„Was Israel zum Licht der Völker macht ist nicht die eigene Wirklichkeit, sondern die göttliche Treue“ – Predigt über Jesaja 49,1-6

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Synagoge und Kirche im Dialog. Die Skulptur „Synagoga and Ecclesia in Our Time“ von Joshua Koffman, 2015

Jes 49,1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. 2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher ver­wahrt. 3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. 4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.

5 Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –, 6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

„Hört mir zu, ihr Inseln – Zypern, Australien, Indonesien–, und ihr Völker in der Ferne –Inder, Chinesen, Deutsche –, merkt auf!“ Eine prophetische Stimme lässt aufhorchen. Israel kommt zu Wort, mit einem göttlichen Anspruch an die Völker: „Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. […] Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.“ So sollen die anderen Völker, ja die ganze Weltbevölkerung zu diesem Volk aufschauen, wie zu einem Leuchtturm, um vom Schein göttlicher Herrlichkeit erfasst zu werden. Israel, auserwählt und berufen bist du als Volk des HERRN. Großes hat der HERR Gott für dich vorgesehen.

Anspruch weckt Widerspruch: Was bildet sich dieses kleine Volk in der Levante bloß ein, warum beansprucht es in der Weltgeschichte eine Sonderrolle? Zwischen altorientalischen Großreichen – Assyrien, Babylon und Ägypten – fast zerrieben, warum sollte gerade Israel das auserwählte Volk sein, das dem HERRN, dem ewigen Gott, „der die Enden der Erde geschaffen hat“ (Jes 40,28), allein zugehörig ist?

Prophetische Worte aus der Bibel scheinen mitunter fragwürdig zu sein. So lasst uns die richtige Frage stellen:

Wer ist Israel bzw. wer gehört zu Israel?

Ganz aktuell ist diese Frage, lässt gegenwärtig Menschen in einem Staat namens „Israel“ protestieren. Am 19. Juli dieses Jahres hat das israelische Parlament mehrheitlich ein Grund­gesetz verabschiedet, dessen drei Grundsätze wie folgt lauten:

  1. Das Land Israel ist das historische Heimatland des jüdischen Volkes, in dem der Staat Israel errichtet wurde.
  2. Der Staat Israel ist die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes, in dem es sein natürliches, kulturelles, religiöses und historisches Recht zur Selbstbestimmung wahrnimmt.
  3. Das Recht zur Wahrnehmung nationaler Selbstbestimmung in Israel ist allein dem jüdischen Volk vorbehalten.

Obwohl der Staat Israel vor 70 Jahren am 14. Mai 1948 unter dem Anspruch eines jüdischen Nationalstaates gegründet worden ist, ist er erst jetzt per Gesetz als solcher definiert worden.

Die Verabschiedung dieses Grundgesetz hat zu heftigen Protesten bei Arabisch sprechenden Israelis geführt. Ein Viertel der Staatsbevölkerung Israels kann sich von Geburt und Herkunft her nicht in diesem Grundgesetz wiederfinden. Vieles lässt sich im eigenen Leben verändern, sogar das eigene Geschlecht. Aber keiner kann das eigene Geborensein mit seiner elterlichen Abstammung umändern.

So steht der Vorwurf im Raum: Die gesetzliche Definition des Staates Israel als jüdischer Nationalstaat mache einheimische Menschen zu Fremden im eigenen Staat. An die Stelle eines demokratischen Gemeinwesens trete eine „Ethnokratie“ (Oren Yiftachel), die zu einem Apartheidstaat führen könne.

Kann der moderne Staat Israel den göttlichen Anspruch bewahrheiten, den Israel im Alten Testament prophetisch zugesprochen worden ist: „Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde“ (Jes 49,6)? Wo scheint das „Licht für die Völker“ auf, wenn der Staat Israel sich mit militärischer Gewalt gegen Terrorattentate und gewaltsame Übergriffe zu verteidigen hat und wenn zugleich der Konflikt mit den Palästi­nensern durch Bau neuer Siedlungen im besetzten Westjordanland bzw. der anhaltenden Ab­riegelung des Gazastreifens intensiviert wird? Was wir über die Medien an Zusammenstößen zwischen Israelis und Palästinensern wahrnehmen, lässt keine Aussicht auf einen Frieden im Heiligen Land erkennen. Egal für welche Seite man Partei zu ergreifen sucht, man wird sich nicht auf der Seite der göttlichen Gerechtigkeit wiederfinden.

Wer sind eigentlich die Juden? – „Das weiß niemand“ (Rabbiner Walter Rothschild)[1]

Und doch dringen die Worte des Propheten vor, suchen unser Gehör: „Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. […] Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.“ (Jes 49,1.3)

Sollen diese Worte uns immer noch gelten, können und dürfen wir sie nicht im Staat Israel festmachen. Das Israel des alten Bundes wie auch das Judentum sind nicht mit dem gegen­wärtigen Staat Israel identisch. Weder Volk noch Religion lassen sich nationalstaatlich bzw. territorial fassen.

