„Ihr könntet mir sagen, ich sei ein allzu einsamer Mann gewesen, ich sei zu wenig in die Häuser und unter die Leute gegangen …“ Karl Barths Abschiedspredigt vom 9. Oktober 1921 in Safenwil über 1. Petrus 1,24-25

Postkarte mit Pfarrhaus Safenwil
Postkarte von Safenwil mit Pfarrhaus, von Karl Barth nach seinem Einzug am 3. Juli 1911 mit handschriftlichem Vermerk „Ex oriente lux!“ (Aus dem Osten kommt das Licht!) an seinen Bruder Peter in Hamburg geschickt

Das war’s. Karl Barths gottesdienstlicher Abschied als Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde in Safenwil stand für Sonntag, den 9. Oktober 1921 an. Nachdem er den Ruf als Honorarprofessor auf einen mit Hilfe von amerikanischen Presbyterianern eingerichteten Lehrstuhl für reformierte Theologie in Göttingen angenommen hatte und damit sein Abschied feststand, erschien in der «Neue Aargauer Zeitung» vom 11. August 1921 ein „Korrespondenz“-Artikel, in dem es über Barth und die Safenwiler hieß: „Die Kirchgenossen verstanden ihn nicht und er verstand sie nicht.“ So schrieb Barth wohl am Vorabend des Abschieds an seinen Freund Eduard Thurneysen folgende Zeilen:

„Von einem ergreifenden Abschied wird keine Rede sein, die Safenwiler zeigen mit verschwindenden Ausnahmen nur das eine Begehren, nun bald ihre Ruhe wieder zu bekommen. Die Erinnerung an Matth. 10,14 liegt auch ohne religiösen Übermut nicht ganz ferne, und es ist nicht ausgeschlossen, dass ich das am Sonntag ausdrücklich sage, während im Hintergrund der ›Sau-Schiesset‹ [das alljährliche Sau-Schießen] fröhlich seinen Fortgang nimmt. Der freie Schiessverein, der sich das leistet, rekrutiert sich N.B. nicht etwa aus den Herren, sondern aus den Arbeitern.“

Und dann predigt Barth am folgenden Tag über 1Petrus 1,24-25 und bespricht dabei das Verhältnis von Gemeinde und Prediger auf Gottes Wort hin: „Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit.“ Im Anschluss daran lässt Barth – wohl als Abrechnung – von der Gemeinde Tersteegens «Kommt, Brüder, lasst uns gehen» (EG 393,1.2.6) singen.

Ich habe mich zehn Jahre lang bemüht, euch das Wort Gottes zu verkündigen, so gut ich es in immer erneutem Überlegen vor allem der Ge­danken der Bibel zu verstehen meinte. Ich wollte euch Sonntag für Sonntag die Augen öffnen für die Tatsache, dass das menschliche Leben nicht so einfach ist, wie wir es uns zu machen pflegen, und auch wieder unendlich viel einfacher, als wir es uns machen – wenn wir es näm­lich von Gott aus betrachten. Ich wollte euch zurufen, dass Gott lebt, dass es eine richtende und versöhnende Wahrheit gibt über uns allen, dass es eine Hoffnung gibt in unserer Verlegenheit, eine Vergebung für unsere Sünde, eine Erlösung aus unserer Not, ein Leben im Tode. Ich wollte euch auffordern, euch in Furcht und Zittern aus grosser Liebe mit mir zu beugen vor diesem Gott, ihm die Ehre zu geben und euch durch die Wahrheit frei machen zu lassen. Aber nicht wahr, da könntet ihr mir nun antworten: Ja, das magst du wohl gewollt haben, aber bei diesem ganzen Willen bist auch du ein Mensch gewe­sen, und wo tritt uns das Menschliche störender in den Weg als bei einem Pfarrer, bei einem Men­schen, der das Wort Gottes reden will? Ihr könntet mich fragen, woher ich denn eigent­lich mehr denn irgend ein Mensch das Recht nahm, Anderen das Wort Gottes zu verkündigen mit dem Anspruch, dass man gerade auf ihn hören müsse. Ihr könntet mich fragen, ob ich nicht wisse, wie oft ich an dieser Stelle durchaus nicht Gottes Wort, sondern mein eigenes Wort geredet habe, ob ich etwa meine, auch nur ein einziges Mal wirklich rein und lauter Gottes Wort verkündigt zu haben. Ihr könntet mich fragen, ob denn mein Leben etwa dem, was ich als Gottes Wort verkündigte, entsprochen oder ob ich nicht vielmehr durch meine Person das Göttliche, das ich vertreten wollte, völlig verleugnet und zugedeckt habe. Was wollte ich auf das alles antworten? Ich könnte kein Wort darauf antworten. Ich könnte nur antworten: Ja, da haben wir’s. Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Men­schen wie des Grases Blume. Alles Menschenwerk ist eben Menschenwerk und das eines Pfarrers mehr als alles andere. Und wenn wir alles getan hätten, was wir zu tun schuldig sind (wir haben es aber nicht getan), so können wir nur sprechen: Wir sind unnütze Knechte!

