassenschaft die Nachfahren uns haftbar machen werden — vor unseren Augen und Ohren nicht nur, sondern nicht ohne aktive oder passive Mitwirkung eines jeden von uns, die in ihrer schlimmsten Form vielleicht gerade darin bestand, daß man sich an einem vorsichtigen Zuschauen und geistreichen Betrachten genügen ließ. Wir waren dabei, als die Völker des Abendlandes zu diesem unsinnigsten und schrecklichsten aller Kriege aufbra­chen. Wir waren auch unter denen, die ihn jedenfalls nicht verhindern konnten. Und wir haben in ihm nicht nur mitgelitten, sondern — wir mochten beste Gründe dazu haben — in der einen oder anderen Weise auch mitgetan. Wir waren aber auch dabei, als es vorher zu jenem erschütternden Abstieg in den Nationalsozialismus kam: aus einer immerhin entwick­lungsfähigen Demokratie hinab in das Reich einer unkontrollierten Gewaltherrschaft, die in der deutschen Geschichte, so weit ich sehe, nur in dem vier Jahrhunderte zuvor in Münster aufgerichteten Königreich des Jan Bockelson aus Leiden eine Parallele hatte — aus der Welt einer immerhin leidlich bürgerlichen oder sozialistischen oder auch christlichen Moral hinab in die Auflösung aller Normen und Werte — aus einer vielleicht reichlich epigonenhaften, aber immerhin ernst gemeinten Nachfolge und Verehrung Luthers und Goethes hinab zum „Heil Hitler!”. Wir haben dieses ganze Absteigen vielleicht nicht gerne gesehen und in unse­rem Herzen auch nicht mitgemacht, im vertrauten Kreis wohl auch beklagt und verurteilt. Wir waren aber auch da dabei, haben uns daran gewöhnt und darauf eingerichtet, daß es stattfand. Wir haben faktisch auch das nicht verhindert. Wer aber bei solchem Geschehen wie dem des Krieges und des Nationalsozialismus dabei war, der konnte und kann heute nicht so tun, als ob er nicht dabei gewesen wäre. Wir können uns selbst nicht vergessen. Wir waren auch ge­stern, als wir bei jenen Ereignissen dabei waren, wir selbst; sollte es uns geboten sein, heute anders wir selbst zu sein als gestern, dann sollten wir nicht vergessen, was wir selbst gestern waren. Wer nämlich seine Vergangenheit nicht wahrhaben will, der sehe zu, daß sie nicht so, wie sie war und vielleicht schlimmer als so, in anderer Gestalt, aber wieder in Form eines Dabeiseins, seine neue Gegenwart werde!

Und es geht fast noch weniger an, die Opfer des Krieges und des Nationalsozialismus verges­sen zu wollen. Es ist wahr: Wir sind die Entronnenen, „wir sind noch einmal davongekom­men”. Das heißt aber nicht, daß wir auf den Gräbern jener Geopferten essen und trinken, philosophieren und politisieren und tanzen könnten, „als wäre nichts geschehen”. Sie waren, ob wir sie kannten und schätzten oder nicht, unsere Nächsten, unsere menschlichen Brüder und Schwestern. Sie waren ein Stück von uns und sind es noch. Sie sind in der damals auch von uns zu verantwortenden Sache gefallen. Und so haben sie uns allerlei zu fragen — die Opfer des Krieges: Für was sie nun eigentlich gefallen, umgekommen seien und irgendwo da draußen oder im tiefen Meer versenkt wurden oder verkrüppelt oder krank noch in unserer Mitte leiden? — die Opfer des Nationalsozialismus alle: Wo wir waren, als sie gemordet wur­den? Was wir dazu getan haben, daß es so weit nicht hätte kommen müssen? — und unter ihnen im besonderen die Opfer der Widerstandsbewegung: Ob es mit rechten Dingen zuging, als wir entrannen? Warum wir nicht auch ihren Weg haben gehen müssen? Warum wir eigentlich nicht auch widerstanden haben? Sie selber sind in Gottes Hand, der nicht nur die Großen, sondern auch die Geringsten unter ihnen, ihre Meinung, ihr Wollen und Leiden ge­kannt hat und noch kennt, nicht vergessen hat noch vergessen wird. Aber eben darum wäre es schlechterdings unwürdig, wenn wir sie vergessen, ihren Fragen nicht standhalten wollten. Es wäre das auch unmöglich: Wir können ihnen nicht ausweichen.

Hier der vollständige Text der Rede als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s