Umgekehrt aber hat das Judentum in der Geschichte tatsächlich eine Sonderstellung. Es entspricht keiner Weltreligionen, die ihre Anhänger basierend auf deren persönlichen Entscheidung rekrutieren. In aller Regel wird man im Judentum qua Geburt als Jüdin bzw. Jude identifiziert.[2] Nach rabbinischer Lehre gilt jeder, der von einer jüdischen Familie abstammt oder zumindest von einer jüdischen Frau geboren wurde, als Jude und damit als Mitglied der jüdischen Gemeinde (Kehillah).

Diese genealogische Sichtweise ist gerade durch eine lebensbedrohliche Fremdwahrnehmung verstärkt geworden. Über Jahrhunderte hinweg sind Juden in Europa von Herrschern wie auch der jeweiligen Bevölkerung als fremdstämmige Volksgruppe identifiziert, ausgegrenzt, gettoi­siert und gewaltsam verfolgt worden – bis hin zur millionenfachen Tötung unter der national­sozialistischen Gewaltherrschaft.

Weiterhin versteht sich das Judentum nicht als eine „überirdisch“ ausgerichtete Religions­gemeinschaft.[3] Das Heil wird eben nicht im Himmel gesucht. Vielmehr wird im Bund mit dem HERRN das Land als Heilsgabe an Israel angesehen. So heißt es ja zu Beginn des 5. Buch Mose aus göttlichem Mund: „Siehe, ich habe euch das Land, das vor euch liegt, gege­ben. Zieht hinein und nehmt das Land ein, von dem der Herr euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, dass er’s ihnen und ihren Nachkommen geben wolle.“ (5Mose 1,8) Wer als Jude nicht selbst in diesem zugeschworenen „Land Israel“ (Eretz Israel) wohnt, findet sich in einer Exils- bzw. Diasporasituation (Galut) wieder, für die jedoch die göttliche Verhei­ßung einer Heim- bzw. Rückkehr (Alija) gilt.[4]

„Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört, …“

So lässt sich also Israel unter seinem prophetischen Anspruch weder als Nationalstaat noch als Religion fassen. Aber was bleibt dann von der göttlichen Zusage: „Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde“ (Jes 49,6)? Ist da im Lauf der Jahrhunderte doch etwas „dahingefallen von all dem guten Wort, das der Herr dem Hause Israel verkündigt hatte“ (Jos 21,45)?

Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22). Jesu Wort gilt auch heute noch. Die göttliche Heilwerdung der Menschen und Völker beginnt mit der Erwählung Israels als dem Volk der HERRN. Israel erweist der HERR seine Treue. Was Israel zum „Licht der Völker“ macht ist nicht die eigene Wirklichkeit, sondern die göttliche Treue. Da mögen eine Religionsgemein­schaft und ein Staat Weltbeeindruckendes geleistet haben. Aber all deren kulturellen Werke spiegeln nicht die göttliche Herrlichkeit wieder.

Die Lichtenergie des Heils, die die Dunkelheit des Todes durchwirkt, deren Strahlen uns in hoffnungsloser Eigensinnigkeit treffen, ist die unbändige Treue des HERRN zu Israel. Diese Treue geht so weit, dass sein Sohn sich als Gottesknecht für sein Volk am Kreuz von Golga­tha hingibt. In Jesus von Nazareth hat die göttliche Treue zu Israel ihre bleibende Gestalt für die Völker gewonnen. „Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. […] Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.“ (Jes 49,4.6)

Erstaunlich bleibt die göttliche Treue zu Israel. Sie lässt auch uns hoffen, so wie sie in Jochen Kleppers Lied „Er weckt mich alle Morgen“ (EG 452) besungen wird:

Er spricht wie an dem Tage, / da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage; / nichts gilt mehr als sein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue, / die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue / so, wie ein Jünger hört.

Amen.

[1] Walter L. Rothschild, 99 Fragen zum Judentum, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2001, S. 7.
[2] Ersatzweise auch durch eine Konversion (Gerut), die – entsprechend dem jüdischen Religionsgesetz (Halacha) – von einem Rabbinatsgericht (Beth Din) angenommen worden ist.
[3] Im Unterschied etwa zum Christentum, wo es bei Paulus heißt: „Wir aber sind Bürger im Himmel“ (Phil 3,20f; vgl. 2Kor 5,1-8; Hebr 11,8-16; 13,14).
[4] Vgl. Ez 20,40f; 34,11-16; 36,24-28; Jes 11,11-13; Jer 3,18; 16,14f; 30,3.

Hier der Text als pdf.

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