Und nun könnten wir ja auch die Gegenrechnung aufstellen, und ich könnte euch fragen: Was habt denn ihr, liebe Safenwiler, in diesen zehn Jahren gewollt und getan? Und wenn ihr mir dann antworten würdet: Wir suchten bei dir Erbauung und Belehrung und Wegweisung! Wir wollten an dir einen Seelsorger haben! Wir wollten uns durch dich erinnern lassen daran, dass es etwas ganz Anderes gibt über den Sorgen und Sünden unseres Alltags, über der Welt des Todes, in der wir alle gefangen liegen, ja, wir wollten von dir von Gott hören, denn zu Gott hin sind wir geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis dass es ruht in ihm! – so könnte ich euch antworten: Ja, ist’s denn wahr, dass ihr das wolltet? Wann und wie habt ihr es mich denn merken lassen, dass ihr das wolltet? Habt ihr denn wirklich etwas gesucht bei mir, oder seid ihr mir nicht immer wieder gegenübergetreten als Leute, die nichts von mir erwarte­ten, als dass ich ihnen bestätigen sollte, was sie selber ohnehin wussten und dachten? Wolltet ihr denn wirklich etwas Anderes von mir hören, oder seid ihr nicht gerade dann am meisten vor mir zurückgewichen, habt ihr mich nicht gerade dann am meisten allein gelassen, wenn ich mich am meisten bemühte, euch wirklich von dem Anderen zu reden, das in der Bibel zu uns Menschen reden will? Wolltet ihr denn wirklich von Gott hören durch mich, oder wisst ihr nicht, dass ihr mir bis in die letzten Wochen den Eindruck gemacht habt, dass ihr wohl irgend etwas Schönes, aber von Gott lieber nichts hören möchtet, dass ich in diesen zehn Jah­ren oft auf den bitteren Gedanken kommen musste: Ja, wenn ich euch irgend ein frommes, moralisches, patriotisches, sentimentales Geschwätz vorbringen, wenn ich euch vom Frieden reden würde, von dem ihr so gern hört, beileibe nicht vom Frieden Gottes, sondern vom Frie­den in Safenwil, dann, ja dann wäre ich euer Mann gewesen. Wunderbar, wunderbar!, hättet ihr dann gerufen, und als ein allgemein beliebter und verehrter Pfarrer könnte ich dann heute den Schauplatz verlassen. Könnte ich euch nicht so antworten, und hätte ich nicht auch Recht mit dieser meiner Gegenrechnung? Und kommt dann nicht auch ihr unter das Gericht des Wortes: Alles Fleisch ist wie Gras! Menschenwerk ist auch das, was ihr in diesen zehn Jahren getan und nicht getan habt. Und wenn ich selbst ein besseres Gewissen hätte, so dürfte und müsste ich heute von euch scheiden mit dem Gedanken an jene Anweisung, die Jesus seinen Jüngern gegeben hat: Wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus aus demselben Hause oder Stadt und schüttelt den Staub von euren Füssen!

Quelle: Karl Barth Gesamtausgabe: Predigten 1921 (GA I.44), hrsg. v. Hans-Anton Drewes, Zürich: TVZ 2007, S. 190-196.

Hier die vollständige Predigt als pdf.

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